BörsengängeAirbnb, Uber, Slack: Lohnt der Einstieg bei den neuen Techstars?

Der Börsenstart von Uber verlief holprig
Der Börsenstart von Uber verlief holprigGetty Images

Der Jubel über den Rekord währte nur kurz, die Schuldigen wurden alsbald gesucht. Warum brach die Aktie von Uber kurz nach dem Börsengang, dem größten seit Alibaba, um acht Prozent ein? Das Umfeld war schlecht, meinte der Chef, Dara Khosrowshahi. „Du kannst den Tag nicht kontrollieren.“ Die Banken waren schuld, sagten andere, zu viel Gerede gab es über die Bewertung, dazu den „Kater von Lyft“. Der Konkurrent war einige Wochen zuvor gestartet, der Kurs hatte sich schwach entwickelt.

Schon blöd: Da will man mit einer Plattform die Welt erobern und stolpert beim Gang aufs Parkett. Was aber heißt das für die Uber-Aktie? Viel zu früh ist es für eine Antwort, gerade bei Techaktien, wo man oft das Ach-wäre-ich-doch-nur-eingestiegen-Klagelied gehört hat. So war es bei Facebook, bei Google oder Amazon. Aktionäre, die 1997 den Einstieg bei Amazon verpassten, dürften heute noch feuchte Augen bekommen: Wer damals 2000 Dollar auf den Onlinehändler setzte, ist heute nach mehrfachem Aktiensplit Millionär. Der Facebook-Kurs verfünffachte sich seit dem Börsengang (IPO) 2012, der von Alibaba verdoppelte sich.

So gesehen wird das Jahr 2019 für Anleger, die früh dabei sein wollen, aufregend: Es ist das Jahr der Tech-IPOs. Mit Lyft, Uber, Slack sowie dem sozialen Netzwerk Pinterest sind bereits vier Techstars aus den USA an die Börse gegangen, der Büroflächenanbieter Wework und der Hotelkonkurrent Airbnb sollen in den kommenden Wochen und Monaten folgen. Wer gerne in Unternehmen investiert, die Märkte umwälzen und stürmisch wachsen, sollte also Geld bereithalten.


Kursraketen oder Rohrkrepierer?


Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Papiere etlicher Hoffnungsträger stürzten kurz nach Börsenstart ab. Die des Streamingdienstes Spotify etwa oder die von Snapchat. Dropbox dümpelt ebenfalls dahin. Selbst Lyft lag Mitte Mai fast 30 Prozent unter der Erstnotiz von 78 Dollar Ende März.

Wann wäre für IPOs eine bessere Zeit als jetzt?

Die meisten Newcomer kämpfen nämlich mit dem gleichen Problem: Sie verdoppeln zwar rasend schnell ihre Kundenzahlen, manche auch die Umsätze – doch sie schreiben tiefrote Zahlen. Uber-Chef Khosrowshahi drückte es so aus: „Wenn ihr ein vorhersehbar profitables Unternehmen wollt, kauft eine Bank. Kommt nicht zu uns – ganz einfach.“ Werden die neuen Techaktien also Kursraketen – oder doch Rohrkrepierer?

Warum sie gerade jetzt zur Erstnotiz drängen, ist klar: Das erste Quartal war „ungewöhnlich ruhig“, sagt IPO-Experte Martin Steinbach von der Beratungsgesellschaft EY. Viele Anleger standen unter Schock, so erklärt es Nadja Picard, Leiterin Kapitalmärkte bei PwC: „Schließlich endete das Jahr 2018 an den Kapitalmärkten sehr turbulent. Investoren waren extrem verunsichert.“ Die holprige Konjunktur in Europa und China, der Handelsstreit mit den USA, die Hängepartie um den Brexit, „in einem solchen Umfeld sind Investoren kaum bereit, in Neuemissionen zu investieren“, sagt Picard.

Inzwischen ist die Delle in den Indizes ausgebügelt, die extrem negativen Szenarien der Analysten blieben aus. „Insbesondere in den USA sind die Märkte nahe ihren Höchstständen, weswegen die IPO-Ankündigungen prominenter Technologieunternehmen kaum überraschen“, findet Picard. Wann wäre für IPOs eine bessere Zeit als jetzt?

Weit von der Gewinnschwelle entfernt

Gerade für Techfirmen, die viel größere Träume verkaufen als jene mit traditionellem Geschäftsmodell. Sie können in solchen Phasen enorm viel Geld bei Anlegern einsammeln, und das brauchen sie auch.

Lyft etwa verdreifachte seinen Umsatz zwar seit 2016 auf 2 Mrd. Dollar, fuhr aber gut 900 Mio. Dollar Verlust ein. In diesem Jahr soll das Minus mehr als 1 Mrd. Dollar betragen. Konkurrent Uber machte sogar 1,8 Mrd. Dollar Verlust, bei 11 Mrd. Dollar Umsatz. Beim Marktführer wuchsen die Erträge zuletzt viel langsamer, was auch seine Marge schrumpfen ließ. Laut Prognosen soll Lyft bis 2022 die Gewinnzone erreichen, Uber erst in fünf bis sieben Jahren.

Auch Pinterest und Slack sind weit von der Gewinnschwelle entfernt, ihre Umsätze liegen zudem weit unterhalb der Milliardengrenze. Der Videodienst Zoom will es immerhin dieses Jahr schaffen. Einzig Airbnb verdient bereits Geld: In den USA macht der Zimmervermittler laut Analystenschätzungen inzwischen mehr Umsatz als die Hotelkette Hilton. Davon blieben 2017 rund 100 Mio. Dollar hängen. Mit neueren Daten geizt Airbnb vor dem Börsengang – wie viele Konkurrenten. Das macht es schwer, das Potenzial einzuschätzen.

Aber Wagniskapitalgeber vertrauen den Firmen ja auch, denkt mancher: Sie bewerten die Techunternehmen milliardenschwer. Airbnb etwa sammelte 2017 bei seiner letzten Finanzierungsrunde so viel Geld ein, dass der Firmenwert auf 31 Mrd. Dollar taxiert wurde. Schlägt die Plattform ihre Aktien tatsächlich zum angepeilten Börsenpreis los (180 bis 221 Dollar), würde sich ihr Marktwert bereits auf 53 bis 65 Mrd. Dollar verdoppeln. „Kein Hotelbetreiber hätte das in der Zeit hinbekommen“, sagt Dan Wasiolek von der Ratingagentur Morningstar.

Hohe Bewertungen

In Klassikkategorien kann man aber bei Tech-Disruptoren auch nicht mehr denken, schließlich haben sie komplette Märkte umgewälzt. Allein der Markt für Kollaborationsdienste von Zoom ist rund 40 Mrd. Dollar schwer, der Hotelmarkt 150 Mrd. Dollar, das Ride-Sharing wird auf 500 Mrd. Dollar geschätzt. Wer nur einen Teil davon abschöpft, wächst gigantisch. Manches Unternehmen ist womöglich den Mondpreis tatsächlich wert.

Doch warnen Analysten vor zu viel Optimismus. Sie fühlen sich bei einigen Bewertungen an den Dotcom-Crash erinnert. Nicht umsonst korrigierte Uber seinen Aktienpreis zum IPO auf 45 Dollar herunter – womit der Firmenwert bei 82 Mrd. Dollar lag. Zuvor wurde er auf 135 Mrd. Dollar geschätzt, so viel wie General Motors, Fiat Chrysler und Ford zusammen an die Börse bringen.

Allerdings: Uber ist bei Weitem nicht alleine in diesem Markt unterwegs – dafür aber so aggressiv, dass das Unternehmen in vielen Ländern auch mit großen Widerständen kämpfen muss. Die Gefahr ist, dass Geschäftsmodelle der Disruptoren bald selbst disruptiert werden. Auch dieses Risiko gehört in den Aktienkurs.

Dass viele Start-ups heute mit gigantischen Bewertungen an die Börse kommen, hat noch einen weiteren Grund: „Im Gegensatz zu früheren Tech-Börsengängen gehen die Unternehmen zum späteren Zeitpunkt an die Börse, denn die privaten Investoren haben ihre Anteile länger gehalten“, sagt Wesley Lebeau von der Gesellschaft CPR. Ist das ein gutes Zeichen? Nicht unbedingt. Es könnte auch ein Warnsignal sein, nämlich dann, wenn die alten Investoren jetzt ihre Anteile versilbern, bevor der Markteinbruch kommt. Es gibt also durchaus gute Gründe, mit dem Einstieg noch zu warten: Facebooks Aktie brauchte ein Jahr, bis sie stieg. Amazons sogar elf.