Anlageskandal5 Thesen zur P&R-Pleite

Gestapelte Container
Symbolbild Container

#1 P&R ist kein Fall von Gier…

Eine der typischen eiligen Diagnosen bei Pleiten am Grauen Kapitalmarkt lautet, dass Anleger und Vermittler womöglich den Hals nicht voll bekommen hätten. Oder dass schon ein Provisionsverbot das Schlimmste hätte verhindern können. Beides trifft auf die Causa P&R nicht zu. Bei den letzten noch platzierten Angeboten stellte P&R Anlegern Renditen nach Steuern von 3,1 Prozent pro Jahr in Aussicht, die letzten prospektierten Vertriebsprovisionen lagen bei knapp drei Prozent. Sowohl in den Renditezielen als auch den Provisionen sind selbst viele Investmentfondsanbieter aggressiver unterwegs.

#2 … sondern der einer gut erzählten, plausiblen Geschichte.

Eine typische Masche am Grauen Kapitalmarkt ist es, Anleger nicht mit Details zu nerven und damit Fragen aufzuwerfen, sondern ihnen lieber eine glaubwürdige und plausible Geschichte zu erzählen. Das verfängt in einer Zeit, in der die Komplexität von Vorsorgeprodukten immer weiter zunimmt. Eine plausible Geschichte erzählen zu können, das machte schon den Erfolg von Prokon aus, der letzten großen Graumarkt-Pleite: An der Energiewende verdienen, in Sachwerte wie Windräder investieren, den Banken und Energieriesen ein Schnippchen schlagen.

P&R setzte in dieser Hinsicht noch eins drauf und schuf über Jahrzehnte ein Angebot, in dem es für einen nur oberflächlich interessierten Anleger an positiven Eigenschaften nur so wimmelt: Man investiert in Sachwerte – eben Container – die Globalisierungsprofiteure sind. Hinzu kommen Begriffe wie Mietgarantie, Rückkaufsgarantie, Treuhänder, versichert, steueroptimiert und zuletzt sogar noch „Bafin-geprüft“ (obwohl die Finanzaufsicht Angebote nur formal prüft).

Nicht zu vergessen ist dabei ein nicht vorhandener oder bestenfalls höchst illiquider Handel mit den Anlagen. Denn was von manchen Anlegern als wünschenswert empfunden wird, schafft am Grauen Kapitalmarkt Interessenkongruenz zwischen Anbietern, Vermittlern und Anlegern: Wo es keinen Handel der Geldanlage gibt, kann es auch keine zwischenzeitlichen sichtbaren Verluste geben wie an der Börse. Das kommt – wie auch bei einer Immobilie – der natürlichen Verlustaversion von Anlegern entgegen. Und wirft keine kritischen Fragen auf. Damit sind mögliche Probleme gleichwohl nicht aus der Welt. Es droht eine Vermögensillusion, die allerdings erst dann als solche sichtbar wird, wenn die Finanzlage bereits nicht mehr zu retten ist.

#3 Eine Anlage in P&R war stets eine Glaubensfrage – kein Skandal, der auf Aufdeckung gewartet hat

Die wesentlichen Informationen, die für eine sachlich saubere Analyse der Ertragslage und Plausibilität der Renditen nötig gewesen wären, hat P&R nie geliefert. Dazu zählte etwa genaue Angaben über die Containerflotte, ihr Alter und ihre Qualität, ihre Marktwerte – und die Frage, woraus die Gesellschaft eine seit 2017 über Prospekte sicher belegbare Differenz zwischen den gezahlten Mieten und den Marktmieten begleicht.

Auch das ist eine frappierende Parallele zu Prokon: eine ähnliche Glaubensfrage bis zum Tag des Zahlungsausfalls. Zwar war ersichtlich, dass Prokon mehr ausschüttete, als es operativ mit Windrädern und anderen Firmen erwirtschaftet hat. Es warf die Frage auf, ob die Zahlungen damit mit frischen Anlegermitteln geleistet werden, genauso wie bei P&R die Frage im Raum steht, ob die Differenz zwischen gezahlten Containermieten und Marktpreisen aus neuen Geldanlagen gespeist wurde. Beide Unternehmen dementierten das, verwiesen auf Reserven und höhere Erträge in der Zukunft, weil der Wind bald wieder stärker bläst und die Containermieten bestimmt wieder ansteigen werden.

Aber der bloße Verdacht erlaubt nicht den Schluss, dass sich eine Firma auf dem Weg in die Pleite befindet. Schließlich zahlen auch börsennotierte Gesellschaften bis hin zu Dax–Werten Dividenden oder gar Zinsen gelegentlich aus ihrer Substanz. Letztlich war eine P&R-Anlage damit eine Glaubensfrage – und dass der Glauben an das Geschäftsmodell lebendig blieb, dafür sorgte der rituell vorgetragene Sermon, dass P&R über Jahrzehnte hinweg jeder Zahlungsverpflichtung nachgekommen sei.

#4 Die Schlacht der Anwälte um betroffene Anleger überschreitet bisweilen Grenzen des guten Geschmacks

Ob in der Suchmaschine Google, in den Betroffenenverteilern über E-Mail und Soziale Medien und auch in den Public-Relations-Abteilungen der Kanzleien: dem Ratschlag, sich schnellstens juristischen Beistand zu holen, kann sich derzeit kein betroffener Anleger entziehen. Dabei gebietet schon die Logik, dass man ebenso gut einen Friseur fragen kann, ob man denn einen Haarschnitt brauche wie einen Anwalt, ob denn eine Beratung und womöglich Vertretung in Sachen P&R lohne. Nur wenige schließen sich dem Rat des vorläufigen Insolvenzverwalters an, der sagt: „Es besteht derzeit keine Möglichkeit für die Gläubiger, ihre Ansprüche gegen die insolventen Gesellschaften zwangsweise durchzusetzen“. Zu Recht verweist er darauf, dass eine individuelle Containerverwertung in einem fragwürdigen Verhältnis zum Erlös stehen dürfte.

Eigens für alle Suchanfragen geschaltete Google-Werbeanzeigen stellen indes nicht weniger als „Ausstieg und Geld zurück“ und „Geld zurück bekommen können“ in Aussicht sowie „Schadenersatz und Rückabwicklung“. Andere bringen in Umlauf, es gehe jetzt darum, sich möglichst rasch zu einer großen Gruppe bei einem Anwalt zusammenzuschließen, um möglichst schlagkräftig beim Insolvenzverwalter auftreten zu können. Wieder andere erklären, schon Finten gefunden zu haben, wie man sich vor andere betroffene Anleger mogeln und Geld aus der Schweiz sichern könne, wohin Mittel von Anlegern im verschachtelten P&R-Firmengeflecht geflossen sind – gegen Zahlung von ein Prozent der investierten Summe nehme man sich der Sache an.

Freilich spricht nichts gegen eine Rechtsberatung – im Gegenteil. Im unübersichtlichen Markt für Direktinvestitionen stehen auch mögliche Rückforderungen und Haftungsfragen im Raum. Die P&R-Anleger laufen aber auch in der Gefahr, ein zweites Mal Opfer einer plausiblen „Geschichte“ zu werden, wenn sie nun in einer emotionalen Reaktion zu Übersprungshandlungen neigen.

#5 Keine Regulierung wird den Grauen Kapitalmarkt wirklich trockenlegen können – die Anbieter finden stets Nischen.

Der Glaube, Regulierung sei für alles eine Lösung, ist ein Irrweg. Mit der Regulierung des Markts für Direktinvestitionen hat sich Berlin ohnehin viel Zeit gelassen und damit paradoxerweise für eine jahrelange Sonderkonjunktur gesorgt, nachdem die Absatzzahlen in anderen Bereichen wie Geschlossenen Fonds zurückgegangen sind. Erst seit dem vergangenen Jahr griff die so genannte Prospektpflicht, in der Anbieter ihre Produkte, Risiken und die Mittelverwendung genau auflisten müssen. Im Falle P&R hätten aufmerksame Investoren dem Verkaufsprospekt, dessen Erhalt und Lektüre sie in aller Regel schriftlich bestätigt haben dürften, zum Beispiel entnehmen können, dass der Kopf hinter dem Investmentkonstrukt in den kommenden fünf Jahren mindestens 130 Mio. Euro erhalten wird, sofern die Planzahlen erfüllt werden.

Ein Angebot aber der Prospektpflicht zu unterwerfen, ist zwar eine Maßnahme für mehr Transparenz. Für Vermittler und die Anbieter selbst ist es aber oft praktisch: Sie bekommen damit das Vertriebsargument an die Hand, das Angebot sei damit auch von der Finanzaufsicht Bafin geprüft – was auch formal stimmt. Doch die Aufsicht nimmt weder eine Plausibilitäts- noch Solvenzprüfung vor, sondern untersucht den Prospekt lediglich auf formale Richtigkeit. Und schlimmer noch: Da Anleger in der Regel unterschreiben, dass sie den Prospekt auch gelesen und verstanden haben einschließlich der Risiken, ist die Haftungsfrage auch in der Regel geklärt – und zwar zu Ungunsten der Anleger.

Jeder Regulierungszyklus schafft sich zudem neue Profiteure: Manche Anlagen sind anschließend privilegiert, andere benachteiligt. So läuft das Katz- und Mausspiel zwischen Politik, Aufsehern und Anbietern schon seit Jahren. Und neue Profiteure sind auch schon in Aussicht, selbst wenn die physische Anlageberatung bis ins letzte Detail reguliert ist: Aktuell etwa Initial Coin Offerings (ICOs), Kryptowährungen, digitale Wetten und binäre Optionen von Standorten außerhalb der Europäischen Union aus – die Digitalisierung erfasst so auch den Grauen Kapitalmarkt.