Ich finde es irgendwie bezeichnend, dass ein Artikel, welcher die "jungen Elit(är)en" begutachtet, in der Zeitschrift ganze fünf Seiten in Anspruch nimmt, jedoch nicht einmal ein Stichwort wie "Persönlichkeitsentwicklung" in den Mund nimmt.
Wird das menschliche Verhalten in heutiger Zeit allen Ernstes noch als so statisch, unbeeinflussbar und gott-/ elterngegeben angenommen? Wann sind die "Eliten" denn bereit umfassend für ihr Tun und Sein Verantwortung zu übernehmen?
Werbemanager Aleksander Ruzicka sitzt in Untersuchungshaft. Der einstige Geschäftsführer der Agenturgruppe Aegis Media Deutschland soll 50 Millionen Euro veruntreut haben. Eine hübsche Summe für eine junge Führungskraft: Ruzicka war noch keine 40, als er den Chefposten der damals noch anders lautenden Firma antrat. Ex-Rewe-Chef Ernst Dieter Berninghaus hat seinen Prozess schon hinter sich. 2006 verurteilte das Landgericht Köln den damals 40-Jährigen zu zwei Jahren auf Bewährung, weil er für den Handelskonzern eine Internetfirma zu teuer gekauft und sich selbst dabei um Millionen bereichert hatte.
Zwei Ausnahmen? Oder doch eher der Beleg für einen grassierenden Werteverfall unter jungen Top-Managern? Im Capital-Elite-Panel vermisst immerhin fast jeder zweite Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung gerade beim Nachwuchs die hinreichende Werteorientierung. Dies vor Bekanntwerden des Steuerhinterziehungsskandals um prominente Verdächtige wie den zwischenzeitlich zurückgetretenen Post-Chef Klaus Zumwinkel.
Wer hierzulande Manager um die 40 Jahre gut kennt, zeichnet von ihnen ein anderes Bild. Kajus Rottok etwa, Deutschland-Chef der Personalberatung Ray & Berndtson: „Ja, sie sind egozentrischer als die Älteren. Aber sie fordern auch deutlich stärker positive Werte ein“, berichtet der 56-Jährige. Sie wollten in Unternehmen arbeiten, die nicht nur einen guten Ruf und exzellente Produkte, sondern auch eine unzweifelhafte Kultur böten. „Vor allem sind sie auch selbst bereit, werteorientiert zu handeln“, sagt Rottok. „Zumindest“, schränkt er ein, „solange es hilfreich für die Sache ist.“ Auch Paul Kohtes hat viel Kontakt zur jungen Führungselite. „Werte und Ethik gewinnen eindeutig an Relevanz.“
Die jüngeren Manager hätten mehr Distanz zu sich selbst, sagt der Mitgründer der PR-Agentur Kohtes & Klewes, heute Pleon, und Autor vieler Managementbücher. „Und sie stehen für andere Werte als ihre Vorgänger“, so der 62-Jährige. Allem voran setzten sie stärker auf Vertrauen – in ihre Teams und in die Kompetenz des Einzelnen. Soll heißen: Den Jungen sind Werte nicht weniger wert, es sind ihnen nur andere Werte wichtiger als den Alten. Eine Falle, in die wohl schon Sokrates mit der ihm nachgesagten Kritik an der verlotterten Jugend tappte. Für den Soziologen Felix Ekardt, Professor an der Universität Bremen, geht es dabei vor allem um Konventionen: „Sie verlieren ihre Allgemeinverbindlichkeit – das ist es, was die Alten als Werteverfall empfinden.“ Konventionen und Werte dürften aber nicht verwechselt werden, so Ekardt: „Anderen die Tür aufzuhalten, hat mit Werten nichts zu tun.“
Frank Krings, 35, Chief Operating Officer Europe der Deutschen Bank, sieht Integrität als die Conditio sine qua non im Wertekanon an. Er übersetzt diesen Begriff mit Redlichkeit, Rechtschaffenheit, Verlässlichkeit. Eine Studie der Wertekommission kommt allerdings zu einem ernüchternden Ergebnis: Von 500 befragten Managern führte gut jeder zweite an, er erlebe seine Vorgesetzten als nicht integer und fühle sich von ihnen nicht respektiert. Ursächlicher sei eher der von vielen als enorm belastend empfundene Erfolgsdruck, meint Constanze Hufenbecher, kaufmännische Leiterin der Frontend-Fertigungsstandorte von Infineon: „Dann kann es passieren, dass Führungskräfte in ihrer Verzweiflung zu Mitteln greifen, die ihre persönliche Leistung in hellerem Licht erscheinen lassen.“ Im Kleinen sei das ein Logistiker, der Statistiken fälscht. Im Großen ein CFO, der vom Schönen der Bilanz weiß. Als beachtlichen Treiber sieht die 37-Jährige zudem persönliche Gier. Die beginne schon bei einer Eintrittskarte zu einem EM-Spiel inklusive Flugticket – geschenkt von einem Geschäftspartner. „So etwas ist für mich nicht nachvollziehbar: Das geht nicht“, findet Hufenbecher.
Banker Krings verweist daneben auf falsch strukturierte Anreizsysteme als den oftmals entscheidenden Webfehler. Dabei gelte: „Nicht alles, was legal ist, darf auch als gut gelten.“ Das trifft etwa auf so manchen Vertrieb zu, wenn es Provisionen für den Verkauf von Produkten und Dienstleistungen gibt, die nicht dem Bedarf des Kunden entsprechen. Aus Sicht von Stefanie Teichmann, 38, Österreich-Chefin des Sportartikelherstellers Nike, passiert so etwas, „wenn ein Unternehmen zu sehr auf Kennzahlen fixiert ist und Softskills keine Rolle spielen“. Nike hat deshalb elf Maxime für den geschäftlichen und persönlichen Umgang definiert. Dies zu Papier zu bringen ist das eine. Deshalb müssen sich noch lange nicht alle auch daran halten. „Bei Otto“, so Personalvorstand Alexander Birken, 43, „greift dann Führung und wir suchen das Gespräch mit dem Mitarbeiter.“ Was sind die Gründe? Es liege in der Verantwortlichkeit von Führungskraft und Teammitglied, nötigenfalls für bessere Voraussetzungen zu sorgen. „Wir setzen nicht auf Sanktionen, sondern auf Vorbild.“
Dem stimmt Martin Wittig, 44, zu: „Man darf nicht nur richten“, sagt der Chef der Unternehmensberatung Roland Berger in der Schweiz. Das sei letztlich auch ein Wert: „Die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, auch wenn die sich fehl verhalten.“ Häufig sei der Grund für Entgleisungen einfach, dass jemand zu jung und ambitioniert ist. Konkret habe er deshalb schon in drei Fällen ein Einzel-Werte-Coaching verordnet. „Jeder verdient seine zweite Chance.“
Der gefallene Rewe-Manager Berninghaus zumindest hat seinen „schweren Fehler“ eingestanden. Dieser Tage übernimmt er beim Schweizer Handelsriesen Migros das neu gegründete Department Handel, zählt damit wieder zur obersten Führungsebene – und kann beweisen, ob er dazugelernt hat.
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Was die Leser sagen
"Eine Falle, in die wohl schon Sokrates mit der ihm nachgesagten Kritik an der verlotterten Jugend tappte."
Nein, Sokrates tappte in diese Falle nicht, sondern diejenigen, die ihm dieses nachsagen. Für die Kritik an der verlotterten Jugend gibt es keine alte Quelle. Und die neuen, die ihm das nachsagen, plappern etwas Dümmliches nach. Dabei könnte die Beschäftigung mit Sokrates gerade davor bewahren in die Nachplapperfalle zu tappen.
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