Wirecard-AktieAbsturz ins Bodenlose

Wirecard-Logo am Firmensitz in Aschheim bei München
Wirecard-Logo am Firmensitz in Aschheim bei Münchenimago images / Sven Simon

Einen Kursverlust von 80 Prozent binnen zwei Tagen, das hat der deutsche Vorzeigeindex Dax sehr lange nicht erlebt. Wirecard-Eigner flohen panisch aus der Aktie, nachdem die Wirtschaftsprüfer von EY dem Konzern das Testat verweigert hatten, weil der Nachweis für den Verbleib von 1,9 Milliarden Euro fehlt.  Kurz vor der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag hatte der Kurs noch bei 100 Euro gestanden. Mit der Absage begann der beispiellose Absturz: Erst zerlegte es die Aktie bis Donnerstagabend auf 40 Euro, am Freitagmorgen sackte sie weiter durch bis auf 20 Euro. Markus Braun beendete den freien Fall am Freitagmittag selbst, indem er seinen Rücktritt erklärte. Daraufhin drehte der Kurs nach oben – machte aber lediglich ein paar Euro gut.

Es gibt also noch Käufer. Zum einen sind das Leerverkäufer, die sich nun mit Aktien eindecken müssen oder zum niedrigen Preis eindecken wollen. Daneben gibt es aber auch Unverdrossene, die nach wie vor an Wirecard glauben. Hoffen diejenigen, dass sich die Vorwürfe als falsch erweisen? Oder dass wenigstens gerettet wird, was zu retten ist? Sind es extrem nervenstarke Schnäppchenjäger, die darauf hoffen, dass Wirecard ein Übernahmekandidat wird und von einem der internationalen Konkurrenten aufgekauft wird? Das könnte den Kurs noch einmal ein Stückchen heben. Diejenigen sollten dann allerdings einen weiteren Kursverfall verschmerzen können. Seit gestern mahnen Marktbeobachter und Analysten vor einer Zahlungsunfähigkeit Wirecards, wenn Banken aufgrund des fehlenden Geschäftsberichts Kredite fällig stellen. Die ausstehenden zwei Milliarden brächte das kaum auf. Ein Einstieg ist derzeit ein waghalsiges Manöver.

Rückzug der Großinvestoren

Die bisherigen Großinvestoren haben sich bereits in den vergangenen Wochen zurückgezogen. Laut Wirecard-Unternehmenshomepage haben wirklich alle ihre Bestände zum 18. Juni unter die magische Meldeschwelle von drei Prozent gesenkt.  Die weltgrößte Vermögensverwaltung Blackrock ist noch zu 2,89 Prozent beteiligt – was auf das hohe Volumen in den hauseigenen Indexfonds zurückzuführen sein dürfte. Gleiches gilt für die DWS, Fondstochter der Deutschen Bank mit der ETF-Marke Xtrackers, die einen ähnlich hohen Anteil hält.  Die Vermögensverwaltung Union Investment ist allerdings freiwillig mit 2,12 Prozent dabeigeblieben. Die amerikanische Großbank Morgan Stanley rangierte mit 1,07 Prozent auf Rang vier der externen Investoren. Weniger als ein Prozent der Aktien, also eher homöopathische Bestände sind zudem in der Hand von Goldman Sachs, Bank of America, Société Générale und Citigroup.

Nur einer hat sein Aktienpaket beibehalten und sogar Ende April noch etwas aufgestockt: Markus Braun. Der bisherige Vorstand hält 7,07 Prozent der Aktien.

Mittlerweile gelten Wirecard-Aktien irgendwie als Igitt. Die Fondsgesellschaft DWS hat sich am Donnerstagabend mit folgendem Statement komplett distanziert: „Aktuell halten wir keine materiellen Positionen in aktiv gemanagten Fonds mehr.“ Zudem „analysieren wir die Faktenlage und prüfen die Einleitung rechtlicher Schritte“.

Großinvestoren wie Privatanleger sammeln nun juristische Munition, um gegen Wirecard zu feuern. Aktionärsschützer und Anlegeranwälte wie die bekannte Kanzlei Tilp haben bereits im Mai die ersten Anlegerklagen angeschoben.

Besser spät als nie. Schließlich haben sich Fondshäuser und Banken bis zuletzt optimistisch für die Aktie positioniert. Obwohl die Vorwürfe gegen Wirecard schon über ein Jahr im Raum stehen. Sehr vorausschauend und vor allem risikobegrenzend war das nicht. Union Investment etwa übersprang im Januar die Meldeschwelle. Die Deutsche Bank hatte erst im Herbst 2019 kräftig aufgestockt. Sie alle spekulierten auf den weiteren Aufstieg des Unternehmens, das mit sagenhaften Wachstumszahlen im Herbst 2018 in den deutschen Leitindex Dax aufgestiegen war.

Im Rückblick aber war just an dem Tag, an dem Wirecard in die Riege der 30 größten börsennotierten Aktiengesellschaften in Deutschland aufgenommen wurde – am 3. September 2018 nämlich – die Aufstiegsgeschichte vorbei. Damals notierte die Aktie bei 192 Euro, das war ihr Höchststand. Danach begann der Abstieg. Und der bekam ein unerwartetes Momentum, als die Financial Times im Januar und Februar 2019 Artikel veröffentlichte, in denen sie die Bilanzierungspraktiken und einige Geschäftszahlen von Wirecard und dessen Partnerunternehmen anzweifelte. Diese Nachrichten führten zum ersten großen Einbruch des Kurses: Er knickte von knapp 170 Euro auf unter 100 Euro weg. Seitdem sägt sich die Aktie im Zickzack durch die Börsenstatistik, bis sie an diesem Donnerstag zum freien Fall ansetzte.

Was an den vielen Vorwürfen dran ist, die inzwischen auf dem Tisch liegen, weiß niemand. Zwei Sonderprüfungen durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG und EY haben keine umfassende Entlastung gebracht. Im Gegenteil, sie gipfelten in der Feststellung vom Donnerstag, dass den Prüfern „unberechtigte Bankbestätigungen“ mit falschen Saldenbestätigungen vorgelegt worden seien. Dass also die Existenz der Milliarden auf Treuhänderkonten bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen sei. Und dass deswegen weitere Prüfungen nötig seien. Das Testat für den Geschäftsbericht kann so lange nicht abgegeben werden.

Bereits seit 2016 tauchten erste Zweifel auf an Geschäftszahlen und Bilanzdaten von Wirecard. Damals hatte die Studie eines britischen Analysten erste Anschuldigungen enthalten. Damals stand der Aktienkurs noch bei übersichtlichen 40 Euro. Dennoch hielten vor allem die Großanleger der ersten Stunde auch danach an der Wirecard-Aktie fest. Zu ihnen gehörten die Fondsboutiquen Jupiter aus Großbritannien und Alken aus Frankreich, die beide bereits 2009 die Aktie kauften, als sie noch bei rund 10 Euro stand. Sie hielten die Papiere bis 2017 beziehungsweise 2018 und schlugen sie dann für rund 100 bis 130 Euro los. Vor allem diese beiden dürften viel gewonnen haben. Die britische Fondsboutique Artisan verdreifachte in der ersten Haltephase ihren Einsatz: Sie kaufte 2009 und verkaufte 2013. Just mit den ersten Zweifeln am Unternehmen stieg sie jedoch 2016 wieder ein (bei rund 40 Euro) und blieb den Aschheimern bis 2018 treu, bis zur Kursmarke von etwa 130 Euro.

Spannend ist auch, wer nach 2016 neu als Großinvestor auftrat: Die Citigroup etwa, ebenso wie Blackrock. Sie stiegen bei rund 40 beziehungsweise 90 Euro ein und hielten zeitweise rund fünf Prozent der Wirecard-Aktien. Blackrock dürfte ebenso wie die DWS am Donnerstag hohe Verluste eingefahren haben.

Gewinner des Kursdesasters gab es natürlich auch: Einige Hedgefonds und Shorttrader haben wiederholt auf fallende Kurse gewettet. Allein gestern sollen sie mehr als zwei Milliarden Euro an Wirecards Absturz verdient haben. Den allergrößten Teil des Schadens werden dagegen die vielen Privatanleger tragen, die das Papier im Depot hatten. Ausgerechnet am Absturztag nämlich waren viele Broker und Tradingplattformen wegen des gigantischen Verkaufsvolumens über Stunden nicht erreichbar. So konnten die Depotinhaber ihre Papiere genau in den schlimmsten Stunden nicht verkaufen, so berichten Marktbeobachter.

Fliegt Wirecard nun aus dem Dax?

Insgesamt pulverisierte der Absturz nicht nur den Kurs, sondern auch den Börsenwert von Wirecard regelrecht. Weniger als 4 Milliarden Euro war die Firma am Freitag noch wert, mit rund 25 Milliarden Euro war sie im Herbst 2018 in den Dax aufgestiegen. Damit war sie damals mehr wert als die Deutsche Bank. Die gigantische Wertvernichtung von 21 Milliarden Euro wirft nun noch eine andere Frage auf: Fliegt Wirecard nun wieder aus dem Leitindex Dax hinaus? Das ist zumindest wahrscheinlich, sofern sich der Unternehmenswert nicht bis zum August wieder vervielfacht. Denn allein die Marktkapitalisierung des Streubesitzes (also der Börsenwert) und der Handelsumsatz der Aktie entscheiden darüber, ob eine Aktie in den Dax aufgenommen wird – und dort auch bleiben darf. Entscheidend für die Marktkapitalisierung ist der Durchschnittswert der letzten 20 Handelstage im August. Schafft Wirecard es also bis dahin nicht, den Kurs zu vervielfachen, dann ist es vorbei mit der Dax-Mitgliedschaft.

Auch eine Übernahme könnte den Zahlungsabwickler aus dem Dax befördern. Bei einer Insolvenz wäre er ebenfalls draußen. Zudem prüft die Deutsche Börse derzeit, ein Sanktionsverfahren gegen Wirecard einzuleiten. Details dazu darf sie nicht nennen. Das Verfahren wäre auch nicht öffentlich. Aber es geht bei solchen Verfahren darum, ob ein Unternehmen gegen börsenrechtliche Vorschriften verstoßen hat. Im Fall von Wirecard vor allem wohl deswegen, weil Mitteilungen an Aktionäre nicht korrekt oder rechtzeitig ergangen sind. Ein weiterer Punkt könnte sein, dass die Vorlage des Geschäftsberichts bis heute wieder und wieder verschoben wurde. Am Ende eines solchen Verfahrens könnte eine Geldstrafe von bis zu einer Million Euro stehen drohen oder nur ein Verweis. Es wäre damit wohl eher das kleinste Problem, das die Wirecard AG zurzeit hat.