Wirecard-AktieAbsturz ins Bodenlose

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Im Rückblick aber war just an dem Tag, an dem Wirecard in die Riege der 30 größten börsennotierten Aktiengesellschaften in Deutschland aufgenommen wurde – am 3. September 2018 nämlich – die Aufstiegsgeschichte vorbei. Damals notierte die Aktie bei 192 Euro, das war ihr Höchststand. Danach begann der Abstieg. Und der bekam ein unerwartetes Momentum, als die Financial Times im Januar und Februar 2019 Artikel veröffentlichte, in denen sie die Bilanzierungspraktiken und einige Geschäftszahlen von Wirecard und dessen Partnerunternehmen anzweifelte. Diese Nachrichten führten zum ersten großen Einbruch des Kurses: Er knickte von knapp 170 Euro auf unter 100 Euro weg. Seitdem sägt sich die Aktie im Zickzack durch die Börsenstatistik, bis sie an diesem Donnerstag zum freien Fall ansetzte.

Was an den vielen Vorwürfen dran ist, die inzwischen auf dem Tisch liegen, weiß niemand. Zwei Sonderprüfungen durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG und EY haben keine umfassende Entlastung gebracht. Im Gegenteil, sie gipfelten in der Feststellung vom Donnerstag, dass den Prüfern „unberechtigte Bankbestätigungen“ mit falschen Saldenbestätigungen vorgelegt worden seien. Dass also die Existenz der Milliarden auf Treuhänderkonten bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen sei. Und dass deswegen weitere Prüfungen nötig seien. Das Testat für den Geschäftsbericht kann so lange nicht abgegeben werden.

Bereits seit 2016 tauchten erste Zweifel auf an Geschäftszahlen und Bilanzdaten von Wirecard. Damals hatte die Studie eines britischen Analysten erste Anschuldigungen enthalten. Damals stand der Aktienkurs noch bei übersichtlichen 40 Euro. Dennoch hielten vor allem die Großanleger der ersten Stunde auch danach an der Wirecard-Aktie fest. Zu ihnen gehörten die Fondsboutiquen Jupiter aus Großbritannien und Alken aus Frankreich, die beide bereits 2009 die Aktie kauften, als sie noch bei rund 10 Euro stand. Sie hielten die Papiere bis 2017 beziehungsweise 2018 und schlugen sie dann für rund 100 bis 130 Euro los. Vor allem diese beiden dürften viel gewonnen haben. Die britische Fondsboutique Artisan verdreifachte in der ersten Haltephase ihren Einsatz: Sie kaufte 2009 und verkaufte 2013. Just mit den ersten Zweifeln am Unternehmen stieg sie jedoch 2016 wieder ein (bei rund 40 Euro) und blieb den Aschheimern bis 2018 treu, bis zur Kursmarke von etwa 130 Euro.

Spannend ist auch, wer nach 2016 neu als Großinvestor auftrat: Die Citigroup etwa, ebenso wie Blackrock. Sie stiegen bei rund 40 beziehungsweise 90 Euro ein und hielten zeitweise rund fünf Prozent der Wirecard-Aktien. Blackrock dürfte ebenso wie die DWS am Donnerstag hohe Verluste eingefahren haben.

Gewinner des Kursdesasters gab es natürlich auch: Einige Hedgefonds und Shorttrader haben wiederholt auf fallende Kurse gewettet. Allein gestern sollen sie mehr als zwei Milliarden Euro an Wirecards Absturz verdient haben. Den allergrößten Teil des Schadens werden dagegen die vielen Privatanleger tragen, die das Papier im Depot hatten. Ausgerechnet am Absturztag nämlich waren viele Broker und Tradingplattformen wegen des gigantischen Verkaufsvolumens über Stunden nicht erreichbar. So konnten die Depotinhaber ihre Papiere genau in den schlimmsten Stunden nicht verkaufen, so berichten Marktbeobachter.

Fliegt Wirecard nun aus dem Dax?

Insgesamt pulverisierte der Absturz nicht nur den Kurs, sondern auch den Börsenwert von Wirecard regelrecht. Weniger als 4 Milliarden Euro war die Firma am Freitag noch wert, mit rund 25 Milliarden Euro war sie im Herbst 2018 in den Dax aufgestiegen. Damit war sie damals mehr wert als die Deutsche Bank. Die gigantische Wertvernichtung von 21 Milliarden Euro wirft nun noch eine andere Frage auf: Fliegt Wirecard nun wieder aus dem Leitindex Dax hinaus? Das ist zumindest wahrscheinlich, sofern sich der Unternehmenswert nicht bis zum August wieder vervielfacht. Denn allein die Marktkapitalisierung des Streubesitzes (also der Börsenwert) und der Handelsumsatz der Aktie entscheiden darüber, ob eine Aktie in den Dax aufgenommen wird – und dort auch bleiben darf. Entscheidend für die Marktkapitalisierung ist der Durchschnittswert der letzten 20 Handelstage im August. Schafft Wirecard es also bis dahin nicht, den Kurs zu vervielfachen, dann ist es vorbei mit der Dax-Mitgliedschaft.

Auch eine Übernahme könnte den Zahlungsabwickler aus dem Dax befördern. Bei einer Insolvenz wäre er ebenfalls draußen. Zudem prüft die Deutsche Börse derzeit, ein Sanktionsverfahren gegen Wirecard einzuleiten. Details dazu darf sie nicht nennen. Das Verfahren wäre auch nicht öffentlich. Aber es geht bei solchen Verfahren darum, ob ein Unternehmen gegen börsenrechtliche Vorschriften verstoßen hat. Im Fall von Wirecard vor allem wohl deswegen, weil Mitteilungen an Aktionäre nicht korrekt oder rechtzeitig ergangen sind. Ein weiterer Punkt könnte sein, dass die Vorlage des Geschäftsberichts bis heute wieder und wieder verschoben wurde. Am Ende eines solchen Verfahrens könnte eine Geldstrafe von bis zu einer Million Euro stehen drohen oder nur ein Verweis. Es wäre damit wohl eher das kleinste Problem, das die Wirecard AG zurzeit hat.