Dax-Aufsteiger5 Fragen zu Wirecard

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#3 Wo liegen die Schwächen und Fragezeichen?

Es gibt vor allem vier Punkte, die Wirecard aus Sicht von Kritikern angreifbar machen. Da ist erstens die Vergangenheit: In den Nuller Jahren war der Bedarf nach schnellen, elektronischen und idealerweise anonymen Zahlungsmitteln bei Endkunden und Unternehmen im Internet vor allem in Schmuddelbranchen wie etwa der Pornoindustrie und beim Online-Glücksspiel groß. Auch Wirecard erwirtschaftete damit einst signifikante Erlöse, die allerdings heute nach Unternehmensangaben kaum noch eine Rolle spielen.

Da ist zweitens die Bilanz: Wirecard verfügt bereits seit 2006 über eine eigene Banklizenz. Das bedeutet, dass es zwei Konzernbilanzen gibt, eine von Wirecard und eine von der Wirecard Bank. Das ist an der Börse eine eher ungewöhnliche, wenngleich branchenübliche Konstellation. Mit ihr bewegt sich Wirecard auch für Analysten und Investoren „zwischen den Welten“ von Unternehmens- und Bankexperten.

Diese Bilanzierungspraxis macht es selbst für gestandene Investoren teilweise schwierig, den Wegen der Forderungen, Verbindlichkeiten und letztlich auch Gewinnen zu folgen. Unternehmensexperten scheitern oft an Bankbilanzen. Bei Acquirern mit Banklizenzen kommen aber stets beide Seiten ins Spiel, gibt es wechselseitige Forderungen und Verbindlichkeiten. Hier sind Acquirer wie Wirecard die bilanziellen Exoten, denn selbst bei der Definition, was eigentlich in einer Bilanz als „Cash“ oder „Cash-ähnlich“ gilt und wem es zuzuordnen ist, gibt es Spielräume.

Da sind – und dies hängt eng mit der für Laien schwer verständlichen Bilanz zusammen – drittens die Übernahmeaktivitäten: Wirecard hat in den vergangenen Jahren bei seinem Wachstum den Turbo über zahlreicher Übernahmen zugeschaltet. Seit 2014 hat das Unternehmen acht Übernahmen im Umfang von rund 800 Mio. Euro getätigt. Dabei kam laut Analysten vor allem Betriebskapital zum Einsatz, das eigentlich aus dem Kerngeschäft des Acquiring stammt.

Und da wäre viertens das Thema Bewertung: Die Wirecard-Aktie hat eine atemberaubende Kursentwicklung hingelegt: Knapp verachtfacht hat sich der Kurs binnen fünf Jahren und verzweihundertfacht seit 2003. Mit einem Börsenwert von 24 Mrd. Euro steigt Wirecard nun auch in den Deutschen Aktienindex Dax auf. Allerdings entspricht der Börsenwert dem 16-Fachen der letzten Erlöse und dem 64-Fachen der Gewinne. Diese Bewertung setzt noch einige Jahren hohen Wachstums zwingend voraus. Auffällig ist zudem: Wirecard ist die größte Position in einigen milliardenschweren Fonds, wie dem Alken European Growth, dem Jupiter European Growth, dem Alken Absolute Return Europe und weiteren europäischen Aktienfonds. Teils liegt jeder zehnte verwaltete Euro in Wirecard und damit das Maximum, was die Regularien für Investmentfonds überhaupt hergeben.

Wirecard Aktie

Wirecard Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Wirecard ist unter den mittelgroßen deutschen und europäischen Aktien zu einem entscheidenden Titel geworden: Wer die Aktie als Fondsmanager nicht besaß, hatte aufgrund der enorm starken Kursentwicklung meist Schwierigkeiten, dem Markt zu folgen. Dabei polarisiert Wirecard bis heute: Manche Fondsmanager schwören auf die Aktie und sehen ihre Entwicklung immer noch in einem frühen Stadium eines langen Booms. Andere geben gegenüber Capital in Hintergrundgesprächen offen zu, selbst mit einem 10köpfigen Team aus Analysten und Junior-Fondsmanagern hätten sie die Bilanzierungspraxis sowie die Finanzierung von Übernahmen nicht nachvollziehen können.