September 2007 - Der nach 31 Dienstjahren entlassene Hausjurist Albrecht Schäfer zog vor das Arbeitsgericht und klagte auf Wiedereinstellung. Eine heikle Situation, denn die Insider an der Konzernspitze wussten, dass Schäfer zahlreiche Betriebsgeheimnisse über kritische Vorfälle mit sich herumtrug.
Oktober 2007 - Konzernchef Peter Löscher stellte als Manager für die Aufklärungsarbeit den US-Amerikaner Peter Solmssen ein, der in diesen Wochen zu seinem wichtigsten Begleiter beim Umbau der Konzernspitze wird. Löscher kannte Solmssen aus seiner Zeit bei General Electric. Dies war auch ein Zeichen an die wachsamen Ermittler bei der amerikanischen Börsenaufsicht und im US-Justizministerium.
Ende Oktober verhängte das Landgericht München eine erste Strafe in Höhe von 201 Millionen Euro wegen Untreue-Handlungen im Telekommunikations-Bereich COM. Damit wurden – allerdings nur für diesen Unternehmensbereich – weitere Ermittlungen eingestellt. Das Strafverfahren gegen den Manager Reinhard S. war davon ausgenommen. Gegen ihn sollte im kommenden Jahr verhandelt werden. Siemens akzeptierte die Sanktion. Die Gefechtslage wurde allmählich klar: Mit den Münchner Staatsanwälten war zu sprechen. Der größere Druck drohte von den US-Behörden, deren Sanktionen noch völlig unkalkulierbar waren. Beruhigend war auch, dass sich die deutschen Staatsanwälte auf den Untreue-Vorwurf beschränkten. Damit signalisierten sie, dass sie sich die mühevolle internationale Ermittlungsarbeit nach den mutmaßlichen Endempfängern von Bestechungsgeldern sparten, weil dies nur mit aufwändigen und zeitraubenden Rechtshilfeverfahren aufzuklären ist.
Die internen Untersuchungen kamen unterdessen ins Stocken. Vor allem etliche Manager in den Ländergesellschaften sperrten sich gegen die Aufklärungsbemühungen. Sie mauerten bei den „Verhören“ der Konzern-Berater. Löscher installierte daraufhin ein Amnestieprogramm mit dem Namen „Tell us“, um den Widerstand der Manager bei den Befragungen durch die Anwälte der Kanzlei Debevoise & Plimpton zu brechen. Whistleblower, die auspacken, sollten bis Ende Januar 2008 Zeit haben, um Vorfälle zu beichten, von denen sie wissen.
Neue Hiobsbotschaften
November 2007 - Bei der Vorlage der Jahresbilanz gab Siemens bekannt, dass fragwürdige Zahlungen in Höhe von insgesamt 1,3 Milliarden Euro entdeckt wurden. Über den COM-Bereich hinaus, in dem 449 Millionen Euro gefunden worden waren, seien weitere 857 Millionen Euro verdächtiger Zahlungen gefunden worden. Diese Erkenntnisse bezogen sich auf den Untersuchungszeitraum 2000 bis 2006. Daraus ergäben sich zusätzliche Steuerverpflichtungen in Höhe von 339 Millionen Euro. Weitere strafrechtliche- wie zivilrechtliche Verfahren schloss der Konzern daher nicht aus.
Der neue Siemens-Chef Peter Löscher wirbelte das gesamt Management um. Ganze Ebenen wurden gestrichen. Die Konzernleitung, die bisher auf einen Zentralvorstand wie bei einer Holding und zahlreiche Bereichsvorstände verteilt war, wurde zu einem neuen Vorstandsgremium mit Löscher als CEO umgebaut. Vor allem die 40 mächtigen Mitglieder der Bereichsvorstände waren davon betroffen. Sie mussten sich neu bewerben, ihre Fähigkeiten und Eignungen wurden in einem Assessment-Center geprüft. Der Manager Peter Solmssen, zuständig für Recht und Compliance, wurde Mitglied dieses Konzernvorstandes.
Dezember 2007 - „Die Führungskultur hat versagt“, resümiert Peter Löscher in einem Interview. Er gab eine Zwischenbilanz seiner Aufklärungsarbeit bekannt: „470 Manager wurden bereits sanktioniert, von 130 haben wir uns getrennt. Jeder Siemens-Mitarbeiter muss wissen, dass Regeln und Gesetze einzuhalten sind.“
Ein Mitarbeiter des Prüfkonzerns KPMG sagte vor der Staatsanwaltschaft aus, wie sie im April 2006 bei einer Untersuchung von Geldströmen gestoppt worden seien. Die Untersuchung mit dem Arbeitstitel „Opera“ sei gestoppt worden. Und im Rechtsstreit mit dem ehemaligen Chefjuristen Albrecht Schäfer kam der Konzern ebenfalls voran. Er sagte zu, dem Konzern mit seinem Wissen zur Verfügung zu stehen. Peter Löscher flog mit seinem Aufsichtsratschef Gerhard Cromme in die USA, um die Chefbeamten bei der Börsenaufsicht über den Fortgang der Untersuchungen zu berichten.
Januar 2008 - Das Amnestieprogramm entfaltete Wirkung. Reihenweise begannen Manager über die Vergangenheit zu plaudern. Immer mehr Erkenntnisse über die Involvierung der früheren Spitzenmanager werden bekannt. Ohne Vorverurteilung aber als Vorsichtsmaßnahme wurde entschieden, an der Hauptversammlung auf die Entlastung der ehemaligen Top-Manager Rudi Lamprecht, Eduardo Montes, Jürgen Radomski, Uriel Sharef, Klaus Wucherer, Joe Kaeser, Erich Reinhardt, Hermann Requardt und Heinrich Hiesinger sowie die Ex-Konzernchefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld zu verzichten. Kleinfeld und von Pierer beteuerten stets, von dem Schmiergeldsystem nichts gewußt zu haben. Nur Peter Löscher sollte entlastet werden.
Die vorläufige Kostenbilanz des Skandals: Bereits mehr als 1,5 Milliarden Euro mussten für den Fall berappt werden. Weitere Strafzahlungen, Geldbußen stehen noch bevor, die meisten Verfahren sind noch nicht abgeschlossen. Der größte Posten droht dabei mit der unvermeidlichen Strafe durch die US-Börsenaufsicht SEC. Und mit einem kostenintensiven Programm müssen weltweit alle Mitarbeiter im rechtmäßigen Verhalten trainiert werden.
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