Beste AusbilderFreudenberg - wie bei Porsche

Rainer Kuntz, Leiter des Bildungszentrums, mit dem Azubi Stanley Onkorie
Rainer Kuntz, Leiter des Bildungszentrums, mit dem Azubi Stanley OnkorieÉriver Hijano

Dass Freudenberg den Vergleich mit den ganz Großen der deutschen Industrie nicht scheut, zeigt sich schon am Bodenbelag. Große, anthrazitfarbene, matt schimmernde Fliesen. „Die habe ich mal bei einem Besuch bei Porsche gesehen und gesagt: Die will ich auch für unser neues Bildungszentrum“, sagt Rainer Kuntz, der Leiter der Einrichtung.

Kuntz – grauer Schnauzer, lautes Lachen, badischer Singsang – führt durch den zweigeschossigen Neubau. Die Schweißer-Arbeitsplätze im Erdgeschoss sind schon eingerichtet, in der ersten Etage verlegen Handwerker noch die Elektrik. Dort, wo jetzt Pappkartons lagern, soll einmal die Mediathek hinkommen. Hohe, lichte Räume, Dachbalken aus hellem Holz. Aus dem Eckfenster geht der Blick auf die Burg Windeck, die über Weinheim thront.

Freudenberg baut ein neues Ausbildungszentrum, und schon der Augenschein beweist, dass der Konzern dabei nicht spart. Für Kuntz und Wilhelm Schüttler, der für die technische Ausbildung zuständig ist, ein Höhepunkt ihrer Laufbahn: „So was macht man nur einmal im Leben“, sagt Schüttler. „Eine Belohnung ohne Ende, so etwas bauen und gestalten zu dürfen!“

Freudenberg ist ein Hidden Champion

8 Mio. Euro lässt Freudenberg sich das Zentrum kosten, allein 3 Mio. Euro davon gehen in Anlagen und Maschinen. Beste Bedingungen für die momentan 275 Auszubildenden und dualen Studenten, die am Stammsitz ihre Berufe lernen: Mechatroniker, Verfahrensmechaniker, Chemikanten, Kaufleute, Informatiker, Ingenieure, BWLer, sogar ein Winzer für den unternehmenseigenen Weinberg. Doch das ist nur einer der Gründe, weshalb der Zulieferer es im Capital-Ranking der besten Ausbilder auf einen der Spitzenplätze geschafft hat.

Freudenberg ist ein Hidden Champion, wie er im Buche steht. Weil vor allem im B2B-Geschäft unterwegs, ist das Familienunternehmen der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt. Die Zahlen können deshalb erstaunen: Freudenberg bespielt 30 Branchen – von Auto über Medizin bis hin zu Lebensmitteln. In 160 Ländern unterhält es mehr als 500 Standorte. Seine rund 48.000 Mitarbeiter stellen 150.000 unterschiedliche Produkte her. Im vergangenen Jahr lag das Ergebnis bei 1 Mrd. Euro, bei einem Umsatz von 8,6 Mrd. Euro.

1849 als Ledermanufaktur gegründet, ist Freudenberg praktisch vom ersten Tag an eine internationale Firma. Häute bezieht das Haus unter anderem aus Amerika. Schon im Gründungsjahr exportieren die Badener nach Frankreich, in die USA und das Vereinigte Königreich. Keine zwei Jahrzehnte später reichen die Handelsbeziehungen bis nach Indien.

Vileda ist das bekannteste Produkt

Als Erster in Europa setzt Freudenberg 1904 die Chromgerbung ein und steigt zum größten Lederhersteller des Kontinents auf. Doch auf die Expansion folgt die Krise, als nach dem Black Friday 1929 die Lederpreise einbrechen. Um die Wertschöpfung zu steigern, entwickelt Freudenberg sein Leder zu technischen Produkten weiter – geboren ist der Dichtungsring. Als die Nazis nach wirtschaftlicher Autarkie streben, stellt Freudenberg Kunstleder her, aus Ersatz-Kautschuk und einem Trägerstoff aus Vlies. So wächst die Expertise mit unterschiedlichsten Materialien.

Die Geschichte des Konzerns zeigt sich im heutigen Portfolio. Das Reinigungstuch Vileda („wie Leder“) ist das wohl bekannteste Produkt. Noch immer produziert Freudenberg Dichtungen aller Art, vom Anti-Tropf-Verschluss für Honigspender bis zum Blow-out-Preventer für Bohrinseln. Seine Vliesstoffe werden in Innenraum-Luftfiltern von Autos eingesetzt oder in Wundauflagen für den OP-Gebrauch. Der Schmierstoff für die Tachonadel, die Oberflächenbeschichtung von Haribo-Goldbären, sogar das Bändchen, mit dem man die rote Wachshülle von Babybel-Käse öffnet – alles aus Weinheim.

Freudenberg-Produkte seien „meistens unsichtbar, stets unverzichtbar“, sagt Unternehmensarchivar Michael Horchler. „Es gibt kein Auto auf der Welt, in dem wir nicht vertreten sind.“ Das ist natürlich unmöglich nachzuprüfen. Aber angesichts der Überzeugung, mit der Horchler das vorträgt, ist man geneigt, ihm einfach zu glauben.