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18.08.2010
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Mehr als 500 Mobilfunkfirmen in 140 Ländern setzen inzwischen ZTE-Technik ein
Mehr als 500 Mobilfunkfirmen in 140 Ländern setzen inzwischen ZTE-Technik ein
Foto: Getty

Handytechnik

Die Rotfunker von ZTE

von Thomas Wendel

Mit intelligenter Mobilfunktechnik machen sie Nokia Siemens und Ericsson das Leben schwer. Jetzt schicken sich die Shootingstars aus China an, einer der größten Handyhersteller der Welt zu werden. Besuch bei einem etwas unheimlichen Unternehmen.

Wenn Hou Weigui sein Reich durchmisst, braucht er dafür nur wenige Schritte. Etwa 20 Meter muss der Gründer der Zhongxing Telecommunication Equipment Corporation (ZTE) laufen, dann ist er am Ende angelangt – am Ende des Modells, das alle Industriekomplexe seines Konzerns in China nachbildet. Unzählige Büros und Werkshallen, eingebettet in grüne Plastikwiesen, aufgebaut im Maßstab einer Spielzeugeisenbahn. Größe in der Realität: weit mehr als eine Million Quadratmeter.

Anschließend kann sich der 67-jährige Patriarch in eines der leise surrenden Elektromobile setzen und durch die Ausstellungshalle der 38 Stockwerke hohen, bläulich schimmernden Firmenzentrale fahren lassen: ein nicht enden wollender Saal aus Granit mit Vitrinen, in denen Mobilfunkantennen, Telefonschalter und Handys ausgestellt sind. Davor stehen Männer in Anzügen und staunen. "Größer als bei Samsung in Korea", raunt einer. Es sind Mobilfunkmanager von Vodafone aus Großbritannien, von Etisalat aus den Arabischen Emiraten oder von Vimpelcom aus Russland. Sie haben schon viele Firmenzentralen gesehen, aber diese gehört zu den prächtigsten.

Zhongxing. Bitte, wer?

Übersetzt heißt der Name "florierendes China", und das passt ziemlich gut. Das Unternehmen aus der Zwölf-Millionen-Metropole Shenzhen an der Perlflussmündung ist der Shootingstar unter den Telekomausrüstern. Binnen wenigen Jahren hat sich ZTE aus dem Nichts in die top fünf der Branche hochgearbeitet. Mit einem Umsatz von umgerechnet 8,8 Mrd. Dollar spielen die Südchinesen nun auf Augenhöhe mit Firmen wie Ericsson, Nokia Siemens Networks (NSN), Motorola oder Alcatel-Lucent. Nicht einmal der größere und bekanntere Lokalrivale Huawei kann vergleichbare Wachstumsraten aufweisen: Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz von Hou Weiguis Truppe um selbst für China erstaunliche 36 Prozent, der Betriebsgewinn (Ebit) gar um 48 Prozent. Das US-Magazin "Forbes" führt ZTE in seiner Liste der wertvollsten asiatischen Aktiengesellschaften auf Platz 28 – neun Plätze vor dem weltweit zweitgrößten PC-Hersteller Acer aus Taiwan.

Und das, verspricht ZTE-Vorstand Tian Wenguo, soll erst der Anfang sein. Beim Aufbau von Mobilfunknetzen in aller Welt haben die Newcomer der westlichen Konkurrenz schon so manchen lukrativen Auftrag weggeschnappt. Jetzt greifen sie auch auf einem weit prestigeträchtigeren Feld an: bei den Handys. "Wir wollen spätestens 2015 zu den top drei der Branche gehören." Tian Wenguo lächelt diese Kampfansage in ein spartanisches Sitzungszimmer der Konzernzentrale hinein. Vor den Fenstern wehen vier Konzernfahnen und die rote Flagge der Volksrepublik China. Zu den top drei gehören, das heißt: größer sein als Sony Ericsson. Größer als Apple. Größer als Motorola sind sie schon.

Gelingt das Vorhaben, wird in dem fast 150 Mrd. Euro schweren Markt bald nichts mehr sein, wie es einmal war. Und ZTE lässt wenig Zweifel aufkommen, dass es gelingen wird.

Für ihren Angriff auf die Marktführer haben die Chinesen in Schanghai ein eigenes Entwicklungszentrum bauen lassen. Über ein Gewirr von Gängen gelangen Besucher in das Designcenter. Tuche, Kunststoffstücke, selbst Knöpfe liegen als Farb- und Materialmuster aus. In den Vitrinen stehen Designstudien: Telefone, die wirken, als wären sie in Nagellack gefallen. Auch gewagte Konstruktionen wie ein Fächerhandy, dessen flexibles Display sich beim Öffnen zwischen den beiden Fächerenden aufspannt. Nur wenige dieser exotischen Entwürfe haben es in die Produktion geschafft, noch verdient der Konzern sein Geld vor allem mit Einfachsthandys, die in China, Indien, Nigeria oder Indonesien für wenige Dollar verkauft werden. Doch das dürfte sich bald ändern.

Denn immer öfter warten die ZTE-Ingenieure mit echten Innovationen auf, etwa dem ersten Serienhandy mit integrierten Solarzellen – ein Verkaufsrenner in Kenia, wo die Landbewohner nun nicht mehr stundenlang bis zur nächsten Steckdose laufen müssen. Mehr als 50 Millionen Mobiltelefone verkauften Mr Hou und seine Mannen im vergangenen Jahr. Im ersten Quartal 2010 lagen die Angreifer aus Südchina nach Zahlen des US-Marktforschers iSuppli bereits auf Platz sieben der weltgrößten Handyhersteller. Dem finnischen Branchenexperten Tomi Ahonen schwant Übles für den angeschlagenen Weltmarktführer aus seiner Heimat: "ZTE wird das Blutbad für Nokia noch blutiger machen."

Wie tief ZTE bereits in die westeuropäischen Märkte eingedrungen ist, merken die Kunden so gut wie nicht. Der Vormarsch der Chinesen vollzieht sich nahezu unsichtbar. Beispiel Deutschland: Ende 2009 ergatterte der Konzern aus Shenzhen einen Großauftrag von E-Plus. Seither rüsten ZTE-Techniker Tausende von Sendemasten des drittgrößten deutschen Mobilfunkbetreibers mit modernster Datentechnik aus. Ein starkes Stück, denn E-Plus hat den Betrieb des Netzes schon vor längerer Zeit ausgelagert – an den ZTE-Rivalen Alcatel-Lucent.

Hilfe von der Regierung

Die beiden deutschen Marktführer sind ebenso mit den Chinesen im Geschäft und verkaufen deren Multimedia-Handys. Die Schmalspur-Smartphones tragen so niedliche Namen wie "Cute" oder "Vairy Touch" und werden unter Telekom- beziehungsweise Vodafone-Label billig feilgeboten. In Portugal hat es ein ZTE-Produkt sogar auf Platz eins der Smartphone-Verkaufsstatistik geschafft: Mit einem dem Blackberry nachempfundenen Billigmodell erreicht Zhongxing 30 Prozent Marktanteil.

Die westliche Konkurrenz ist alarmiert. Offiziell mag sich niemand äußern, doch hinter vorgehaltener Hand bezichtigen europäische Mobilfunkmanager den Angreifer aus Fernost des unlauteren Wettbewerbs. Anzeichen dafür gibt es: Die chinesische Staatsführung hat die Telekommunikation zum strategischen Schlüsselmarkt erklärt, den es mit allen Mitteln zu erobern gilt. So profitiert ZTE nicht nur von der Wechselkurspolitik der Bank of China, die den Renminbi künstlich billig hält und so die Tiefpreisangebote von ZTE erst möglich macht. Staatliche Firmen kontrollieren zudem den größten ZTE-Aktionär, Shenzhen Zhongxingxin.


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