Die Sitzung hatte im Nachhinein etwas Gespenstisches. Vor einem ausgewählten Kreis von Aufsichtsräten aus dem Präsidium sowie den beiden Finanzausschüssen trug Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke am 8. November seinen Sanierungsplan vor. Am Ende nickten die Aufseher das Konzept ab. Es versprach bis zum Jahr 2009 im Geschäft mit schnellen Datenleitungen und in den USA einen neuen Wachstumsschub. Danach, so ein Teilnehmer, signalisierte Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel, im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Post, die Vertragsverlängerung für Ricke sei lediglich Formsache.
Nur vier Tage später war alles ganz anders: Am Sonntag, den 12. November, drängten Zumwinkel und Co-Präside Thomas Mirow, Staatssekretär im Finanzministerium, Ricke zum Rücktritt. Die zwei Arbeitnehmervertreter im Präsidium zogen mit. Montags um 12.30 Uhr nickten die per Schaltkonferenz zusammengerufenen restlichen Telekom-Kontrolleure die Wahl des neuen Chefs René Obermann ab – wenn auch nicht ohne Murren: Aus Protest gegen das überfallartige Vorgehen dauerte die Sitzung 45 Minuten länger als geplant. „Wofür haben wir eigentlich 20 Aufsichtsräte?“, ereifert sich ein Aufseher. „Am Ende sind wir doch regelrechtes Stimmvieh.“
Wohl wahr. Der Fall Telekom offenbart genauso wie das Hickhack um die Cheffrage bei VW oder der Mannesmann-Prozess in Düsseldorf die Schieflage bei Kontrolle und Steuerung deutscher Konzerne. Eine kleine Gruppe um den Chefkontrolleur, mal zwei, mal vier, höchstens sechs Personen, zieht die Fäden, ist die Machtzentrale des Unternehmens: das Präsidium des Aufsichtsrates. Offene Diskussionen in den Kontrollgremien? Fehlanzeige. Die wichtigen Entscheidungen fallen im Vorfeld im inneren Kreis, meist bei informellen Gesprächen. Die Mehrheit der Kontrolleure fügt sich klaglos den Wünschen von oben – und freut sich auf das Weihnachtsessen mit Vorstand und Kollegen sowie auf die jährlichen Vergütungen, die schon mal 200000 Euro und mehr betragen. Am Ende sind die Aktionäre die Dummen – wenn die Beschlüsse ihren Interessen widersprechen.
„Das Präsidium ist ein Mauschelgremium“, glaubt Professor Michael Adams vom Institut Recht der Wirtschaft an der Uni Hamburg. „Das ist die logische Folge des verfehlten Mitbestimmungssystems. Die Kontrolle des Unternehmens ist damit nicht gewährleistet.“ Die Gremien mit bis zu 20 Mitgliedern seien viel zu groß, uneffektiv und zu arbeitnehmerlastig, so seine Kritik, Treiber sei „Postengeilheit“, gerade Gewerkschaftern ginge es oft nur um „Jobs for the Boys“.
Der Gesetzgeber lässt solche Ausschüsse innerhalb des Aufsichtsrates zu. Ursprünglicher Zweck: die Arbeit zu verteilen und effizientere Abläufe zu organisieren. Zunehmend mutiert das Obergremium jedoch zur Nebenregierung. Die Konsequenz: Es gibt Aufsichtsräte erster und zweiter Klasse.
Alle Macht den Räten – doch nur die Oberräte haben etwas zu sagen. Diesen Trend führt Volkswagen an. „Da steuern zwei Leute im Präsidium einen der größten Konzerne der Welt“, sagt Adams, „ein atemberaubender Vorgang.“ Oberaufseher Ferdinand Piëch deichselte im Schulterschluss mit Jürgen Peters, Vorsitzender der IG Metall, das Revirement an der Spitze des Autobauers – zur Überraschung der übrigen Räte und der Öffentlichkeit.
Noch im Mai dieses Jahres verlängerte der gesamte Rat den Vertrag von VWChef Bernd Pischetsrieder um fünf Jahre. Jetzt ist alles perdu, Piëch hat Audi-Chef Martin Winterkorn als künftigen Konzernchef durchgesetzt. Der gilt als Vertrauter Piëchs.
Die Entscheidungsfindung bleibt unklar: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, obwohl gegen die Pischetsrieder-Ablösung, konnte sich im Präsidium nicht gegen die Mehrheit durchsetzen. Nicht einmal die Landesbeteiligung von 20,8 Prozent reichte aus, um den Putsch zu verhindern – am Ende drehte er zur Gesichtswahrung zähneknirschend bei und fordert nun, dass Piëch künftig nicht mehr Aufsichtsratschef ist.
Die Geheimniskrämerei der einsamen Männerclique findet, wen wundert’s, auch Befürworter. „Eine Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums ist keine Pressekonferenz. Da werden wichtige Zukunftsentscheidungen getroffen“, sagt Bernd Osterloh, VW-Betriebsratschef und Mitglied im Piëch-Club der Mächtigen. „Solche Fragen erörtert man nicht in der Öffentlichkeit.“ Leider auch nicht dort, wo sie hingehören – im Plenum der Räte. Aber das vergisst Osterloh zu erwähnen.
Scharfe Kritik an dem Verfahren hagelt es dagegen vom US-Investmenthaus Tweedy Browne, das rund zwei Millionen VWAktien hält. „Wir konnten uns kaum vorstellen, dass der Herr Piëch, mit seiner wenig beeindruckenden Bilanz als VWManager, die Prinzipien der Corporate Governance so mit Füßen treten würde“, sagt Geschäftsführer Tom Shrager.
Welche Auswüchse vertrauliche Absprachen annehmen können, zeigt der Fall Mannesmann. Bei der Neuauflage des Verfahrens stehen die Präsidiumsmitglieder vor Gericht: neben Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann der frühere Aufsichtsratschef Joachim Funk und der ehemalige IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel. Der Vorwurf: Untreue. Die Angeklagten bestreiten den Vorwurf.
Das Präsidium hatte nach der Mannesmann-Übernahme durch die britische Vodafone im Jahr 2000 Zahlungen an Führungskräfte in Höhe von knapp 60 Millionen Euro genehmigt, ohne den übrigen Aufsichtsrat zu konsultieren. Der Bundesgerichtshof kassierte die Freisprüche der ersten Runde vor dem Landgericht mit der Begründung, die prominenten Räte hätten sich beim Verteilen der Boni wie „Gutsherren“ benommen. Tatsächlich seien sie nur Gutsverwalter fremden Eigentums.
Auch in anderen Konzernen manifestiert sich die ausufernde Selbstherrlichkeit der Oberaufpasser. So kann Tui-Vorstandschef Michael Frenzel trotz schwacher Aktienperformance und öffentlicher Dauerkritik an seinem Zickzackkurs – noch – auf die Rückendeckung des sechsköpfigen Präsidiums bauen.
Beim Energiekonzern RWE ließen Aufsichtsratschef Thomas Fischer, Allianz-Vorstand Paul Achleitner und Verdi-Chef Frank Bsirske bei den jüngsten Personalien das Fußvolk ganz außen vor. Sie verkündeten mit drei Kollegen am 7. November, welche zwei Vorstände nächstes Jahr neu starten, natürlich „vorbehaltlich der Zustimmung des Aufsichtsrates“ am 13. Dezember.
„Es kann nicht sein, dass per Presseerklärung vollendete Tatsachen geschaffen werden“, moniert Christian Strenger, Ex-Chef der Fondsgesellschaft DWS und Mitglied in der Regierungskommission Corporate Governance. „Immerhin gehören Auswahl und Kontrolle des Vorstandes zur wichtigsten Pflicht des Aufsichtsrates.“ Diese Vorbestimmung des gesamten Rates sei nichts anderes als ein „Relikt aus den Zeiten der Deutschland AG“.
Zwar sind die früheren Überkreuzbeteiligungen überwiegend beseitigt. Ein Netzwerk von ehemaligen Top-Managern wie Manfred Schneider von Bayer oder Ulrich Hartmann von Eon sitzt jedoch nach wie vor an den Schalthebeln der Macht, quasi eine Light-Version des alten Geflechts. In den Kontrollinstanzen dominieren vertrauliche Absprachen. „Auf Dauer gefährden die Kompromisse die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen“, so Strenger. Er schlägt eine deutliche Verkleinerung der Aufsehertruppe vor. Das macht die Präsidien fast überflüssig. „Der deutsche Aufsichtsrat muss zudem professioneller und aktiver werden“, sekundiert Klaus-Peter Gushurst, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.
Doch mit Reformen ist erst Anfang November eine Kommission unter Leitung von Kurt Biedenkopf gescheitert: Die Kapitalvertreter um Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt lehnten Kompromisse ab, die paritätisch besetzten Aufsichtsräte nach dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 zu modernisieren. Stattdessen fordern sie, den Anteil der Arbeitnehmer auf ein Drittel zu begrenzen. Das führte zum Eklat mit den Gewerkschaftern. Kein schneller Wandel in Sicht – es darf also munter weiter gemauschelt werden.
Die Strippenzieher hinter den Kulissen
Neun frühere Vorstandschefs und der ehemalige Deutsche-Bank-Finanzvorstand Clemens Börsig sind die wichtigsten Aufsichtsräte der Dax-Konzerne. Jeder leitet mindestens einen Rat, alle mischen in den Präsidien mit.
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