27.12.2006

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Managementberatung

Ora et consulta

Christliche Berater haben Konjunktur. Patres und Pastoren helfen in wachsender Zahl Unternehmen bei der immateriellen Wertschöpfung und coachen Führungskräfte.

Eigentlich wollte Benno Kuppler Steuerberater werden oder Personalchef eines Unternehmens. Nach einer Lehre als Industriekaufmann studierte er Betriebswirtschaft. Kuppler war bei der Jungen Union aktiv, Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und eröffnete schon mal zusammen mit dem drei Jahre jüngeren Jürgen Rüttgers einen Studententag. Wer weiß, welche Karriere in Politik oder Wirtschaft der Mann aus Bad Kreuznach gemacht hätte, wenn ihn nicht der Ruf des Herrn ereilt hätte?

Aber Mitte der 70er-Jahre entschloss sich Kuppler zu einem anderen Lebensweg und trat dem Orden der Jesuiten bei. Er studierte Theologie und promovierte über das Kapitalverständnis in der katholischen Soziallehre. Heute lebt Pater Benno, 58, in München, nennt sich „selbstständiger Jesuit“ und arbeitet als Unternehmensberater. Nun ist er doch noch in der Wirtschaft angekommen.

Kuppler veranstaltet Workshops für Unternehmen wie Siemens, Postbank und Hochtief. Meist spricht der charismatische Pater dabei über ethische Fragen, hilft den Führungsleuten, ihre eigenen Werte zu entdecken. Der umgängliche, aber scharfzüngige möchte die Manager dazu bringen, sich selbst „als ethische Subjekte zu begreifen“.

Immer öfter hat Kuppler es mit Führungskräften in Sinnkrisen zu tun. „Die Nöte wachsen“, sagt er. Dann wird der Pater zum Wirtschaftsseelsorger. Viele Manager suchen nach einem Lebenssinn, der über Wachstum, Vermögen und Effizienz hinausgeht. Kuppler missioniert nicht, er coacht, hilft Managern in Gesprächen, mit Ängsten und Niederlagen umzugehen.

Die christlich fundierte Unternehmensberatung ist gefragt in Deutschland. Eine wachsende Zahl von Patres und Pastoren hat sich darauf spezialisiert, Unternehmen zu beraten und Manager zu trainieren. Der Markt ist klein, aber bereits umkämpft. Neulich hat Kuppler Post von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover bekommen. Die hat sich den Begriff „Spiritual Consulting“ als Marke schützen lassen und möchte es nicht länger hinnehmen, dass der Jesuit ihn auf seiner Homepage verwendet.

Die niedersächsischen Protestanten sind innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland Pioniere. Seit 2002 bieten sie Unternehmern und Managern geistlichen Beistand im betrieblichen Alltag. Die Dienstleistung ist in Zeiten der Globalisierung gefragt. Der schnelle Wandel verursacht Stress. Überdies fühlen sich nicht wenige Unternehmer sozial isoliert, wie Pastor Peer-Detlev Schladebusch berichtet. Einer hat ihm mal geklagt. „Ich kann machen, was ich will. Ich bin immer der Buhmann.“

Schladebusch kümmert sich gemeinsam mit seinem Göttinger Kollegen Ralf Reuter um die Wirtschaftsmenschen. Die Nachfrage nach „Spiritual Consulting“ war ursprünglich aus dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer gekommen, nachdem im Osnabrücker Land in kurzer Zeit zwei Unternehmer gestorben waren. Der eine hatte sich das Leben genommen, der andere war während eines Insolvenzverfahrens an Herzversagen gestorben. „Viele Führungskräfte mögen sich nicht dem Pastor vor Ort anvertrauen“, sagt Schladebusch, da träfen häufig zwei Welten aufeinander. Er selbst hat keine Berührungsängste. Schladebusch, 43, hat Betriebswirtschaft studiert und nebenher über viele Jahre eine Versandhandelsfirma betrieben. Der Pastor fühlt sich im gedeckten Dreiteiler wohl. Schladebusch berät Manager und Unternehmer, die in Konflikten stehen, sich ausgebrannt fühlen. Für die Coachingstunde berechnet der Pastor, der auch VW-Führungskräfte betreut, 200 Euro die Stunde. Manchmal münden solche Gespräche in Seelsorge. „Dann halten wir die Uhr an“, sagt er. Der Pfarrer Schladebusch kostet nichts. Mit seinem Kollegen Reuter leitet Schladebusch Seminare, in denen es mal um Persönlichkeitsentwicklung, mal um Veränderungsprozesse und mal um ethische Fragen geht. Auch Assessment Center haben die beiden Pastoren (Tagessatz 1500 Euro) schon organisiert.

Schladebusch pilgert mit Führungskräften regelmäßig auf einem Weg zwischen dem Kloster Loccum und Volkenroda. Die Pastoren laden ihre Klienten zu Retraiten in das Kloster ein, damit die Manager Abstand zu ihrem Alltag gewinnen und mental auftanken können. Da rückt dann schon mal die komplette Führungsmannschaft eines Media Markts ein, um zur Besinnung zu kommen.

Wenn sich Manager in Klöster zurückziehen, bedeutet das nicht, dass sie die Welt der Wirtschaft verlassen. Sie kehren vielmehr an die Ursprünge zurück. Historisch gesehen waren Klöster die Brutstätten des kapitalistischen Geistes. Die Mönche fühlten sich zur Arbeit verpflichtet und bei steigender Produktivität und beschränkten Konsummöglichkeiten führte das zwangsläufig zur Bildung von Kapital.

Ohne Zweifel ist die christliche Religion wirtschaftsfreundlich. Sie schützt das private Eigentum, die Kirche hat gegen ungleiche Einkommen und die Verzinsung von Kapital prinzipiell keine Einwände. Aber was wissen Kleriker von der Welt der Konzerne in Zeiten der Globalisierung? Viel, behauptet der Augustinerpater Hermann-Josef Zoche, der ebenfalls als Unternehmensberater tätig ist. In seinem Buch über die „Jesus AG“ beschreibt er die katholische Kirche als einen Multi, der selbst so großen Konzernen wie Coca-Cola und McDonald’s einiges voraus habe: eine 2000 Jahre währende Erfolgsgeschichte als weltweit operierender Dienstleister mit 24-Stunden-Service und einer konsequenten Corporate Identity, die durch das Kreuz hohen Wiedererkennungswert habe. In der Jesus AG ist die Konzernführung (das Kardinalskollegium) international zusammengesetzt, die Besetzung der Position des CEO (die Papstwahl) erfolgt nach einem festgelegten Verfahren, das langwierige Machtkämpfe ausschließt.

Anselm Bilgri, 53, gehört heute nicht mehr zum Stammpersonal dieser Jesus AG. Er ist zwar noch in der Kirche, aber als Priester darf er nicht tätig werden. Das mag ihm der Münchner Kardinal Friedrich Wetter nicht erlauben. 2004 hatte der Benediktinermönch Bilgri das Kloster Andechs verlassen, nachdem er sich mit seinen Mitbrüdern überworfen hatte. Als Wirtschaftsleiter des Klosters hatte Bilgri dessen Bier berühmt gemacht, eine 200-köpfige Firma geleitet und 20 Millionen Euro Jahresumsatz eingefahren. Über viele Jahre personifizierte er die perfekte Kombination aus Mönch und Manager. Nach dem Empfinden der anderen Patres war er darüber zu weltlich geworden.

Heute ist Bilgri Unternehmens berater und ein Schwergewicht auf dem Markt des christlichen Consultings. Nach seinem Weggang aus Andechs hat er zusammen mit drei Partnern das „Anselm Bilgri – Zentrum für Unternehmenskultur“ gegründet und schult seither Führungskräfte in der immateriellen Wertschöpfung. Der Laden brummt. Die Firma hat ein altehrwürdiges Haus gegenüber der Technischen Universität München in Schwabing angemietet, das Team besteht aus 15 Mitarbeitern, der Umsatz wird 2006 die Millionengrenze überschreiten. Zu den Kunden zählen Allianz, BMW, Microsoft und Siemens. Aber auch Mittelständler buchen Bilgri & Partner und zahlen Tagessätze von 2000 Euro je Berater.

Die Bilgri-Truppe tritt mit dem Anspruch an, Unternehmen in einem längeren Prozess zu einer neuen Kultur zu verhelfen – und dadurch leistungsfähiger zu machen. „Die meisten Unternehmen haben zahlreiche Sparrunden hinter sich“, sagt Bilgris Partner Jürgen Schott. „Das größte Potenzial zur Steigerung des Erfolgs sind die Menschen.“

Bilgri setzt auch in seiner neuen Rolle weiter auf die Benediktsregel, jene Anweisungen, die der Ordensgründer vor 1500 Jahren gab und die mit der Kurzformel „ora et labora!“ (bete und arbeite) nur unzureichend wiedergegeben sind. Für Bilgri ist die Regel zum einen die Urform des Prinzips der Lebensbalance, zum anderen ein Modell für eine an humanistischen Werten orientierte Unternehmenskultur. Von Führungskräften fordert Bilgri, was Benedikt von Nursia einst den Äbten auferlegt hatte: genaues Zuhören, Achtsamkeit, Demut und das Bemühen, auf die Einmaligkeit jedes einzelnen Mitarbeiters („Discretio“) einzugehen. Bilgris Buch „Finde das rechte Maß“, das er mit dem Managementtrainer Konrad Stadler geschrieben hat, ist ein Bestseller.

Ein anderer Mönch ist noch erfolgreicher auf dem Buchmarkt. Der Benediktinerpater Anselm Grün, 61, schreibt seit Jahren besinnliche Ratgeber, die sich an ein breites Leserpublikum richten. Die internationale Gesamtauflage soll inzwischen 14 Millionen betragen. In jedem Fall hat der Cellerar der Abtei Münsterschwarzach mit seiner Schriftstellerei, ausgeübt dienstags und donnerstags morgens zwischen sechs und acht Uhr, das Klostervermögen erheblich gemehrt. In Zusammenarbeit mit einer Reihe von Trainern gibt Grün auch regelmäßig Kurse unter dem Titel „Führen und geführt werden“ im Haus Benedikt in Würzburg.

Der Altmeister unter den christlich orientierten Unternehmensberatern ist Rupert Lay. Der Jesuit war der erste Kleriker in Deutschland, der sich auf das Seelenheil der Manager spezialisierte. Tausende von Wirtschaftsleuten pilgerten im Laufe der Jahrzehnte zu den Schulungen des Professors, um sich in Ethik und Rhetorik schulen zu lassen. Dabei gefiel es Lay bisweilen, Erfolgstypen mit schneidender Rhetorik zusammenzufalten. Der Mann nimmt kein Blatt vor den Mund, das Shareholder-Value-Denken verdammt er als faschistisch. Heute hält der 77-Jährige nur noch selten Seminare ab, meist für Stammkunden, denen er hilft, „die soziale Performance in den Bereichen Kommunikationsfähigkeit und Konfliktfähigkeit zu verbessern“.

Wie Bilgri hatte auch Lay nach Jahren des Erfolgs Ärger mit seinem Orden. Nachdem er ein kirchenkritisches Buch verfasst hatte, musste er 1996 bei den Jesuiten in Frankfurt ausziehen. Bei der Gelegenheit bekannte sich der Pater erstmals öffentlich zu einem leiblichen Sohn. Der Sprössling heißt ebenfalls Rupert, ist inzwischen 22 Jahre alt und Student in Frankfurt. Nebenher kümmert er sich um die Website seines Vaters und annonciert dort von Zeit zu Zeit neue Managerseminare – im Namen des Vaters.


© 2006 capital.de

Was die Leser sagen

Michael Fromm
05.01.2007 | 13:39
Ora et labora...da geschieht mittlerweile noch viel mehr!

Sehr geehrter Herr Jungbluth,
ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für diesen Artikel; Sie schreiben hier im weitesten Sinne über ein Thema, welches bislang eher hinter vorgehaltener Hand besprochen wurde - das Thema "Wirtschaft und Spiritualität". Doch dieses Thema ist längst schon auch in Deutschland angekommen, nachdem es bereits auf dem nordamerikanischen Kontinent durch Menschen, wie den kanadischen Unternehmensberater und Bestsellerautor Lance Secretan in große Unternehmen und Konzeren transportiert wurde. Die Bücher zu diesem Thema werden zahlreicher und der J. Kamphausen-Verlag hat dem Thema bereits eine ganze Buchreihe gewidmet. Ich bin sicher, das die Sinnsuche der Menschen in unseren Unternehmen dieses Entwicklung forciert; das Streben nach dem "Schneller, höher, weiter" reicht für Viele zur beruflichen Befriedigung schon längst nicht mehr aus.
Beste Grüße aus Wuppertal
Michael Fromm
www.frommundfromm.de

(Kommentare 1-1 von 1)

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