Dax-Aufsteiger5 Fragen zu Wirecard

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#4 Was ist eigentlich aus den Vorwürfen zum Thema Leerverkäufe geworden, die im Raum standen?

Bislang nichts: Die Leerverkäufer, die 2016 13 Prozent aller Wirecard-Aktien geliehen und am Markt verkauft hatten, um auf fallende Kurse zu setzen, haben sich unter schweren Verlusten fast vollständig zurückgezogen. Nur noch gut ein Prozent aller Aktien ist leer verkauft. Schließlich hat sich der Kurs der Aktie seit der jüngsten Short-Attacke im Frühjahr 2016 – seinerzeit flankiert von einer Studie einer anonymen Analystengruppe namens „Zatarra“, die gleichwohl später enttarnt wurde – nochmals vervierfacht. Bei den meisten Investoren wie Analysten konnte Wirecard die erhobenen Vorwürfe entkräften und hat selbst die Transparenz seines Zahlenwerks erhöht. Die kritischen Studien zu Wirecard enthielten zudem keine konkreten Vorwürfe, sondern bedienten sich in der Regel einer Strategie, bei der nur Fragen aufgeworfen wurden.

#5 Wie ist der Dax-Aufstieg einzuordnen? Ist das nun eine Zäsur – dass ein Fintech ein traditionsreiches Institut wie die Commerzbank aus dem Leitindex verdrängt?

Der Aufstieg von Wirecard in und der Abstieg der Commerzbank aus dem Dax ist schlicht eine Funktion der unterschiedlichen Geschäftsfelder und weniger eines „Kampfs“ zwischen alten und neuen Akteuren, Jägern oder Gejagten. Vereinfacht: Das klassische Bankengeschäft steht vor allem aufgrund der immer stärker sinkenden Zinsmargen vor großen Herausforderungen, die Erlöspotenziale sinken, die Konkurrenz ist gerade in Deutschland groß und die Regulierungskosten belasten das Geschäft. Acquiring hingegen wächst, weil auch der elektronische Zahlungsverkehr steile Wachstumsraten aufweist. Es hat auch in anderen Ländern neue „Champions“ hervor gebracht – etwa Adyen in den Niederlanden: Gegründet 2006, an die Börse gegangen 2018, inzwischen 18 Mrd. Euro wert.

Die historisch bemerkenswerte Fußnote ist, dass sich die Banken einst entschieden haben, Acquiring und die Prozessabwicklung nicht als Kerngeschäft anzusehen. Diese strategischen Entscheidungen mögen diskutabel sein. Allerdings hatten Analysten und Investoren von Banken immer wieder eine Konzentration auf das Kerngeschäft verlangt, statt sich auf zu vielen Geschäftsfeldern zu verheddern. Ferner erfordert Acquiring laufend Investitionen in Technologien und Know-how und mit den Jahren stiegen die Markteintrittsbarrieren, da es auch ein Skalengeschäft ist. Großbanken standen daher schon vor längerer Zeit vor der Frage, es „ganz“ oder „gar nicht“ zu betreiben.

Dass nur einige wenige Spezialisten im großen Stil im Acquiring tätig sind, folgt durchaus der Logik einer tendenziell immer arbeitsteiligeren Finanzdienstleistungsbranche. Es war zudem in den Jahren dieser Weichenstellungen in den 90er- und Nuller-Jahren noch nicht entfernt absehbar, unter welchen Ertragsdruck das Geschäft der Banken über negative Einlagenzinsen und einer flachen Zinskurve – also der Realität seit 2015 – geraten könnte.