ExklusivWie ein Putin-naher Oligarch zum „A+-Kunden“ bei Wirecard wurde

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So oder so bekam Firtasch bei der Wirecard Bank irgendwann das, was er wollte. Zunächst waren zwar sogar zwei der anderen Bankvorstände anfangs gegen mehr als ein Mietkonto für Firtasch: „Ich bin mit der Eröffnung des Mietkontos einverstanden, wenn dieses streng monitort wird“, schrieb Bankvorstand Rainer W.: „Die Eröffnung der anderen Konten sehe ich nicht, daher von meiner Seite nicht genehmigt.“

Doch bereits Ende März hatte sich der Geldwäsche-Experte der Bank gewundert, dass es um viel mehr ging – und dass es um die „zehn Konten für einen Gaskonzern werden“ sollten, „nachdem ich bisher davon ausging, es ginge lediglich um ein Privatkonto für Firtash selbst“. Marsalek widersprach noch am gleichen Tag: „Ich glaube, das war ein Mißverständnis“,  schrieb er, „es ging nie um ein Privatkonto für Hr. Firtash. Lass uns bitte morgen diesbezüglich telefonieren“.

Für den 15. April 2019 setzte Marsalek schließlich eine Besprechung im Büro von Alexander von K. an. Die Bank-Mitarbeiter ließen sich anschließend von Firtaschs Leuten nähere Auskünfte geben. Sie bekamen so zum Beispiel Unterlagen über regelmäßige Zahlungen, die der Unternehmer für seinen von der Raiffeisen Aircraft Finance GmbH geleasten Privatjet vom Typ Embraer Legacy 600 abwickelte.

„Auf Bitten von Jan sowie AvK“ habe man zwei Stunden mit Firtaschs Leute gesprochen und „zahlreiche nachvollziehbare Einblicke in den Gashandel“ bekommen, schrieb Markus K. Ende April 2019.

Jetzt lief die Sache, Konto um Konto wurde eröffnet. Noch Anfang 2020 sollte ein weiteres dazu kommen. Bei der Firtasch-Gruppe handele es sich um „einen A+-Kunden“ und „um einen Jan Marsalek Kunden“, schrieb ein Bankmitarbeiter noch Ende März 2020 an die hauseigene Geldwäscheabteilung. Damals sollte eine weitere – in Frankreich ansässige – Firma aus dem Dunstkreis von Firtasch bei der Wirecard Bank unterkommen. Es ging um die SCI LM Holdings, der die Villa La Mauresque gehört, ein prunkvolles Anwesen in St. Jean Cap Ferrat östlich von Nizza.

Bafin ignorierte Hinweisgeber

Die Geschichte droht jetzt auch der deutschen Finanzaufsicht Bafin auf die Füße zu fallen. Ausgerechnet im Sommer 2019 nahm sie bei der Wirecard eine Sonderprüfung vor, ausgerechnet zum Thema Geldwäsche. Die Konten für den damals unter Geldwäsche-Verdacht stehenden Oligarchen waren den Aufsehern offenkundig wenigstens teilweise aufgefallen. Sie verlangten nämlich, bei zumindest einem Firtasch-Konto ein bisschen mehr Kontrolle. Die Bafin schreibt man könne nicht nachvollziehen, weshalb wir das Konto derzeit nur in wöchentlichem Turnus mit dem Nutzungsprofil abgleichen würden“, schrieb Markus K. am 17. Juli 2019 an Marsalek. Fundamentale Bedenken hatte die deutsche Behörde aber offenbar nicht.

Im Gegenteil. Einige Tage vorher – am 11. Juli 2019 – hatte sich ein anonymer Hinweisgeber bei der Bafin gemeldet und darauf hingewiesen, dass eine Firtasch-Firma bei der Wirecard Bank „täglich große Transaktionen im Ausland“ abwickle. Die Geldwäscheabteilung der Bafin stufte das einen Tag später als „aufsichtsrechtlich nicht relevant“ ein. Der Hinweis enthalte „keine verwertbaren Informationen“.

Das ruft jetzt Kritik der Opposition hervor. Dass die Bafin die Firtasch-Konten „zwar bemerkte, aber nicht eingriff, ist ein weiteres Kapitel in ihrer Geschichte der verpassten Chancen“, sagte der FDP-Abgeordnete und Finanzexperte Florian Toncar zu „Stern und Capital: „Vor allem die ständigen Eingriffe von Marsalek in die Bank, in der er keine Rolle innehatte, hätten alle Alarmglocken läuten lassen müssen.“

Ähnlich äußerte sich Danyal Bayaz, der die Grünen im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages vertritt: „Die Bafin hatte viele Gelegenheiten, die Unregelmäßigkeiten bei Wirecard aufzudecken – sie hat alle ungenutzt verstreichen lassen. Die mangelnde Fehlerkultur von Bafin und dem zuständigen Finanzministerium ist der politische Skandal in diesem größten Bilanzbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik.“

„Die deutsche Geldwäschebekämpfung ist grotesk“, kritisierte der Linken-Finanzexperte Fabio De Masi. Nach den Maßstäben der Bafin könnte wohl auch der wie Firtasch per Haftbefehl gesuchte Jan Marsalek unter den Augen der Finanzaufsicht „noch Konten bei einer Bank führen ohne dass dies nennenswerte Konsequenzen hat.“

Auffällige Geschäfte mit zwei Russen

Wie leicht Jan Marsalek die Kontrollmechanismen bei der Wirecard Bank umgehen konnte, zeigt der Fall von zwei Russen, mit denen er ab 2015 ins Geschäft kam. Einer namens Shamil I. soll nach einem Berufsanfang als Barkeeper dem Putin-treuen Gouverneur der russischen Region Uljanowsk in Geldfragen behilflich gewesen sein – nach russischen Berichten aus dem Jahr 2018 möglicherweise als dessen Strohmann. Bei dem anderen namens Leonid A. fiel dem hauseigenen Geldwäschebekämpfer Markus K. nach einer Suche im System WoldCheck auf, dass dieser in Bezug auf „Financial Crime“ auf Sanktionslisten zu finden sei.

Offenbar war jedenfalls ein Leonid A., geboren 1979, verurteilt worden – offenbar wegen des Diebstahls von Geldautomaten. Marsalek warf sich sogleich für Leonid A. in die Bresche: „Das ist jemand ganz anderes, schrieb er in einer Mail vom 21. Dezember 2015. Leonid A. „muss keine ATMs mehr stehlen…“. ATM ist eine englische Abkürzung für Automated Teller Machine – Geldautomaten.