Zu Risiken und Nebenwirkungen befragt man - zumindest laut Werbung - seinen Arzt oder Apotheker. Allerdings könnte der bald zurückfragen, ob man denn sein Insulin schon brav gespritzt hat. Jedenfalls wenn es nach Fritz Oesterle geht: Der Chef des Pharmagroßhändlers und Apothekenbetreibers
Celesio baut gerade mit seinem Joint-Venture-Partner Medco aus den USA ein Servicecenter in Berlin auf. Dort werden spezialisierte Apotheker ab März Patienten mit Asthma, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kontaktieren, die zuvor als Therapiemuffel identifiziert wurden.

"Studien zeigen, dass chronisch Kranke häufig nicht ausreichend ihre Therapie befolgen. Das führt zu Folgeerkrankung und allein in Deutschland zu Folgekosten in Höhe von 10 bis 20 Mrd. Euro jährlich", sagt Oesterle. Wenn die Patienten einverstanden sind, gibt ihre Krankenkasse Big Direkt deshalb künftig die Abrechnungsdaten von Ärzten, Apotheken und Krankenhäusern an Celesio weiter. Auch ihr Arzt wird Hinweise aus dem Center bekommen - und den Patient künftig entsprechend beraten, so die Hoffnung.
Unter Schlagworten wie Managed Care oder Integrierte Versorgung versuchen Kassen, Ärztenetze und Gesundheitsdienstleister schon seit einigen Jahren, enger zusammenarbeiten und so effizienter zu werden. Seit 2011 dürfen dabei dank einer Gesetzesänderung auch Pharmakonzerne als direkte Vertragspartner auftreten.
Wie weit die Verbündeten der Zukunft heute aber noch voneinander entfernt sind, zeigt eine neue Studie der Managementberatung B-Lue: Alle Befragten - Ärzte, Kassen, Pharmaindustrie - sehen Berührungsängste und Imagesorgen als eines der größten Hindernisse. Nur die Ärzte treibt eines noch mehr um: fehlende Anreize. Mehr Geld für gesündere Patienten kriegen sie nicht, Einzelverträge mit Krankenkassen erhöhen oft nur ihren Verwaltungsaufwand.
"Im Moment investieren wir in das Joint Venture", sagt Oesterle - ohne zu sagen, wann der Durchbruch kommen könnte. Sein Geschäftsmodell beruht darauf, von den Kassen für den Sparerfolge entlohnt zu werden. Doch obwohl gerade die eigentlich das größte Sparinteresse hätten, dächten sie häufig noch in ihren Kostenarten und wenig daran, was medizinisch sinnvoll sei, sagt Günther Illert von B-Lue. "Hinzu kommt, dass die Kassen Angst haben, von der Pharmaindustrie über den Tisch gezogen zu werden, wenn sie ihnen Daten zur Verfügung stellen."
Ärzte wiederum fürchten um ihre Therapiehoheit, wenn die Hersteller plötzlich nicht mehr nur als Arzneilieferanten auftreten, sondern auch als Dienstleister. Für die ist das neue Gebiet schon deshalb interessant, weil ihnen hohe Umsätze entgehen, wenn chronisch Kranke ihre teuren Medikamente nicht einnehmen. "Natürlich hoffen Pharmakonzerne auch, dass in den Leitlinien von Programmen festgelegt wird, die eigenen Produkte zu bevorzugen. Das kann sinnvoll sein. Man kann dann auch noch über einen Rabatt verhandeln", so Illert.









