LebensversicherungAltverträge - Kündigung lohnt selten


Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Wer eine einmal getroffene Entscheidung noch nie bereut hat, der hat definitiv die richtige Entscheidung getroffen. An machen Stellen spricht das Leben da Klartext. Manchmal dagegen ist es deutlich schwieriger, bei Lebensversicherungen zum Beispiel. Es gibt wohl kaum einen Kunden einer kapitalbildenden Lebens- oder Rentenversicherung der sich in den vergangenen Jahren nicht mindestens einmal darüber geärgert hätte, einen solchen Vertrag abgeschlossen zu haben. Oder gleich mehrere davon. Schließlich stecken in deutschen Aktenordnern fast 90 Millionen solcher Policen, also rechnerisch mehr als eine pro Bundesbürger. Und deren Verzinsung, so rechnet man uns jährlich vor, sinkt von Jahr zu Jahr. Inzwischen sagen Verbraucherschützer unumwunden: Versicherungspolicen als Sparprodukte lohnen sich nicht mehr. Man solle lieber anders fürs Alter vorsorgen. Nur, wie wird man als Kunde die Dinger los, wenn man sie erst einmal hat? An dieser Stelle helfen uns nun die Gerichte.

In mehreren Entscheidungen hat der Bundesgerichtshof (BGH) festgestellt, dass Klauseln in alten Lebenspolicen nicht richtig formuliert waren. Nämlich ausgerechnet die, in denen Kunden darüber aufgeklärt wurden, wie sie den Vertrag in den ersten Wochen nach dem Abschluss widerrufen können, falls sie es sich nach der Unterschrift anders überlegt hätten oder sich im Nachhinein von den Maklern an der Haustür überrumpelt fühlten. Da nun diese Widerspruchsklauseln fehlerhaft waren, sind viele Verträge im Grunde nicht rechtsgültig. Und können deshalb bis heute widerrufen werden. Jeder, der einen solchen fehlerhaften Vertrag abgeschlossen hat, kann also heute noch beschließen, dass er diese Police eigentlich nie habe unterzeichnen wollen.

Der Kunde bekäme – auch wenn der Abschluss schon viele Jahre her ist – nicht nur sein eingezahltes Geld zurück, ermutigen Rechtsanwälte, sondern er könne zusätzlich eine Ausgleichszahlung in Form von Zinsen geltend machen, weil das Geld jahrelang im Vertrag feststeckte. Die Zinshöhe veranschlagen sie auf vier bis sieben Prozent pro Jahr. Sieben Prozent halten jedoch etliche Finanzexperten für eine überzogene Forderung, auf die sich wohl kein Lebensversicherer einlassen werde. Eher vier Prozent Ausgleichszinsen würden beim Versicherer durchsetzbar sein. Worauf der Verbraucher allerdings verzichten muss, ist der Risikobeitrag. Den behalten Versicherer von jeder Prämie ein, um damit abzupuffern, dass einige Versicherte vorzeitig sterben (und sie dann den Hinterbliebenen die Versicherungssumme auszahlen müssen), oder dass andere Versicherte viel länger leben als gedacht und dadurch lange Rentenzahlungen beziehen. Wie hoch dieser Risikoabschlag ist, verrät kein Versicherer freiwillig, das müssen Kunden also abwarten.

Ein schlechtes Geschäft für viele Kunden

Zudem könnte es sein, dass die Unternehmen sich nicht problemlos auf die Rückabwicklung einlassen und dass Verbraucher erst einen Anwalt einschalten müssen, um ihr Recht auch durchzusetzen. Das bedeutet also: Der Kunde bekäme seine Einzahlungen zurück, zuzüglich einer Verzinsung von rund vier Prozent, minus der Risikobeiträge und eventuell minus der Anwaltskosten. Insgesamt dürfte er am Ende mit einem leichten Gewinn aus dem Vertrag herausgehen. Und nicht, wie bei einer Versicherungskündigung sonst üblich mit hohem Verlust. Das klingt doch nach einer geschmeidigen Möglichkeit, die man annehmen sollte, oder?

Das könnte man denken, wenn man sich anschaut, wie manche Versicherungsunternehmen dieser Tage auf die Rechtslage reagieren. Deren Verhalten erscheint nämlich ziemlich suspekt: Sie verschicken Briefe, in denen sie den Kunden nunmehr neu formulierte Widerspruchsklauseln schicken, die sogenannte „Nachbelehrung“. Somit setzen sie ihnen eine neue Frist. Wer auf die Briefe innerhalb von 14 Tagen nicht mit einem Widerspruch antwortet, erkennt damit die alten Verträge auch trotz der fehlerhaften Klauseln an. Die laufen dann also weiter. Das klingt nach einem üblen Trick, vor allem weil die Frist mitten in der Weihnachtszeit abläuft, in der viele Kunden nun wirklich anderes zu tun haben, als viele Jahre alte Versicherungsunterlagen aus dem Schrank zu kramen und irgendwelche Klauseln zu kontrollieren. Oder selbst Briefe abzufassen, mit denen sie sich dagegen wehren, dass die verklausulierten Nachbelehrungen greifen – und sich dann ewig in Postschalterschlangen einzureihen, um die Schreiben nachweislich fristgerecht per Einschreiben zu versenden.

Weil es tatsächlich wirkt, als wollten die Versicherer ihre Kunden übertölpeln, raten einige Rechtsexperten: Legen Sie Widerspruch ein, unbedingt! Es gebe keine bessere Möglichkeit, unrentable Sparpolicen vorzeitig zu beenden. Das aber wäre für viele Kunden ein sehr schlechtes Geschäft. Denn gerade die alten Policen, um die es hier mehrheitlich geht, sind alles andere als unrentabel unter den derzeitigen Umständen.

Gesamtbilanz spricht gegen das Auflösen von Altverträgen

Die Verträge, die betroffen sind, stammen von Mitte 1994 bis Ende 2007. Nicht in allen Policen, die in dieser Zeit abgeschlossen wurden (Lebens-, Renten-, Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen), sind die Widerspruchsbelehrungen außerdem fehlerhaft und dadurch unwirksam. Sondern nur in etwa 60 Prozent der Fälle, hat eine Stichprobe des Bundes der Versicherten ergeben. Nur diese Verträge könnte man nun also ohne Verluste auflösen lassen. Die Frage ist nur: Will man das?

Zwischen 1994 und dem Jahr 2000 lag der Garantiezins der Versicherer immerhin noch bei üppigen vier Prozent. So hoch wie davor und danach nicht wieder. Das heißt also, dass gerade solche Policen sehr hoch verzinste Altverträge sind, von denen sich Sparer bloß nicht voreilig trennen sollten. Bei späteren Policen sank die Verzinsung zwar bis Mitte 2004 auf 3,25 Prozent ab, was aber immer noch mehr ist als das, was viele Kunden heute durch vergleichbare Anlagen erzielen. Lediglich für Verträge, die zwischen 2005 und 2007 geschlossen wurde, wäre dringend zu prüfen, ob sich das Fortführen wirklich lohnt. In dieser Zeit sackte die Garantieverzinsung auf 2,25 Prozent ab. Zudem werden die Auszahlungen von Policen ab 2005 auch üppiger besteuert, wenn sie später zur Auszahlung kommen. Das macht sie erheblich unlukrativer als ältere Modelle.

Auch die bisherige Gesamtbilanz spricht gegen das Auflösen von Altverträgen aus den 90er-Jahren: Wer in den vergangenen 20 Jahren monatlich 100 Euro in eine solche Kapitalpolice gesteckt hat (also von 1994 bis 2014), der hat damit bisher im Schnitt eine Rendite von 4,1 Prozent erzielt, bezogen auf das Geld, was er eingezahlt hat. Und das schon bei einem durchschnittlichen Versicherer. Ist er sogar Kunde bei einem der renditestärksten Versicherer, also bei Europa, Debeka, Cosmos oder HUK Coburg, so sind es sogar mehr als 5 Prozent Ertrag, im Bestfall 5,3 Prozent. Das heißt, er hat bereits aus 24.000 eingezahlten Euro 42.000 bis 43.000 Euro gemacht, wenn die Police ohnehin nur eine mittellange Laufzeit hatte, also 20 Jahre. Mehr wird er sicherlich auch beim Rückabwickeln wohl nicht herausbekommen.

Wo kriegt man eine bessere Rendite?

Nun werden viele antworten: Schön und gut, aber ich habe ja einen Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit. Der läuft also noch gut zehn Jahre und die Konditionen werden doch immer schlechter? Dem sei gesagt: Das stimmt zwar, wenn man sich die Lebensversicherungsbranche insgesamt ansieht. Doch erstens rentieren die 30-jährigen Langläuferverträge auch klassischerweise noch einmal höher als die mit 20 Jahren Laufzeit: Für Altverträge, die jetzt auslaufen kann man rund 4,79 Prozent Rendite erwarten – im Marktschnitt. Die besten werfen sogar 5,7 bis 5,8 Prozent Ertrag ab. Selbst wenn es also in den kommenden zehn Jahren schlechter weiterläuft als bisher, könnte am Ende mit Glück bei den besten Versicherern noch eine fünf vor dem Komma stehen.

Zweitens gelten für Verträge von 1994 bis 2000 ja die vier Prozent Garantiezins. Bei ihnen können die Versicherer die Renditen deshalb gar nicht so arg zusammenstreichen wie bei neueren Verträgen. Warum also sollte man sich dieser Garantie für die kommenden zehn, 15 Jahre selbst berauben? Oder andersherum gefragt: Mit welcher anderen Zinsanlage verdient man derzeit garantiert sehr viel mehr? Als Faustregel gilt daher: Ist der Vertrag älter als zehn Jahre, behalten Sie ihn. Ist er jünger, lassen Sie sich von einer Verbraucherzentrale oder beim Bund der Versicherten beraten, wenn Sie zweifeln.