ExklusivWie Steuerprüfer Wirecard auf die Spur kamen

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H. erscheint als leicht schillernder Charakter. Unter dem Zweitnamen Alex A. nimmt er an Autorennen teil, sowohl physisch wie bei Online-Wettbewerben. In seinem Umfeld mischte damals auch öfter ein anderer Mann mit, der sich auf seiner Facebook-Seite als Trecker-Fan outet und ebenfalls bei Wirecard ein guter Bekannter war: Roland W. Er hatte ab 2002 mehrere Jahre lang als Wirtschaftsprüfer die Abschlüsse von Wirecard testiert. Später wurde W. Geschäftsführer bei einer Münchner Steuerberatungsgesellschaft.

Wie die Steuerermittlungen ergaben, waren H. und W. privat auch Eigentümer einer gemeinsamen Firma, die Kundenstämme über Umwege in Steueroasen an Wirecard verkaufte. Zugleich erhielt die Steuerberatungsgesellschaft, bei der W. Geschäftsführer war, bereits im Jahr 2011 den Auftrag, den Wert des Kundenportfolios der a&a Holding seines Bekannten H. zu ermitteln.

Dabei kam es zu einer Merkwürdigkeit, die später auch Finanzbeamten auffiel: Zwar bezifferte das Gutachten den Wert der „Kundenbeziehungen“, die Wirecard von der a&a Holding kaufen wollte, auf 27,26 Mio. Euro. Mit dem Konzern vereinbart wurde aber nur ein um 10 Mio. Euro niedrigerer Kaufpreis. Darüber hinaus überwies Wirecard das Geld auch nicht direkt an H. – sondern an die Steuerberatungsfirma von Roland W., mit der es eine Treuhandvereinbarung gab.

Inzwischen wirft H. seinem alten Kompagnon W. vor, dass er im Jahr 2011 mit 13 Mio. Euro den größten Teil der von Wirecard überwiesenen Kaufsumme einbehalten und nicht weitergeleitet habe. H. hat W. deshalb nach Angaben seines Anwalts auch vor dem Landgericht in München verklagt. Aber warum wurde er mit der Klage erst aktiv, nachdem sich das Finanzamt 2019 nach der Versteuerung dieses Teils des Kauferlöses erkundigte? Es sei damals „nicht unbedingt opportun“ gewesen, „den Branchen-Primus Wirecard wegen nicht eingehaltener Verträge zu verklagen“, argumentiert der Anwalt von Alexander H.

W. und seine Steuerberatungsfirma ließen Anfragen bisher unbeantwortet.

Deals wie dieser erweckten auch das Misstrauen der Bundessteuerprüfer, die an der Betriebsprüfung der bayerischen Kollegen bei Wirecard beteiligt waren und die Untersuchung der Firmenkäufe übernahmen. Anfang Juni 2019 informierte ein Beamter des Bundeszentralamts für Steuern das Finanzamt München daher auch in einem eigenen Schreiben über die Ergebnisse der Bundesprüfung.

Bei vier der damaligen Verkäufer handele es sich um „Briefkastenfirmen, die keine Mitarbeiter beschäftigen“, schrieb der Bundesprüfer an seine Münchner Kollegen. Da die „ausländischen Empfänger“ der Zahlungen nicht benannt würden und noch weitere Informationen über „eventuelle Hintermänner“ eingeholt werden müssten, wolle man den Kaufpreis steuerlich nicht als Betriebskosten von Wirecard anerkennen. Zudem lasse die Zahlung an inaktive Briefkastenfirmen „den Verdacht zu, dass die hinter den Briefkastenfirmen stehenden Empfänger ihren steuerlichen Pflichten nicht nachkommen“, heißt es in dem Schreiben aus dem Bundeszentralamt für Steuern (BZSt). Ausdrücklich erwähnte der Prüfer darin auch die offenen Fragen bei beiden Geschäften mit Verbindung nach Mauritius: bei der a&a Holding und dem Zukauf in Indien.

Keine Informationen an die Bafin

Abgeordnete der Linken und der FDP im Bundestag hatten bereits im August 2020 nach möglichen Erkenntnissen beim Bundeszentralamt für Steuern gefragt, das zum Geschäftsbereich von Finanzminister Scholz gehört. Scheibchenweise hatte das Finanzministerium zunächst bestätigt, dass ein Prüfer des Bundesamtes an einer Außenprüfung bei Wirecard beteiligt war. Erst auf wiederholte Nachfragen räumte das Scholz-Ministerium ein, dass diese Prüfung noch bis Juni 2020 lief. Diese Prüfung für die Geschäftsjahre 2010 bis 2015 habe aber „ausschließlich steuerliche Sachverhalte“ zum Thema gehabt, behauptete etwa die Parlamentarische Staatssekretärin Sarah Ryglewski (SPD) am 24. August in der Antwort auf eine Anfrage der Linken.

Das musste man so verstehen, als ob die Prüfer keinerlei Erkenntnisse über mögliche betrügerische Machenschaften gewonnen hätten. In einem internen Schreiben briefte ein Mitarbeiter der Steuerabteilung des Finanzministeriums die Finanzmarktabteilung im eigenen Haus am 25. August auch für Antworten an die FDP-Fraktion. „Das BZSt – die Bundesbetriebsprüfung – hat in Sachen Wirecard keine Informationen an die Justiz- und Polizeibehörden der Länder, auch nicht des Freistaates BY, übermittelt“, behauptete der Scholz-Bedienstete. Und ihrerseits hätten auch die Justiz- und Polizeibehörden der Länder, auch in Bayern, „keine Informationen“ zu dem Konzern an das Bundesamt übermittelt.

Angesichts der intensiven Ermittlungen der Finanzprüfer von Land und Bund bei Wirecard sowie der Gespräche, die die Landesprüfer später auch mit der Staatsanwaltschaft München führten, klingt die Version des Bundesfinanzministeriums zumindest verkürzt. Auf Anfrage von Capital und „Stern“ beteuerte das Ministerium jetzt allerdings, die Fragen zu den Vorgängen korrekt beantwortet zu haben. Kurz und unmissverständlich beantwortete das Scholz-Ministerium zudem die Frage, ob das Bundeszentralamt für Steuern die Finanzaufsicht über die Erkenntnisse zu Wirecard informiert habe: „Die Betriebsprüfung ergab keinen Anlass, die Bafin zu informieren.“