RuhestandSo können Selbstständige fürs Alter vorsorgen

Vor allem Geringverdiener unter den Selbstständigen müssen sich Sorgen um ihre Altersvorsorge machen
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Es gibt zwei Methoden, mit Sorgen umzugehen: Man kann sie verdrängen – das tun viele Menschen. Und es hilft gelegentlich, wenn auch längst nicht immer. Manchmal auch nur für kurze Zeit. Oder man kann sich Sorgen machen, weil man über das Worst-Case-Szenario nachdenkt und sich ausmalt, wie schlimm alles werden könnte. Das hilft genau dann, wenn man sich trotz des Schreckensszenarios dennoch nicht entmutigen lässt. Sondern wenn man sich sagt: Ok, wenn das der schlimmste anzunehmende Fall ist, was kann ich dann tun, damit er möglichst nicht eintritt. Das wäre genau das, was man dieser Tage den Selbstständigen raten müsste. Viele von ihnen machen sich Sorgen um ihre Altersversorgung, laut einer aktuellen Umfrage sind es zwei Drittel der Freiberufler. Und wenn man der Politik glaubt, dann haben sie auch allen Grund dazu.

Denn auch die Regierung sorgt sich, dass Selbstständige und Freiberufler im Alter mehrheitlich ohne ausreichende Einkünfte dastehen werden. Deshalb will sie die Gesetze ändern und diese Beschäftigtengruppe sozusagen zwangsversichern. Die soll dann pflichtgemäß ebenfalls Beiträge an die gesetzliche Rentenkasse abführen und so für ihren Ruhestand sparen. Damit ihr eben im Alter nicht die Armut droht, sondern wenigstens eine staatliche Rente. Ende des Jahres will Arbeitsminister Hubertus Heil dazu einen Gesetzesentwurf vorlegen. Unabhängig davon, wie sinnvoll man diese Versicherungspflicht für Freischaffende nun finden mag (unumstritten ist sie nämlich nicht und ob sie nennenswerte Effekte auf die Stabilisierung des Rentensystems haben wird, was einige Politiker ebenfalls erwarten, bleibt anzuwarten) – die Grundfrage dabei ist doch: Wie berechtigt ist die Sorge um die Selbstständigen? Sorgen sie wirklich so wenig vor?

Knapp zwei Drittel aller Freiberufler und Unabhängigen scheinen ja davon überzeugt zu sein. Warum sonst würden laut der Studie einer Honorarberaterbank 62 Prozent von ihnen antworten: Ich habe Angst um meine finanzielle Absicherung im Alter? Bei weiblichen Selbstständige ist die Unsicherheit noch ausgeprägter: 68 Prozent von ihnen bereitet die Altersvorsorge Kopfschmerzen. Jede Fünfte hat sogar „sehr große Sorgen“, ob später das Geld reicht. Der Grund dafür dürfte vor allem in der Geschlechterdifferenz beim Einkommen liegen. Denn Frauen haben nicht nur als Angestellte in der freien Wirtschaft im Durchschnitt ein niedrigeres Gehalt, sondern auch dann, wenn sie sich als Firmenchefs selbst bezahlen oder als Freiberufler und Soloselbstständige von ihren Kunden bezahlt werden. Repräsentativ erhobene Daten zeigen, dass 42 Prozent der weiblichen Selbstständigen auf einen Jahresumsatz von weniger als 50.000 Euro kommen, bei Männern dagegen sind es nur 29 Prozent. Wer wenig verdient, hat natürlich auch größere Schwierigkeiten Geld zurückzulegen.

Viele Selbstständige besitzen eine Immobilie

Wie viel Geld genau die Selbstständigen nun regelmäßig für später sparen, ermittelte die Studie leider nicht. Sie fragte aber, welche Arten von Anlageprodukten zur privaten Altersvorsorge genutzt werden. Demnach verfügt fast jeder zweite Selbstständige über eine selbstgenutzte Immobilie. Immerhin jeder Fünfte vermietet ein Haus oder eine Wohnung. Ungefähr jeder Dritte hat auch Investmentfonds mit Aktien, Anleihen oder Immobilien (bei den weiblichen Selbstständigen etwas weniger). Und genauso viele besitzen Sparkonten. Immerhin nur jeder siebte Mann und gut jede fünfte Frau jedoch besitzt keine dieser Anlageformen. Genau sie sind es, um die sich die Politik oder die Finanzbranche dringend kümmern müsste.

Insgesamt scheint die Lage bei den unabhängig Beschäftigten jedoch besser als gedacht. Schließlich verfügen rund 80 bis 85 Prozent von ihnen über irgendeine Art von privater Altersvorsorge. Was nicht ganz verwunderlich ist, denn wer selbstständig arbeitet weiß in der Regel auch, dass er selbstständig vorsorgen muss. Und in der weit überwiegenden Anzahl tun das Freiberufler und Firmeninhaber uch, weil sie es sich mit einem Jahresumsatz oberhalb von 50.000 Euro auch mehrheitlich leisten können. Lediglich vielen kleineren Soloselbstständigen dürfte es schwerfallen, also den Einmann- und Einfraufirmen mit geringeren Einkünften. Sie werden sich größtenteils hinter den 14 Prozent der Männer und den 22 Prozent der Frauen verbergen, die derzeit über keine gesonderten Altersvorsorgemittel verfügen. Sie werde es auch mehrheitlich sein, die nicht an ein berufsständisches Versorgungswerk angeschlossen sind, das ihnen über die Privatersparnisse hinaus noch eine weitere Rentenzahlung im Alter gewährt. Die allermeisten Freiberufler jedoch zahlen in solche Versorgungswerke ein und haben damit sozusagen eine Art betrieblicher Altersvorsorge.

Zudem haben Firmeninhaber und auch Freiberufler wie Ärzte oder Anwälte jenseits der Versorgungswerke und der angehäuften Privatfinanzen noch das Ass im Ärmel, dass sie ihre Betriebe, Praxen und Kanzleien später verkaufen können. Das bringt ihnen zu Rentenbeginn noch einmal einen größeren Betrag ein, der sich in eine zusätzliche Monatsrente ummünzen lässt. Auch Landwirte können – auch wenn sie Hof und Grund behalten wollen – ihre Flächen zumindest verpachten und daraus noch eine Zusatzrente generieren.

Viele der 4,4 Millionen Selbstständigen sind gut aufgestellt

Doch wie viel wird dieser Betrieb in einigen Jahren wert sein? Auch darüber sorgen sich die Selbstständigen. Die Studie ermittelte, dass viele Freiberufler zurzeit fürchten, ihre Betriebe später nicht zum erhofften Preis an die nächste Berufsgeneration weitergeben zu können, sondern nur weit unter Wert. Viele Ärzte auf dem Land sind darunter vermutlich, weil die Praxisübergabe dort nicht einfacher geworden ist. Dennoch können Mediziner davon ausgehen, so sagen Branchenzahlen, mit dem Verkauf ihrer Betriebe rund 77.000 Euro zu erzielen, wenn sie Hausärzte sind, bei Orthopäden gelten eher 275.000 Euro als Durchschnittswert, Zahnarztpraxen werden je nach Ertragslage zwischen 100.000 und 400.000 Euro angeboten. Ein annähernd sechsstelliger Betrag könnte also noch einmal drin sein. Nur, wie weit kommt man damit im Alter? Da fürchten besonders Mediziner, dass das Vermögen höchstens für rund 13 Jahre reichen werde, wenn sie es im Ruhestand verzehren müssen. Andere Freiberufler gehen immerhin von 23 Jahren aus. Wir werden nachher berechnen, ob sie damit richtig liegen.

Auch andere Erhebungen geben erst einmal grundsätzlich Entwarnung und sagen, dass viele der rund 4,4 Millionen Selbstständigen hierzulande recht gut aufgestellt sind: Über die Hälfte von ihnen haben sogar gesetzliche Rentenansprüche erworben, wenn auch nur kleine. Schließlich waren viele von ihnen vor der eigenen Firmengründung einige Jahre, manche auch Jahrzehnte als Angestellte beschäftigt. Wer heute nicht mehr in die Rentenkasse einzahlt – oder es noch nie tat – der besitzt oft eine private kapitalbildende Lebensversicherung (48 Prozent der Selbstständigen) oder Rentenversicherung (31 Prozent), sagen Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW. Zudem besäßen zwei Drittel derer, die durchs gesetzliche Rentenraster fallen, Immobilien sowie zusätzlich über ein Geld- und Anlagevermögen von 100.000 Euro. 40 Prozent von ihnen brächten es sogar auf 250.000 Euro Geldvermögen. Das heißt: Wer keine Pflichteinzahlungen in die Rentekasse tätigt, der ist nicht mehrheitlich arm, sondern er hat privat besonders gut vorgesorgt. Genau so stellt man es sich ja auch vor.

Die Zahl derjenigen, die keine gesetzlichen Rentenbeiträge leisten, auch in keinem berufsständischen Versorgungswerk Mitglied sind UND zudem keine private Altersvorsorge betreiben, ist zwar auch in diesen Erhebungen nicht beziffert. Theoretisch könnten es rund zwei Millionen Soloselbstständige sein. Tatsächlich aber dürfte diese Gruppe der Unterversorgten kleiner sein. Sie ist auf jeden Fall diejenige, die sich berechtigterweise Sorgen machen müsste, aber auch noch einiges tun könnte, wenn sie jetzt mit dem Sparen beginnen würde: Also, Freiberufler aller Branchen, verselbstständigt das Sparen! Und überweist zumindest 100 Euro jeden Monat automatisch auf ein gesondertes Konto, damit es Euch am Lebensabend hilft.

Minimalprogramm für Spätstarter

Wie viel das noch bringen kann – und was die übrigen Selbstständigen erwartet, zeigen diese Rechnungen: Angenommen ein 47-jähriger Freiberufler spart jeden Monat 100 Euro und steckt das Geld in einen Aktien-ETF-Sparplan, der ihm langfristig rund sechs Prozent Rendite jährlich ermöglicht und kaum Kosten verursacht, dann hätte er bei Renteneintritt rund 45.600 Euro beisammen. Das ergibt keine üppige Monatsrente, sondern „nur“ rund 200 Euro Zusatzeinkommen, zumindest, wenn er das Geld dann auf die Bank packt (zu einem Zins von 1,4 Prozent, der selbst jetzt mit größeren Summen zu erzielen ist) und es sich mit einem Entnahmeplan auszahlen lässt. Es würde allerdings auch 23 Jahre reichen, also bis er 90 Jahre alt ist. Man muss allerdings auch sagen: Dies wäre das absolute Minimalprogramm für einen völligen Spätstarter. In der Regel schwant den Bedürftigen aber entweder schon eher, dass sie endlich anfangen müssten, oder sie legen auch entsprechend mehr Geld zurück. Dann nämlich sieht die Rechnung schon ganz anders aus:

Angenommen der 47-jährige Spätstarter kann monatlich zusätzlich 200 Euro zurücklegen. Dann beträgt sein Vermögen zu Rentenbeginn schon beachtliche 91.000 Euro. Ungefähr genauso viel kommt übrigens heraus, wenn der Starter zwar nur 100 Euro sparen kann, aber dafür zehn Jahre früher damit anfängt. Nach 30 Jahren nämlich hat er dann 95.000 Euro zusammen. Dann wären immerhin schon 400 Euro Monatsrente drin. Wer 40 Jahre spart (also von 27 bis 67), der kommt bereits auf 191.000 Euro (bei 100 Euro Sparrate, das ergibt 800 Euro Rente) oder auf beachtliche 383.000 Euro, wenn er 200 Euro Rücklagen im Monat aufbringt. Spätestens dieser Betrag sollte ein echter Anreiz für den Frühstart sein. Denn er bedeutet: Wer bereits mit 27 Jahren das Sparen beginnt, der kann sich später eine private Extrarente von gut 1600 Euro auszahlen. Das ist mehr als die meisten Rentnerhaushalte hierzulande aus der gesetzlichen Rente zu erwarten haben, bei erheblich höheren Einzahlungen.

Nun muss dafür natürlich auch der Kapitalmarkt mitspielen und die sechs Prozent Rendite langfristig erwirtschaften. Bisher jedoch war das in den vergangenen 50 Jahren und mehr kein Thema. Solche Renditen waren drin. Häufig sogar noch ein wenig mehr.

Ein paar hundert Euro zurücklegen

Zudem kann der Sparer noch einen Extra-Turbo einschalten. Er kann sein Endvermögen – bei gleicher Sparrate – schon in 20 Jahren um weitere 15.000 Euro erhöhen, oder nach 40 Jahren sogar um rund 50.000 Euro. Dann lägen auf seinem Fondsdepot bei Rentenbeginn rund 61.600 Euro (nach 20 Jahren) oder 243.000 Euro (nach 40 Jahren). Und zwar selbst wenn er nur 100 Euro gespart hätte. Könnte er das Doppelte zurücklegen, also 200 Euro monatlich, dann hätte er sogar 107.000 Euro nach 20 Jahren und 434.000 Euro nach 40 Jahren beisammen. Raten Sie einmal, was er dafür dann tun müsste …

Er müsste nur bereits 5000 Euro auf der hohen Kante haben, die er zu Beginn der Sparphase ins Fondsdepot schichtet. Denn dieser Kapitalstock entfaltet über die extrem lange Zeit einen wahren Zinseszinsturbo. Damit wären bestenfalls 1700 Euro Rente nach insgesamt 40 Jahren drin, trotz übersichtlicher 200 Euro Einzahlung. Das zu verrentende Endvermögen beliefe sich dann auf 434.000 Euro. Wie viel Zusatzrente es sogar bei 300 Euro monatlicher Sparrate wäre, behalten wir vielleicht lieber für uns. Sie würden uns das sowieso nicht abkaufen. Oder hätten Sie geglaubt, dass damit sogar 2600 Euro möglich wären?

Solche Summen sind nun beileibe keine Mondbeträge, die kein Selbstständiger je erreichen wird. Das zeigt auch die Statistik des DIW, die besagt, dass immerhin zwei Drittel der Selbstständigen, die nicht in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, bereits über 100.000 Euro Anlagevermögen angehäuft haben. Und 40 Prozent besitzen sogar 250.000 Euro an Finanzmitteln und Wertpapieren. Diese 250.000 Euro ergeben bei besagtem Entnahmeplan (und der weiteren Anlage zu 1,4 Prozent Festzins) bereits eine Extrarente von über 1057 Euro im Monat. Und das ist dann nur der Ertrag aus dem Geldvermögen.

Üppige Absicherung

Zusätzlich besitzen diese Freiberufler ja nach eigenen Aussagen mehrheitlich noch ihre selbstgenutzten Immobilien, die für mietfreies Wohnen sorgen. Etliche Freiberufler haben zudem Monatsrenten aus den Versorgungswerken zu erwarten – die freilich weitaus geringer ausfallen werden als die möglichen Erträge aus der Kapitalanlage, so viel scheint klar. Außerdem könnte die Anwälte und Mediziner unter ihnen noch ihre Praxen und Kanzleien versilbern – was bei 100.000 Euro Erlös noch einmal rund 400 Euro extra monatlich wären und bei 250.000 Euro Verkaufswert noch einmal eine Extrarente von rund 1000 Euro ergäbe.

Nun sollen solche Berechnungen nicht zeigen, dass die Schar der Freiberufler überaus üppig abgesichert ist. Durchschnittsbetrachtungen verzerren zudem oft auch das Bild. Denn die reinen Mittelwerte ergeben sich oft, weil wenige Gutverdiener den Schnitt arg nach oben ziehen. Während viele Schlechtverdiener in Wahrheit sehr viel bescheidener dastehen und mit weniger Geld auskommen müssen. Dennoch merkt man an solchen Rechenbeispielen eines: Wenn sich viele Ärzte Sorgen machen, ob sie mit ihren Finanzen im Alter über die Runden kommen werden, und wenn sie fürchten, dass ihre Einkünfte womöglich nicht lange ausreichen werden, nämlich nur für 13 Jahre über den Renteneintritt hinaus – dann ist das zwar alarmierend. Doch es scheint auch arg pessimistisch gedacht. Der Entnahmeplan oben wäre schließlich für eine Laufzeit von 23 Jahren kalkuliert und würde bedeuten: Ein Selbstständiger könnte sich diese Zusatzbeträge bis zum Alter von 90 Jahren genehmigen.

Man könnte sich daher auch gut an den Hundertjährigen orientieren: Eine andere Studie befragte extrem Hochbetagte, was sie in ihrem Leben rückblickend anders machen würden, wenn sie es könnten. Und ihre Antwort lautete: Sie würden sich beim nächsten Mal nicht mehr so viele Sorgen machen. Das wäre das Einzige. Und jeder Selbstständige, der jetzt das große Rechnen anfängt, dem sei gesagt: Wenn er noch ein paar Jahre Zeit bis zur Rente hat, sollte er schleunigst einen Sparplan aufsetzen und 100 oder 200 Euro jeden Monat weglegen. Das wäre schon mal ein Plan fürs Alter.