GlobalisierungDer deutsche Mittelstand schläft nicht

„Der digitale Wandel ist an vielen Stellen eher unsichtbar“Robert Wiedmann CC0

Wären die Amerikaner ein Wetterdienst hätten sie für die deutsche Wirtschaft seit einiger Zeit eine große Sturmwarnung parat. Ja, ein Sturm wird kommen, der Orkan der Digitalisierung, und er wird die deutsche Industrie, zumal die ganzen stolzen Maschinenbauer und Autohersteller, hinwegfegen.

Natürlich denken nicht alle Amerikaner so, aber wer sich mit US-Investoren und -Managern unterhält, bekommt dieses pessimistische Bild gezeichnet. Die Lesart geht so: Die Deutschen hätten seit den 1970er-Jahren die letzte große Welle der Weltwirtschaft, die Globalisierung gestaltet und entscheidend geprägt – warum also marschieren sie nicht auch bei der Digitalisierung voran?

Denn diese digitale Revolution, oft auch als die „Vierte industrielle Revolution“, als „Zweites Maschinenzeitalter“ oder schlicht „Industrie 4.0“ bezeichnet, wird nicht nur die Wirtschaft und Arbeitswelt durcheinanderwirbeln. Sondern auch den Globus neu ordnen: Statt Industrie- und Schwellenländern wird es Länder geben, die die neuen Technologien beherrschen und damit ihre Geschäfte machen – und solche, die den Anschluss verlieren.

Der Google-Vorstand Philipp Schindler ist überzeugt, die Kluft werde zwischen „regulierten und nicht regulierten Ländern“ verlaufen. Jenen also, die Technologie als Chance begreifen und sich öffnen, und solchen, die Technologie als Bedrohung empfinden und sie mit Gesetzen und Regeln bändigen wollen.

Überall, prophezeien Experten, wird es diese neue Kluft („the new divide“) geben, etwa zwischen qualifizierten und nicht qualifizierten Arbeitern. Alte Muster wie das westlicher Industriearbeiter versus asiatischer Billiglöhner werden sich auflösen. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums sollen in den nächsten fünf Jahren in den Industrieländern fünf Millionen Arbeitsplätze wegfallen: Sieben Millionen Arbeitsplätze würden demnach überflüssig – weniger in den ohnehin schon automatisierten Fabriken, sondern eher in Büros und Verwaltung. Zwei Millionen neue Stellen für Spezialisten würden entstehen.

Die Amerikaner erklären diese Revolution gern in klaren und entschlossen wirkenden „Change or die“-Sätzen. „Die Zukunft gehört den Schnellen“, verkündet etwa Meg Whitman, Chefin von Hewlett-Packard, die den IT-Konzern gerade aufspaltet. Ändere dich oder geh unter. Umarme die Technologie oder verliere. Wage den großen Wurf oder stirb. Nicht die Technologie steht demnach der Zukunft im Weg, sondern die Menschen, die man nicht mitnehmen kann.

Begreifen das die Deutschen denn nicht? Verschlafen sie den digitalen Wandel?

Schwingung im Maschinenraum

Die Antwort ist nein – sie schlafen nicht, selbst wenn längst nicht alle Mittelständler in Deutschland genau wissen, was sie tun sollen. Im Gegenteil: Der Maschinenraum der deutschen Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren in eine produktive Schwingung versetzt: Zahlreiche Mittelständler arbeiteten intensiv daran, was die Digitalisierung für ihr Unternehmen bedeutet: Das Schlagwort „Industrie 4.0“ ist mehr als nur eine Formel, sie wurde in den vergangenen Jahren mit Leben gefüllt. Das Bewusstsein ist längst da, die Unternehmen sind mehrheitlich von der Schlagwortebene runter. Laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom aus dem Jahr 2016 haben vier von zehn Unternehmen infolge der Digitalisierung bereits neue Produkte oder Dienste auf den Markt gebracht, 57 Prozent bestehende Angebote angepasst.

„Viele Unternehmen haben fundamentale Fortschritte gemacht“, sagt Frank Deburba, Partner bei der auf Digitalisierung spezialisierten Beratung Infront Consulting. „Sie setzen sich intensiv und ernsthaft damit auseinander, was die neue Welt für ihr Geschäftsmodell bedeutet.“

In einer Studie des Beratungsunternehmens EY aus dem Frühjahr 2016 gaben nur noch 20 Prozent der befragten Firmen an, digitale Technologien kämen bei ihnen nicht zum Einsatz. „Die große Bedeutung, die digitale Technologien heute schon in vielen Betrieben einnehmen, zeigt, wie weit vorne viele Mittelständler bei der technologischen Innovation sind“, sagt der EY-Partner Peter Englisch. Der Mittelstand habe sich schon immer dadurch ausgezeichnet, dass er auf Veränderungen reagieren könne. Wer dennoch den Anschluss verliert, dem fehlt es vor allem an Kapital, an Know-how und richtigem Personal. Von einer „Zweiklassengesellschaft“ spricht denn auch EY. Es gibt Unternehmen, die schaffen den Anschluss, andere nicht.

126 Mrd. Euro neue Wertschöpfung

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Wenn Mittelständler die Chancen der Digiatlisierung konsequent nutzten und in Produktion, Vertrieb oder Produktentwicklung investierten, so die Prognose, könne man das Wachstum nachhaltig steigern, und zwar um 126 Mrd. Euro bis 2015, oder 0,3 Prozentpunkte pro Jahr. Wichtig sei es allerdings, die Digitalisierung nicht nur als ein Phänomen zu betrachten, dass die IT-Abteilung lösen müsse oder die Produktivität verbessere.

Die Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle: Mal betrifft das die Vertriebs- und Absatzkanäle, mal das Produkt selbst, mal verändert sich vor allem die Beziehung zum Kunden. Die Kunst ist es also herauszufinden, was genau die Digitalisierung verändert.

Gegen das eher optimistische Bild des schwingenden deutschen Maschinenraums gibt es einen gewichtigen Einwand: Warum bringt Deutschland keine neuen Facebooks und Googles hervor? Warum schaffen wir keine neue Champions? Und werden die Lechtturmmittelständler – Trumpf, Festo, Voith – wirklich bestehen, wenn man in ferner Zukunft ihre hoch spezialisierten Produkte auf jedem 3D-Drucker herstellen kann?

Die Chancen stehen gut. Zum einen sind die genannten Unternehmen tatsächlich Leuchttürme und haben die Digitalisierung längst angepackt. Zum anderen gibt es in Deutschland Hunderte hoch spezialisierter Unternehmen, die in ihrer Nische oder Ultra-Nische oft über 50 Prozent des Weltmarktes beherrschen. Hier entfaltet das Wort „Hidden Champion“ den eigentlichen Sinn: Ihre Märkte sind so versteckt, klein und speziell, dass sie von einem Apple oder Google oder einem Start-up gar nicht entdeckt und erobert werden (wollen).

Außerdem verlangt die Spezialisierung ein so großes Können, dass keine neues Tesla überfallartig in den Markt drängt: Oder kann mal eben jemand so Tunnel bohren wie Herrenknecht?

Keine deutsche Schocktherapie

Es wird wohl einen deutschen Weg geben, die Digitalisierung zu meistern – behutsamer und langsamer, weniger spektakuläre Schocktherapie, die Untergang und Zerstörung herbeisehnt, um neue Giganten zu bauen.

Deutschland wird kein neues Google oder Facebook hervorbringen. „Der digitale Wandel ist an vielen Stellen eher unsichtbar“, beobachtet Berater Deburba. „Anfangs ging es manchen Unternehmen darum, erst mal mit Getöse und PR irgendwo ein großes Innovationslab zu eröffnen. Nun wird in kleinen Formaten gearbeitet, und viele Mittelständler sagen: Wir wollen zuerst etwas vorzeigen können, bevor wir etwas erzählen.“

Die wichtigsten Hemmnisse, die Chancen der Digitalisierung zu ergreifen, sind in der Regel

  • fehlendes Kapital oder Finanzierungsmöglichkeiten oder ein fehlender Investitionswille
  • Bedenken wegen fehlender Datensicherheit
  • Fachkräftemangel, vor allem fehlende IT-Spezialisten
  • Schlechte Infrastruktur, vor allem fehlendes Breitband
  • Fehlender unternehmerischer Mut, gerade in Unternehmen, wo die Nachfolge ungeklärt ist und die Generation am Ruder in den kommenden Jahren den Betrieb übergibt – und nicht mehr groß investieren möchte

Das bedeutet: Auch wenn die amerikanische Revolution nicht der deutsche Weg ist, so hält sie doch einige wertvolle Lektionen bereit.

Digitalisierung bedeutet vor allem Führung

„Wir sollten etwas mehr Schumpeter sein“, forderte vor einiger Zeit etwa Klaus Kleinfeld, Ex-CEO von Alcoa und Siemens. „Der Faktor, der uns begrenzt, ist nicht die Technologie, sondern der Mensch.“ Was nicht bedeutet, dass die Mitarbeiter im Weg sind. Es haben nur nicht alle die Qualifikation, um die neue Welt zu gestalten. „Die Transformation ist nicht für jeden geschaffen“, formuliert es etwas energischer HP-Chefin Meg Whitman. „Jeder CEO braucht nun einen mehrjährigen Plan, muss tief in seine Organisation schauen und die richtigen Leute finden.“ Nicht alle werde man mitnehmen können.

Womit man wohl beim Kern dessen ist, was die digitale Revolution verlangt: Führung. „Diese Transformation verlangt starke und ernsthafte Führung“, sagt Marc Benioff, Chef und Gründer des Cloudanbieters Salesforce.com. „Es ist eine technologische Revolution. Das Problem aber ist nicht die Technologie, sondern die Führung.“ Und da gehe es vor allem um Vertrauen, „Tech is about trust“, sagt Benioff. Nur Organisationen, die ihre Kultur auf Vertrauen in Technologie aufbauen können, würden den Wandel meistern können.

Für Unternehmer und Manager, die sich immer noch fragen, ob sie nur ihre Maschinen oder die ganze Fabrik erneuern müssen, hält diese fast banale Einsicht eine klare Lektion parat: Die Revolution beginnt in ihrem Kopf.