RuhestandSo machen Sie aus Ihrem Vermögen eine Zusatzrente

Ein älterer Mann ruht sich aus und trinkt eine Tasse Kaffee
Eine Zusatzrente hilft im Alter, das Leben zu genießenGetty Images

Es ist eine schier unvorstellbar große Zahl: An die 88 Mrd. Euro zahlten Versicherungsunternehmen im Jahr 2016 an ihre Kunden in Deutschland aus – nur aus Lebensversicherungen. Davon könnte man für mehr als drei Monate die gesamten Ausgaben des Bundes bezahlen. Oder allen Bundesbürgern einmalig etwa 1100 Euro schenken.

Tatsächlich aber ist der Kreis der Empfänger sehr viel kleiner (genaue Zahlen nennt der Branchenverband GDV nicht), und die ausgezahlten Summen sind deutlich größer – häufig sechsstellig. Und so stehen viele Deutsche mit Anfang 60, wenn die meisten Lebensversicherungen fällig werden (und womöglich noch eine Erbschaft hinzukommt oder ein zu groß gewordenes Haus verkauft wurde), vor einem gar nicht so einfachen Problem: Sie haben einen Batzen Geld – wissen aber nicht, was sie damit machen sollen.

Klar gibt es Träume, die man sich nun endlich erfüllen kann – eine Weltreise zum Beispiel, vielleicht ein Wohnmobil oder eine Ferienwohnung. Doch die meisten Menschen denken zu diesem Zeitpunkt an den nahenden Ruhestand und wollen den Großteil ihres Vermögens nun so anlegen, dass es das Alter bestmöglich absichert: mit einer Art Zusatzrente, einem regelmäßigen monatlichen Einkommen, mit dem sie ihre gesetzliche Rente oder Pension aufstocken und den Rest des Lebens davon gut leben können.

Dafür gibt es einige Wege und Modelle – doch nicht jedes Angebot eignet sich für jeden. Capital stellt die wichtigsten Modelle vor, erklärt Vor- und Nachteile und ordnet sie verschiedenen Anlegertypen zu.

Sofortrente

So funktioniert es: Die Sofort- oder Leibrente ist ein Tauschgeschäft. Am Anfang zahlen Sie einem Versicherungsunternehmen einmalig einen Betrag, sagen wir 100.000 Euro. Wer das im Alter von 65 macht, erhält fortan jeden Monat garantiert eine zusätzliche private Rente von rund 320 Euro, so lange er lebt. In der Regel gewährt der Versicherer für die Vertragslaufzeit auch einen Garantiezins und dazu eine Überschussbeteiligung.

Für die Auszahlung können Sie einen immer gleichen Rentenbetrag wählen oder sich dafür entscheiden, dass die Rente in späteren Jahren ansteigt. Dies müssten Sie aber mit niedrigeren Anfangsrenten oder einer höheren Einzahlsumme erkaufen. Im Normalfall beginnt die Sofortrente im Monat nach der Einzahlung. Sie können sie aber auch auf einen späteren Zeitpunkt terminieren. Nur: Warum sollten Sie dann schon jetzt dem Versicherer Ihr gutes Geld anvertrauen?

Vorteile: „Die Sofortrente hat einen bestechenden Vorteil: Sie müssen sich nach dem Abschluss um nichts mehr kümmern“, sagt Tom Friess, Deutschlandchef des unabhängigen Finanzberaters VZ Vermögenszentrum und Autor des Buchs „Finanzcoach für den Ruhestand“. Denn das versprochene garantierte Zusatzeinkommen erhalten Sie Monat für Monat bis ans Ende Ihrer Tage. Und wenn Sie richtig lange leben, dann machen Sie mit so einer Lösung sogar eine hübsche Rendite.

Nachteile: Allerdings beginnt hier auch schon die wichtige Einschränkung: Sie müssen überdurchschnittlich alt werden, damit sich eine Sofortrente gegenüber einem normalen Auszahlplan finanziell lohnt. „Bis mindestens zur statistischen Restlebenserwartung wird lediglich das eingelegte Kapital ausbezahlt, ohne Rendite“, sagt Friess.

Angesichts der momentanen Niedrigzinsen sind die Konditionen der Verträge nicht besonders attraktiv – und nach Abschluss des Vertrages auch nicht mehr veränderbar. Auch Anleger, die ihren Nachkommen etwas vererben wollen, sollten dieses Modell nicht wählen. Denn das eingesetzte Kapital ist bei der Leibrente im Todesfall weg. Es sei denn, man vereinbart es anders. Ein solcher Schutz für die Erben kostet aber und belastet die Renditerechnung der Sofortrente zusätzlich.

Ein Totalverlust könnte rein theoretisch auch dann eintreten, wenn der Versicherer pleitegeht. Allerdings muss dann der gesetzliche Sicherungsfonds Protektor der Lebensversicherungsbranche einspringen.

Eignet sich für: Klassischerweise Selbstständige, die zwar viel erspart haben, aber nur eine geringe gesetzliche Rente erwarten und auch in der privaten Altersvorsorge bisher Lücken haben. Darüber hinaus ist die Sofortrente für alle interessant, die überzeugt sind, dass sie lange leben. Ein möglicher alternativer Anwendungsfall wäre der private Verkauf eines Hauses gegen eine Art Leibrente. Sie sollten dann aber einen soliden Käufer wählen, der nicht so schnell finanziell in die Knie geht.

Bankauszahlplan

So funktioniert es: Der Bankauszahlplan ist eine moderne Version des Modells Kopfkissen. Sie legen Ihr Geld auf einem Konto an und vereinbaren mit der Bank oder Sparkasse eine monatliche Rückzahlung eines Teilbetrags dieses Kapitals – sowie die Laufzeit, in der Regel zwischen sechs und 30 Jahren. Obendrauf gibt es einen Zins, der meist für die ganze Laufzeit festgesetzt wird. Dieser dürfte allerdings momentan nicht dramatisch höher sein, als wenn das Geld unter dem Kopfkissen liegt.

Vorteile: Der Bankauszahlplan bietet dem Anleger ein regelmäßiges Einkommen, das automatisch auf seinem Konto eingeht. Das ist bequem. Anders als bei der Leibrente gibt es für die Nachkommen etwas zu erben. Falls der Kunde früh stirbt, haben sie Zugriff auf das noch nicht ausgezahlte Vermögen. Das Modell ist zudem bei Finanzinstituten weitverbreitet und lässt sich leicht arrangieren.

Nachteile: Wenn Sie länger leben, als die vereinbarte Laufzeit dauert, ist das Kapital aufgezehrt. Und wenn Sie zwischenzeitlich an Ihr Geld wollen, wird es schwierig. Denn normalerweise sind Bankauszahlpläne während der Laufzeit nicht kündbar. Und die Konditionen – die im jetzigen Zinsumfeld bescheiden ausfallen – sind nicht veränderbar. „Bei einer so langen Laufzeit ist auch das Bonitätsrisiko zu beachten“, sagt Gerd Kommer, Gründer des unabhängigen Münchner Vermögensverwalters Gerd Kommer Invest: „Nur 100.000 Euro sind durch die gesetzliche Einlagensicherung gedeckt. Aber wenn man die Gesamtsumme in mehrere 100.000-Euro-Einzelverträge splittet, sind die Konditionen schlechter.“

Eignet sich für: Anleger, die Sicherheit während der Laufzeit des Vertrages suchen, ihren Nachkommen etwas vererben wollen – und ihrer Bank vertrauen.

Fondsentnahme

So funktioniert es: Beim Fondsentnahmeplan vertrauen Sie Ihr Geld einem Fonds an, der die eingesetzte Summe dann in einen Auszahlplan umwandelt. Höhe und Dauer legen Sie selbst fest. Und Sie entscheiden auch, ob Sie dabei nur die Erträge entnehmen oder auch Ihr Startkapital. Je nach persönlicher Neigung können Sie sich für einen Rentenfonds, einen aktiv gemanagten Aktienfonds, einen ETF oder einen ganz anderen Fonds entscheiden.

Vorteile: Sie wandeln auch hier einen hohen Einmalbetrag in regelmäßige Teilzahlungen um – haben dabei aber höhere Flexibilität als beim Bankauszahlplan und der Leibrente. Die Auszahlkonditionen können Sie in der Regel verändern. „In einer Welt, die sich so rapide wandelt und solchen Strukturbrüchen ausgesetzt ist, sollte man schnell auf Veränderungen reagieren können“, sagt Michael Reuss, geschäftsführender Gesellschafter des unabhängigen Vermögensverwalters Huber, Reuss & Kollegen aus München. Für die Erben bleibt im Fall eines vorzeitigen Todes etwas übrig.

Nachteile: Die höhere Rendite geht mit mehr Risiko einher. Wenn etwa am Anfang des Entnahmeplans die Kurse fallen, kann es passieren, dass Ihr Startkapital schnell dahinschrumpft. Denn in diesem Modell müssen Sie besonders viele Anteile verkaufen, wenn die Kurse unten sind. Dann bleibt für die kommenden Jahre viel weniger übrig als geplant.

Eignet sich für: Anleger, die flexibel bleiben wollen und Rendite suchen. Aber Sie sollten nicht auf Gedeih und Verderb auf die Zusatzrente angewiesen sein.

Income-Fonds

So funktioniert es: Income-Fonds sind im Prinzip Fondsentnahmepläne. Nur werden sie von der Finanzindustrie anders genannt – und mit vermeintlich stetigen Zinserträgen beworben. Weil viele Anleger regelmäßige Erträge aus ihrem Vermögen wünschen, erfreuen sie sich im Verkauf derzeit großer Beliebtheit.

In der Regel schütten die Fonds Geld quartalsweise an die Anteilseigner aus und verschaffen ihnen so ein zusätzliches „Einkommen“. Oft mixen die Manager verschiedene Anlage- und Fondskategorien zusammen, etwa Aktien, Anleihen und Immobilien. Die Auszahlungen werden aus Dividenden, Zinszahlungen, Mieten beziehungsweise den Ausschüttungen der Fonds im Portfolio gespeist.

Vorteile: Wie bei den Fondsentnahmeplänen. Darüber hinaus sind die Income-Fonds darauf spezialisiert, den Anlegern möglichst hohe Ausschüttungen zu verschaffen – was ihnen auch oft gelingt.

Nachteile: Wie bei den Fondsentnahmeplänen. Dazu gehen höhere Ausschüttungen auch stärker an die Substanz. Dividendentitel sind zudem oft nicht die Aktien mit dem größten Kurspotenzial. Die bei Income-Fonds besonders beliebten Anleihen, allen voran riskantere Schuldtitel mit ihren höheren Renditen, haben zwischenzeitlich schon spürbare Kursrückschläge erlebt. Weitere könnten folgen. Hinzu kommen noch die vergleichsweise hohen Gebühren von 1,5 bis knapp zwei Prozent pro Jahr.

Eignet sich für: Anleger, die eine Rendite von drei bis vier Prozent anstreben und kein Problem damit haben, ihre private Altersvorsorge dafür in riskantere Papiere zu stecken. Zudem sollten sie sich für einige Zeit wirklich binden, fünf oder mehr Jahre sollten es mindestens sein. Und man sollte auf das Können seines Fondsmanagers vertrauen.

Individuelle Auszahlpläne

So funktioniert es: Hier mixt Ihnen ein Vermögensverwalter ein Portfolio und den dazugehörigen Auszahlplan nach Ihrem persönlichen Geschmack zusammen: aus allen möglichen Anlagekategorien. Berater Friess etwa bietet oft ein Mischmodell aus Tagesgeld und kurz laufenden Staatsanleihen einerseits sowie volatileren Papieren wie Aktien andererseits an. Kategorie eins wird vor allem am Anfang verkauft, Kategorie zwei eher gegen Ende. Auf Dauer könne man so von den guten Aktienrenditen profitieren, wirbt Friess. Und man sei nicht gezwungen, Aktien zu einem ungünstigen Zeitpunkt zu verkaufen.

Kommer bietet ähnliche individuelle Auszahlpläne an und setzt wegen der niedrigen Zinsen ebenfalls auf einen satten Aktienanteil. „Sonst sind Renditen von drei Prozent heute kaum noch erreichbar.“ Um die Kosten zu begrenzen, verkauft Kommer nicht monatlich, sondern mindestens quartalsweise.

Reuss stellt für Kunden bei Anlagen von unter 1 Mio. Euro bevorzugt Fonds zusammen, Einzeltitel schwankten zu stark. Auch er setzt auf eine Kombination aus Aktien (30 bis 60 Prozent) und Anleihen. Drei bis fünf Prozent Rendite seien so noch immer möglich. „Selbst in der Finanzkrise 2007/08 war man nach anderthalb Jahren wieder über Wasser.“

Vorteile: Der Anleger ist noch flexibler und kann sich Portfolios bauen, die zu seiner ganz persönlichen Lebenssituation passen.

Nachteile: Da die genannten Vermögensverwalter nach eigenen Angaben keine Provisionen kassieren, nehmen sie Verwaltungs- und teils auch Beratungsgebühren.

Eignet sich für: Individualisten, die auf eine persönliche Beratung großen Wert legen.

Gesetzliche Rente

So funktioniert es: Wenn Sie früher in Ruhestand gehen wollen, als gesetzlich vorgesehen ist, und dabei Abschläge an der gesetzlichen Rente vermeiden möchten, können Sie sich mit einer freiwilligen Einmalzahlung zusätzliche Rentenpunkte kaufen.

Je nach Geburtsjahr und Rentenart können die Versicherten bis zu 48 Monate früher aus dem Job ausscheiden. Pro Monat vorgezogenem Ruhestand kürzt die Deutsche Rentenversicherung die Rente um 0,3 Prozent. Wer beispielsweise also drei Jahre früher in Ruhestand geht, bekäme anstelle seiner erwarteten Rente von 1682 Euro nur 1500 Euro. Dies ließe sich aber ausgleichen: nach derzeitigen Sätzen durch eine Zahlung von gut 40.000 Euro, rechnet Friess vor. Und wer dann doch später in den Ruhestand geht, bekommt entsprechend mehr Rente.

Vorteile: Die gesetzliche Rente wird bis zum Lebensende gezahlt. Sie ist weniger inflationsanfällig als die Leibrente oder der Bankauszahlplan. Sollte die Teuerungsrate ansteigen, können die Rentner auf entsprechende Rentenerhöhungen hoffen. Schließlich bilden mehr als 20 Millionen Rentenbezieher eine starke Lobby, die kein Politiker ignorieren kann.

Nachteile: Große Beträge können in diesem Modell nicht angelegt werden; es ist beschränkt. Und die demografische Lage wird die gesetzliche Rente früher oder später unter Druck bringen: Bald gehen die geburtenstarken Jahrgänge ab 1955 in Pension.

Eignet sich für: Menschen, die früher in Ruhestand gehen wollen.