Dax-KurssturzAm Aktienmarkt macht sich Angst breit

Symbolbild Tradingfloor
Symbolbild Tradingfloordpa

Mit der Angst ist es so eine Sache, vor allem an der Börse. Wer große Angst hat, der ist in der Regel nicht gewillt, in Aktien zu investieren, weil die schließlich ständig auf und ab schwanken. Das ist nichts für zarte Gemüter. Also halten sich die Ängstlichen gleich weitgehend von der Börse fern. Während diejenigen, die sich dort mit Papieren eindecken, dann wohl zu den eher furchtloseren Menschen zählen müssten – so zumindest könnte man meinen. Zuletzt war es ja auch eindeutig so: Müsste man in einer Zahl ausdrücken, wie hoch die Angst unter Börsianern in den vergangenen Monaten war, so trüge diese Zahl eine Null vor dem Komma und dann irgendwo eine ziemlich kleine Zahl dahinter. Bis jetzt. Oder besser: bis Februar. Denn einmal hatte die Börse vor ein paar Wochen schon die Anleger verschreckt. Diese Woche krachten die Kurse erneut. Vom letzten Februartag auf den ersten März verlor allein der deutsche Leitindex Dax 300 Punkte. Nun grassiert die Angst. Und das ist nie gut an der Börse.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Beim ersten größeren Kurssturz Ende Januar hatten viele Analysten noch die Anlegerschar beruhigt: So eine Korrektur sei überfällig gewesen, angesichts der hohen Bewertungen an den Märkten. Zudem sei sie ziemlich nachvollziehbar, da sich nun abzeichne, dass die Notenbanken demnächst auf breiter Front wieder die Zinsen anheben würden. Die amerikanische Zentralbank Fed wird vermutlich weitere Zinsschritte in diesem Jahr vornehmen. Und vielleicht wird ja auch die europäische Zentralbank endlich auf diesen Kurs einschwenken und damit die Zeit der Nullzinsen beenden. Steigende Langfristzinsen aber sind schlecht für die Aktienmärkte. Denn sie machen es für Investoren wieder interessanter, ihr Geld in anderen Papieren anzulegen, in festverzinslichen Anleihen nämlich. Das geht normalerweise mit einem Abzug von Kapital aus den Aktien einher. Und dann sinken deren Kurse.

Die Angst ist nicht rational

So gesehen war der Kurssturz also erklärbar. Marktbeobachter sagen, die stärkere Bewegung der Anleger in Richtung Anleihemärkte habe tatsächlich den Rutsch bei den Aktienkursen Ende Januar, Anfang Februar ausgelöst. Dennoch, so lautete die einhellige Meinung: Die Konjunktur laufe gut – und sie werde es noch einen Weile tun. Die Unternehmensgewinne seien hoch – und würden dieses Niveau auch noch eine ganze Zeitlang halten. Es gebe also fundamental keine Gründe, weshalb aus der Korrektur ein größerer Absturz werden sollte. Oder gar ein veritabler Crash. Das gilt auch jetzt noch. Die Grunddaten haben sich nicht verändert. Trotzdem ist es nun zu einem weiteren starken Rückgang der Kurse gekommen. Und deshalb fragen sich nun viele, ob wir nicht im laufenden Jahr 2018 doch einen Crash erleben werden. Genau das ist die Angst.

Ganz rational ist sie nicht, finden Marktbeobachter zwar. Denn bisher ist die Angst davor, dass die Zentralbank Fed in diesem Jahr doch vier Zinsanhebungen statt der erwarteten drei vornimmt, nicht mehr als ein Gefühl. Durch Aussagen der Notenbanker lässt sich das bisher jedenfalls nicht begründen. Und warum sollte es wirklich zu einem Überschießen der Inflation kommen? Die Löhne steigen in Amerika endlich wieder, ja gut. Aber: Reicht das für eine sprunghafte Inflation schon aus? Ganz schlüssig also ist das Anlegerverhalten an dieser Stelle nicht. Genau daraus aber resultiert nun noch mehr Angst.

Erklärbarer wird das Szenario, wenn man sich etwas anderes vor Augen führt: Die Sache mit der Volatilität nämlich. Zuletzt nahmen die Schwankungen der Kurse an den Märkten immer weiter ab. Was daran lag, dass tatsächlich so viele furchtlose und frohgemute Anleger an den Börsen aktiv waren und ausnahmslos investierten, statt Geld abzuziehen. Die Stimmung war glänzend und je besser sie wurde, desto mehr entdeckten Anlageprofis ein Investmentvehikel, mit dem sie auf eben jene gute Stimmung setzen konnten: Die Volatilitätstrades. Sie schlossen also gehebelte Wetten darauf ab, dass die Volatilität noch weiter abnehmen und die Zeiten ruhig bleiben würden, weil ja alles so gut lief. Und die Märkte gaben ihnen Recht. Deshalb fuhren einige Investoren zuletzt dreistellige Prozentgewinne ein. Das zog natürlich noch mehr solcher Anleger an. Bis sich das Blatt dann Ende Januar sprunghaft wendete.

Auf einmal schoss die Volatilität geradezu explosionsartig in die Höhe. Genau das hatten viele spekulative Kurzfristanleger nicht kommen sehen. Die Folge war eine massenhafte Vernichtung von Kapital mit solchen Volatilitätswetten, vor allem Hedgefonds fuhren sie ein. Ihr Geld verpulverisierte sich geradezu. Nun sind Hedgefonds in Summe nicht so übermäßig groß, dass sie den kompletten Markt bewegen könnten. Doch hier griff zweierlei: Zum einen schnappen natürlich andere Marktteilnehmer die Signale auf, in diesem Fall die wachsende Volatilität und die daraus resultierende Angst. Zum anderen beeinflusst die stärkere Schwankung der Kurse auch den Rest der Fondsindustrie.

VIX Index

VIX Index Chart

Denn viele ihrer Fonds sind an bestimmte Zielmarken bei der Volatilität gekoppelt, das heißt: Wenn sie sich der Strategie verschrieben haben, bevorzugt in Aktien anzulegen, deren Wertschwankungen gering sind, dann bedeutet ein Anstieg der Volatilität, dass sie eine gewisse Anzahl von Papieren verkaufen müssen, um ihre eigenen Volatilitätskennziffern einzuhalten – und das Kapital in sicherere Anlagen umzuschichten. Je mehr dieser Papiere sie aber losschlagen, desto mehr sinken natürlich die Kurse. Die Schwankungen am Markt werden also noch größer. Das bedeutet, dass sie noch weitere Papiere abstoßen müssen. Damit nährt sich der Abschwung quasi selbst. Und auch die Volatilität verselbständigt sich, es gibt einen Verstärkereffekt. Das ist genau das, was zuletzt passiert ist. Oder, wie manche Marktbeobachter es ausdrücken: Die Risikomanager haben in den folgenden Monaten das Sagen am Aktienmarkt, nicht die Fundamentalzahlen.

Was sollte man nun in so einer Situation tun? Das hängt grob gesagt davon ab, ob man nun wirklich eher zur ängstlichen Spezies gehört oder nicht. Und davon, ob man das Kapital, das man zuletzt an der Börse angelegt hat, in absehbarer Zeit braucht, oder nicht – etwa weil man demnächst eine große Anschaffung plant oder vielleicht in drei bis fünf Jahren in den Ruhestand gehen möchte. Man sollte also ebenfalls Risikomanagement betreiben: Wer zur Sorte der Langfristanleger gehört und noch viele Jahre Zeit hat, der kann guten Gewissens versuchen, die Angst an dieser Stelle einfach auszublenden und investiert bleiben. Denn in der Langfristperspektive ergeben sich bei sinkenden Kursen gute Kaufgelegenheiten, für regelmäßige Sparplananleger sowieso. Wer dagegen einen begrenzten Anlagehorizont hat und das Geld demnächst fest für etwas anderes eingeplant hat, der sollte tatsächlich jetzt darüber nachdenken, ob er es nicht wenigstens teilweise aus dem Aktienmarkt abzieht und in etwas risikolosere Vehikel schichtet.

Anleihen werden wieder attraktiver

Es wäre zwar ein Ausstieg, bei dem ein Teil der jüngsten Kursgewinne verlorengegangen wäre. Schließlich steht der Dax derzeit rund zehn Prozent tiefer als noch bei seinem jüngsten Höchststand Ende Januar. Aber immerhin wäre es noch ein rechtzeitiger Ausstieg, bei dem man mit einem breiten Dax-30-Portfolio oder Dax-ETF auf Fünfjahressicht eine 62-prozentige Kurssteigerung eingesackt hätte und auf zehn Jahre sogar 78 Prozent. Das ist eine stolze Rendite. Und so mancher Marktbeobachter erinnert daran, dass sich so ein Ausstieg bei ähnlichen Börsenvorzeichen im Jahre 2000 und 2007 sehr bewährt habe. Zumindest, um nicht den folgenden Abschwung mitzunehmen.

Man muss allerdings auch dazu sagen, dass solche Aussteiger es vermutlich nicht geschafft hätten, nach 2003 und nach 2009 wieder genau den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, um die darauffolgende Hausse voll zu erwischen und wieder von ihren steigenden Kursen zu profitieren. Aber wer aktuell eben nicht jene Zeit mitbringt, um einen möglichen Kursabschwung – wenn er sich denn in größerem Maße fortsetzt – notfalls drei bis fünf Jahre auszusitzen, bis die Kurse wieder das alte Niveau erreicht haben, für den ist das auch kein Kriterium.

Was wäre also die passende Anlagealternative? Anleihen natürlich. Denn mit sinkenden Aktienkursen und steigenden Langfristzinsen werden die Bonds wieder deutlich attraktiver. Vor allem bei Verkaufswellen am Aktienmarkt habe sich bisher die Strategie der „Kernanleihen“ bewährt, so betont etwa der weltgrößte Anleiheninvestor Pimco. Sie hätten genau in diesen Situationen outperformt, sich also besser entwickelt als der Gesamtmarkt. Vor allem amerikanische Staatsanleihen seien da eine gute Wahl. Deren Rendite liegt zurzeit bei zehnjähriger Laufzeit bei knapp drei Prozent, 2,89 um genau zu sein. Das ist so viel wie seit vier Jahren nicht mehr. Auch Australiens Papiere liegen auf diesem Niveau, Kanadas Anleihen immerhin auf 2,25 Prozent und Norwegen rentiert mit 1,9 Prozent. Und die Renditen dieser Papiere knickten zuletzt deutlich nach oben ab.

Das ist freilich die derzeitige Rendite, die Anleger zu erwarten haben, wenn sie die Papiere wirklich bis zum Ende der Laufzeit halten, also zehn Jahre. Was nun vielen Aussteigern zu lang sein wird. Verkaufen sie die Anleihen vorzeitig, dann kommt es darauf an, wie sich der Kurs bis dahin entwickelt und ob er über den Nennbetrag steigt oder unter diesen fällt. Käme es demnächst zu einem Run auf die Anleihemärkte, dann werden die Kurse eher steigen als fallen. Wer auf Nummer Sicher gehen will, der kauft Anleihen mit kürzeren Laufzeiten, denn auch die drei- bis fünfjährigen US-Anleihen rentieren derzeit bei 2,56 Prozent, die ein- bis dreijährigen immer noch bei 2,77 Prozent. Das ergibt immer noch eine ansehnliche Rendite und sichere Zinsen bis Februar 2020 oder 2021. Egal, was die Aktienmärkte bis dahin treiben.