20.09.2006

Foto: Getty Images

Personalmanagement

"Im Sterbezimmer"

von Reinhard Kowalewsky, Ulrich Reitz, Jobst-Hinrich Wiskow

Konzerne wie Deutsche Bank, Post oder Telekom müssen kräftig Personal abbauen. Und setzen dabei auf einvernehmliche Lösungen mit den Beschäftigten. Mitarbeiter, die nicht mitspielen, fühlen sich kaltgestellt.

Morgens, kurz nach acht, macht sich Manuela Kettler* von ihrem Haus in einem Frankfurter Vorort auf den Weg zu ihrem Büro in der City. Seit einem Vierteljahrhundert steht die heute 56-Jährige in den Diensten der Deutschen Bank. Vor knapp einem Jahr erreichte sie die schockierende Nachricht: Ihr Bereich wird umstrukturiert, sie freigestellt. Noch vier Jahre lang sollte sie 70 Prozent des Gehalts bekommen und danach in Rente gehen. Kettler wollte bleiben und lehnte ab. Jetzt sitzt sie im „Sterbezimmer“, wie sie und ihre Kollegen das neue Büro nennen: Schreibtisch, Bürostuhl und Telefon sind ihnen geblieben. Aber sie haben keine Aufgabe mehr, keine Mitarbeiter, kein Sekretariat. „Übergangszimmer“ ist die offizielle Sprachregelung.

Noch nicht arbeitslos, aber die Arbeit los – die kaltgestellte Deutschbankerin ist alles andere als ein Einzelfall. Überall dort, wo Firmen Mitarbeiter loswerden wollen, sie aber nicht kündigen möchten oder dürfen, machen ähnliche Modelle Schule: in ehemaligen Staatsunternehmen mit hohem Beamtenanteil; bei Firmen, wo vor Fusionen versprochen wurde, keinen Personalabbau zu betreiben und in Konzernen mit starkem Gewerkschaftseinfluss.

Ein Grund liegt im strengen Arbeitsrecht. Wer sparen muss und dazu Stellen kürzt, hat es hierzulande schwer: „Die Gewerkschaften drängen vehement darauf, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden“, klagt der Personalchef -einer Frankfurter Großbank. Wer dagegen verstößt, dem droht Streik. „Das bringt jede Menge negative Presse und kostet manchmal mehr, als der Abbau – zumindest kurzfristig – bringt.“ Die Fristen, die der Gesetzgeber beispielsweise zum Schutz von altgedienten Mitarbeitern vorsieht, sind lang. Gewerkschaften pochen zudem auf soziale Aspekte, die Arbeitgeber bei Entlassungen berücksichtigen müssen. Zwar ist es leichter, sich von jungen Mitarbeitern zu trennen. Doch das sind oft genau die Leistungsträger, die im Unternehmen bleiben sollen. „Sterbezimmer“ bieten in den Augen vieler Manager den Ausweg. Älteren Kollegen werden attraktive Aufhebungsangebote gemacht. Wer nicht darauf eingeht, wird aus der Abteilung herausgelöst und landet in einem separaten Büro, isoliert und vom Tagesgeschäft abgekoppelt. Bis er eines Tages – aus Frust – das Handtuch wirft.

Gewerkschafter und Arbeitsrechtler kennen diese Spielart des modernen Personalmanagements nur zu gut. „Solche Probleme gibt es in vielen Unternehmen“, bestätigt Sigrid Betzen, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Bankangestellten Verbandes. Betroffen sind vor allem leitende Mitarbeiter, die oft wegen ihrer langen Betriebszugehörigkeit nur schwer kündbar sind. Die Firmen wissen sich anscheinend nicht anders zu helfen. „Sie machen Mitarbeiter regelrecht mürbe, damit sie ihre Abfindungsangebote unterschreiben.“ Konkrete Beispiele nennt sie nicht. „Viele schämen sich und wollen in ihrem Umfeld den Schein des erfolgreichen Angestellten wahren. Deshalb halten sie still.“

Zwar konnte die Deutsche Bank, die in den vergangenen zehn Jahren die Zahl ihrer Mitarbeiter in Deutschland von knapp 50000 auf gut die Hälfte reduzierte, betriebsbedingte Kündigungen bisher vermeiden. Doch zum selbst gewählten Image – Motto: „Leistung aus Leidenschaft“ – passen isolierte Büros nicht.

Der Betriebsrat kann den Kollegen, die dort landen, kaum helfen. „Wenn sich die Bank gegen einen Mitarbeiter entschieden hat, gibt es nahezu keine Chancen, das Blatt noch einmal zu wenden“, sagt ein Arbeitnehmervertreter. Er will anonym bleiben. „Intern bringe ich das aber demnächst zur Sprache“, sagt er – und will mit Personalvorstand Tessen von Heydebreck darüber verhandeln, diese Praxis aufzugeben. „Wir müssen da was machen. So wie bisher geht das nicht.“

Die „Sterbezimmer“ gibt es in verschiedenen Gebäuden der Bank, bestätigt ein anderer Betriebsrat, nicht nur in den Zwillingstürmen, wo die Zentrale sitzt. Im IT-Bereich im Frankfurter Vorort Eschborn und im Investmentbanking-Center wären solche Büros ebenfalls eingerichtet. „Wer nicht selbst betroffen ist, kennt die Räumlichkeiten gar nicht.“ Treffen kann es – fast – jeden. Auch hoch bezahlte Investmentbanker. „Wenn sich einer wiederholt verspekuliert und viel Geld in den Sand setzt, nimmt man ihn raus und stellt ihn kalt.“

Offiziell klingt das viel netter. „Wir geben den Mitarbeitern die nötige Zeit, sich intern und extern zu bewerben“, sagt ein Sprecher des Geldinstituts. Wie viel Zeit das ist, kann er nicht sagen. Dass die Situation die Betroffenen belastet, wisse man. „Das kann frustrierend sein.“ Von „Sterbezimmern“ will er aber keineswegs reden: „Überbrückungszimmer wäre da wohl der passende Begriff.“

Kaltgestellt werde sicherlich niemand, beteuern die Bankmanager. Das würde auch nicht zur Eigenwerbung passen: „Als höchstes Gut betrachten wir die intellektuellen Fähigkeiten unserer Mitarbeiter“, steht beispielsweise im Internet. Für die Fähigkeiten der ausgegrenzten Belegschaft gilt das offenbar nicht.

Zimmer ja, Arbeit nein. „Gerade nach Fusionen oder Übernahmen haben wir oft Dutzende Führungskräfte, die nicht mehr gebraucht werden“, sagt Rosemarie Arnold, Beraterin beim Hürther Vermittlungsunternehmen Personal Transfair. Ein Pseudojob sei dann für die Betroffenen die Regel. Wer sich gegen eine Abfindung wehrt, „der kriegt mächtig Druck“.

Beschäftigte der Deutschen Post kennen das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Seitdem Vorstandschef und Ex-McKinsey-Berater Klaus Zumwinkel durch immer neue Rationalisierungsprojekte den einstigen Staatskonzern auf Effizienz trimmt, sind viele Mitarbeiter überflüssig. Betriebsbedingte Kündigungen muss Zumwinkel allerdings erst einmal vermeiden. Erstens scheut er negative Schlagzeilen. Zweitens hat er mit der Gewerkschaft Vereinbarungen ausgehandelt, die das nicht zulassen.

Bis März 2008 verzichtet der Post-Chef deshalb auf betriebsbedingte Entlassungen, doch wie es anschließend weiter geht, ist offen: Bei der Post arbeiten noch rund 60000 Staatsdiener, was rund einem Viertel der deutschen Belegschaft entspricht. Zumwinkels Problem: Die Beamten sind unkündbar. Gehen sie nicht von sich aus, stockt der Konzernumbau.

Zwar haben die Post-Manager keine Chance, den verbeamteten Teil der Mitarbeiter offiziell von den bisherigen Aufgaben zu entbinden und einfach zu versetzen. Den Beschäftigten hilft das aber kaum. Immer mehr langweilen sich. Manche erzählen, sie würden an „Fensterarbeitsplätzen“ sitzen. Die werden so genannt, weil die Postler mangels Arbeit ihr Büro angeblich vor allem dazu nutzen, aus dem Fenster zu schauen. Offiziell will das Unternehmen davon nichts wissen. „Sterbezimmer? Fensterarbeitsplätze?“ Nie gehört, gibt es nicht.

Manager der Deutschen Telekom haben ähnliche Probleme und sie betreffen noch mehr Mitarbeiter als bei der Post. Der rosa Riese sucht bislang vergeblich nach einer Lösung. Dabei gründete die Telekom extra die Vermittlungsagentur Vivento, in die knapp 36000 der einst 170000 deutschen Kollegen versetzt wurden. Sinnvolle Aufgaben sind dort sehr gefragt. Manche Betroffene sprechen vom „größten Sterbezimmer der Republik“.

Bei Vivento sollen sich frühere Telekom-Mitarbeiter nach anderen Aufgaben umschauen oder Abfindungen nehmen – und gehen. Die Gewerkschaft Verdi und der Betriebsrat haben die Personalverschiebung mit dem Unternehmen vereinbart. Dadurch konnten sie den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen erzwingen – nur ein Teilsieg. Viele Mitarbeiter sind frustriert, Tausende klagen. Weshalb man ihnen hohe Abfindungen verspricht.

Man könne die Situation bei Vivento durchaus mit der bei der Deutschen Bank vergleichen, sagt ein Insider. „2500 geparkte Mitarbeiter haben dort nichts zu tun.“ Sie weigern sich, in Unternehmensteilen wie Callcentern zu arbeiten oder beim Legen von Glasfaserleitungen zu helfen. Lieber warten sie auf bessere Zeiten – und dass man ihnen ihre bisherigen Aufgaben zurückgibt oder ihnen den Ausstieg noch stärker versilbert.

Um einige von ihnen zumindest teilweise zu beschäftigen, kommt die Vivento-Führung auf immer ungewöhnlichere Gedanken: In der Nähe der Bonner Telekom-Zentrale wird zurzeit eine Übungsfirma Competence Center Business Projects aufgebaut. Dort sollen vor allem hoch qualifizierte Ex-Manager Projektarbeit leisten. Ein Betriebsrat wettert: „Das ist eine reine Beschäftigungstherapie.“

Obwohl der Frustpegel der Mitarbeiter steigt, könnte sich das Projekt für die Telekom dennoch lohnen – aus einem anderen Grund: „Ein Mitarbeiter kann per einstweiliger Verfügung erzwingen, weiterhin eine vertragsgemäße Arbeit zugewiesen zu bekommen“, sagt der Arbeitsrechtsexperte Detlef Grimm von der Kölner Anwaltskanzlei Loschelder. Das dürfte durch die Vivento-Projekte oft erfüllt sein. Zudem brauchen klagewillige Beschäftigte gute Nerven – auch und vor allem, wenn sie Recht bekommen und in ihren Job zurückkehren können. „Der Arbeitgeber wird nach einer solchen Niederlage natürlich jeden Anlass oder auch Vorwand nutzen, um Druck auszuüben.“ Faktisch kaltgestellte Mitarbeiter hätten deshalb nur zwei Alternativen: die angebotene Abfindung oder Frühverrentung akzeptieren oder um die Höhe der Summe im Aufhebungsvertrag pokern. „Sie erhöhen, juristisch gesprochen, ihren Lästigkeitswert“, so Anwalt Grimm. „Aber ihre Chance auf einen anderen Job steigt nach einem solchen Streit nicht.“

Deutsche-Bank-Managerin Kettler will eine solche Eskalation erst einmal vermeiden. Sie hofft immer noch darauf, dass man ihr ein internes Jobangebot unterbreitet und will deshalb durchhalten. Ihren Frust fährt sie sich demnächst, so weit es geht, von der Seele – mit ihrer neuen Limousine, einem schicken Mercedes. Die Dienstwagenverordnung der Deutschen Bank sieht nämlich vor, dass leitende Mitarbeiter in ungekündigter Stellung auch für private Fahrten ein Fahrzeug bekommen. Und gekündigt wurde ihr ja nicht.


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