Geldanlage5 Lehren für Privatanleger aus dem Wirecard-Desaster

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#2 Den Mut begrenzen

Wer ein breit gestreutes Portfolio aus ein paar billigen ETF zu langweilig ist, der kann sich einen kleinen Nervenkitzel ins Depot einbauten. Mit einem kleinen Teil des Geldes lässt sich in das Anlegen, woran man glaubt, oder wovon man vielleicht aus beruflich-fachlichen Gründen etwas versteht. (Obacht: Finger weg vom Insiderhandel. Das ist unmoralisch und die Finanzaufsicht kennt da keinen Spaß.) Beim Risikodepot geht es um die eigene Meinung, mit einem Anteil von fünf Prozent am Gesamtvermögen ist der Mut eingehegt. Jüngere können Verluste längerfristig eher wieder aufholen, bei ihnen darf es auch ein bisschen mehr sein. Trotzdem blöd, wenn ein Teil des Risikoportfolios in Wirecard-Aktie steckt, dann ist das Geld nämlich weg. Deshalb sind die nächsten drei Regeln insbesondere für diejenigen aufgeschrieben, die gern ein bisschen ins Risiko gehen.

#3 Nicht das nächst Apple suchen

Für Verhaltensforscher ist eine klare Angelegenheit: Gier vernebelt den Blick für unangenehme Fakten, sie macht uns Menschen blind für Risiken. Gerade bei Einzelaktien ist dieses Phänomen immer wieder zu beobachten, man kann dies auch als Apple- oder Microsoft-Effekt bezeichnen. Viele Anleger suchen verzweifelt nach dem nächsten Apple oder dem nächsten Microsoft. Sicher, die beiden Unternehmen sind über Jahre hochprofitabel, aber wie viele Software- und Computerfirmen sind in den vergangenen vier Jahrzehnten auf der Strecke geblieben? Wer glaubt, die „richtige“ Firma zu finden, der traut sich bestimmt auch die Vorhersage der Lottozahlen zu. Viele Anleger in Wirecard erlagen offenbar dieser Illusion von „Die Zukunft“. Wirecards Zahlungsplattform mag technologisch gut gewesen sein, aber die anderen Anbieter sind es eben auch. Die Anleger-Geschichte ist voll von solchen Zukunftsthemen, die sich am Ende als Nullnummer erwiesen.

#4 Global anlegen

Regionaler Einkauf von Fleisch ist aus vielen Gründen sinnvoll, und „Wir sind Papst“ ist sicher unterhaltsam. Bei der Geldanlage hat Lokalpatriotismus oder Nationalgefühl aber nichts zu suchen. Doch genau in diese Falle sind viele Anleger getappt, sie glaubten an „unser deutsches Fintech“ Wirecard, sie glaubten quasi an den Daimler unter den Zahlungssystemen. Dabei reicht schon der Blick in die Niederlande, wo der Wirecard-Konkurrent Adyen sitzt – ein Unternehmen ohne Bilanzskandal und Insolvenzantrag. Anleger sollten also immer einen globalen Blick auf Unternehmen und Märkte haben.

#5 Dem Hype misstrauen

Ein totsicherer Aktientipp aus dem Sportverein, dem die Mainstream-Medien und die Profi-Investoren einfach nicht folgen? Wirklich, oder könnte es nicht auch umgekehrt sein, dass der heiße Tipp aus dem Aktien-Newsletter mit Sitz in einer Steueroase falsch ist? Nun haben bei Wirecard keine Amateur-Zocker agiert und sich gestandene Fondsmanager großer Gesellschaften bis zur Blamage verhoben. Dennoch gilt gerade für Privatanleger: Vorsicht bei Hype-Aktien! Und seien sie misstrauisch gegenüber zwielichtigen Webseiten oder Newslettern, die von „Kurs-Raketen“ oder ähnlichem schreiben. Lassen sie im Zweifel lieber mal eine „Jahrhundertchance“ liegen. Niemand ist von einer verpassten Chance arm geworden, aber viele Anleger haben mit vermeintlichen Chancen schon viel Geld verloren.

Und eine abschließende Bemerkung: Finger weg von den Wirecard-Überresten am Kapitalmarkt, also der Aktie und der einen ausstehenden Anleihe. Das, was noch an Substanz in dem Unternehmen steckt, geht zuerst an das Finanzamt und die Sozialversicherungen, dann wird die Restmasse auf die Gläubiger verteilt. Ob dann noch was für diejenigen bleibt, die in der Anleihe investiert sind, ist aktuell schwer zu sagen. Aktuell geht der Markt davon aus, dass die Anleihegläuber pro Euro um die 25 Cent zurückbekommen – und zwar in vier Jahren. Leer ausgehen dürften jedem Fall die Aktionäre. Sie sind Eigentümer der Firma und müssen sich hinter den Gläubigern anstellen.