New WorkDigital Nomad kann doch jeder

Das Dasein als Digital Nomad ist ganz einfach? Unsere Autorin hat es ausprobiert.
Das Dasein als Digital Nomad ist ganz einfach? Unsere Autorin hat es ausprobiert.Getty Images

Kürzlich beschloss ich, eine Arbeits-Auszeit im Ausland zu nehmen. Keine Auszeit von der Arbeit, sondern dafür. Mich für ein wichtiges Projekt zurück zu ziehen an einen Ort, an dem ich nicht geneigt bin, mich zu Lunch- und Kaffee-Dates zu verabreden, doch noch zu dieser einen Diskussionsveranstaltung am Abend zu gehen oder spontan noch einen Auftrag anzunehmen. Außerdem konnte ich den Berliner Winter nicht mehr ertragen. Ich wollte Sonne. So schwer, dachte ich mir, kann das ja nicht sein, das digitale Nomadenleben. Macht ja den hippen New Work Magazinen zufolge heutzutage jeder.

Mein Terminkalender ließ nur sieben Tage zu – leider nicht lange genug für Bali, das Mekka der Digital Nomads dieser Welt. Billiger und nicht ganz so weit weg sollte es für mich sein. Ich entschied mich für Lissabon: die Flüge waren günstig, die Lebenshaltungskosten sind es angeblich auch, ich war noch nie da und die Sonne scheint öfter als in Berlin. Einmal Berlin-Lissabon hin und zurück: gebucht.

Digital Nomad = Tourist?

Bei der Unterkunft war schnell klar: Eine Ferienwohnung ist mir zu einsam, ein bisschen Gesellschaft sollte es schon sein. Ich entschied mich für ein Einzelzimmer in einem Hostel – mit einem Schreibtisch und einem Balkon, auf den laut Website-Fotos herrlich die Sonne scheint. Für die Sieben-Tage-Miete hätte ich mich wahrscheinlich auch einen Monat in einer WG einquartieren können, denn inzwischen habe ich herausgefunden: Das mit den niedrigen Lebenshaltungskosten gilt nicht für Touristen – und zu denen zähle ich als Kurzzeit-Nomadin nun mal leider.

Angekommen in Lissabon muss ich erleichtert feststellen: Ich hatte Glück. Mein Hostel-Zimmer befindet sich nicht im Hauptgebäude mit den von Party-Touristen belagerten Schlafsälen, an die ich in meiner Buchungs-Euphorie gar nicht gedacht habe, sondern daneben, in einem ruhigeren Gebäude, wo alle „private rooms“ untergebracht sind. Wie versprochen ist es sauber, hat einen Schreibtisch und einen kleinen Balkon. Das mit dem Sonnenschein war jedoch Fehlalarm: Es regnet. Die Portugiesen sind davon total begeistert, denn das für gleich zwei Wochen angesagte Schietwetter soll der Trockenheit im Land endlich ein Ende bereiten. Na gut, für einen guten Zweck kann ich es eher verkraften, dass Spaziergänge durch Parks und Gärten, Schreiben in der Sonne und Feierabend am Meer für mich leider gestrichen sind.

New Work mal anders

Immerhin ist das schlechte Wetter meinem Arbeitseifer dienlich: Solange es regnet, gibt es keinen Grund, den Schreibtisch zu verlassen. Das mit dem Arbeiten hatte ich mir trotzdem anders vorgestellt. Es ist kalt im Zimmer, denn es gibt keine Heizung und draußen hat es 13 Grad. Ich sitze also in Strickjacke, Schal und Wollsocken am Schreibtisch und trinke Tee – wie in Berlin. Bald tut mir mein Rücken weh, denn möbliert ist mein Zimmer leider nur mit hölzernen Klappstühlen und einem Bett aus Holzpaletten – beides nicht ergonomisch. Die Wände sind hauchdünn, was dazu führt, dass ich gleich ein neues Schreibprojekt starten könnte: Die Reisetagebücher der Generation Easyjet.

Das Beste: Raus aus dem Alltag

Doch für alles gibt es eine Lösung: Yoga-Kurse gegen Rückenschmerzen, Ohrenstöpsel gegen Live-Entertainment aus den Nachbarzimmern, Wetter-Apps mit stundengenauer Vorhersage gegen Platzregen. Insgesamt war es ein großer Luxus, in einer Stadt arbeiten zu können, in der andere Urlaub machen, sich durch Cafés zu testen – auf der Suche nach dem schönsten Ausblick und dem besten Pasteis de Nata -, umgeben von einer Sprache, die ich nicht verstehe und in der deshalb jedes Gespräch um mich herum geheimnisvoll statt nervig klingt. Und das Beste: einfach mal vom Alltag abschirmen.

Der kurze Tapetenwechsel war eine gute Entscheidung. Beim nächsten Mal würde ich mich aber anders vorbereiten. Hier sind meine Tipps:

#1 Je länger desto besser

Wie viel Zeit man an einer Station des Nomaden-Daseins verbringen will, errechnet man am besten am Budget. Mindestens sieben Tage sollte man aber einplanen, sonst verliert man mehr Zeit mit Organisation, An- und Abreise und dem Eingewöhnen als man insgesamt durch die kleine Auszeit gewinnt.

#2 Planung ist fast alles

Spontanität ist super und kann gerade im stressigen Arbeitsalltag manchmal die Rettung sein. Wenn es möglich ist, sollte der Aufenthalt aber möglichst früh geplant werden, dann kann man sich Zeit nehmen, den perfekten Ort, die richtige Unterkunft, einen geeigneten Arbeitsplatz und gute Angebote zu recherchieren.

#3 Traumziel finden

Wenn schon weg, dann auch dorthin, wo man gerne ist. Es gibt Portale, die einem dabei helfen, den richtigen Ort für die eigenen Bedürfnisse zu finden, zum Beispiel Nomadlist, wo man von Lebenshaltungskosten über Internetqualität bis hin zum Sicherheitslevel nach allen Kriterien filtern kann.

#4 Arbeiten nicht vergessen

Im Mittelpunkt für Digital Nomads steht am Ende das Arbeiten. Coworking Spaces gibt es mittlerweile fast überall auf der Welt, aber zu den Mietkosten für den Schreibtisch kommen noch die für den Schlafplatz. Eine Kombination aus Wohnen und Arbeiten ist daher perfekt und das Angebot wird größer. Einen Überblick verschaffen Portale wie Coworking meets Coliving, Outsite oder Coliving.