Es gibt einige honorige Wissenschaftler, die sich seit vielen Jahren gegen die Mainstream-Meinungen stemmen - und damit erstaunlich oft völlig richtig lagen!
Alleine zur Inflations-/Deflations-Frage sind mir unzählige Artikel bekannt, die fest mit einer langen Phase der Deflation rechnen (z.B. Malik: „ich kenne nur wenige, die ein Deflationsszenario zu Ende denken können“). Klar, Inflation klingt reisserischer und findet in den Medien mehr Beachtung. Und wenn dann auch noch Gold- und Immobilienhändler Öl ins Feuer gießen, dann glaubt man irgendwann, richtig zu liegen, weil es alle sagen.
Ganz kurz auf den Nenner gebracht:
Es ist zu Krisenzeiten zwar unvorstellbar viel Geld in den Umlauf gekommen, dieses hat i.d.R. jedoch den eigentlichen Markt gar nicht erreicht. Ebenso trifft dieses Geld nicht auf ausgeschöpfte Produktionsressourcen (auch, wenn dies in diesen Monaten dank Zwischenboom vorübergehend teilweise anders ist). Beides wäre für eine Inflation unabdingbar. Derzeit können die Hersteller steigende Preise nicht durchsetzen (von wenigen Sondereffekten bei Energie, Rohstoffen und steuerlichen Themen abgesehen).
Das gigantische Problem sind die weltweiten Schulden der Staaten, der Verbraucher, aber vor allem der Institutionen. Keine Immobilie, keine Unternehmensübernahme, keine Werkserweiterung oder Indienststellung von Containerschiffen, Autos, Flugzeugen ist nicht schuldenfinanziert. In Krisenzeiten ist das Geld knapp, die Anzahl der Käufer niedrig. Entsprechend sinken Preise für Sachwerte. Sinken diese stärker, so kann sich das Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital so massiv ändern, dass der Schuldner einer Nachschusspflicht zukommen muss. Kann er das nicht, muss der Sachwert auf den Markt geworfen werden, um liquide Mittel zu generieren. Was wiederum zu weiter sinkenden Preisen führt und somit weitere Schuldner zum Aderlass zwingt. Der Beginn einer klassischen Deflationsspirale.
Das Horrorszenario Inflation ist absehbar also nicht akut. Leider ist aber auch die anstehende Phase der Deflation nicht wirklich die angenehme Alternative. Uns drohen zähe Zeiten wie den Japanern.
Denis Kessler ist sich sicher: Wenn die Finanzkrise vorbei ist, kommt die Inflation. "Das sind zwei Seiten derselben Medaille", argumentiert der Chef des französischen Rückversicherers Scor, der globalen Nummer fünf der Branche. Er investiert daher lieber in kurz- und mittelfristige Wertpapiere, um bei deutlichen Zinserhöhungen nicht auf lang laufenden Papieren mit Niedrigzinsen sitzen zu bleiben. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital für Deutschland, stimmt Kessler zu. "Ich glaube, dass es zu einer Geldentwertung kommt."
Unumstritten ist die Auffassung freilich nicht - zu unklar ist, wohin sich die Weltwirtschaft entwickelt. Und auch ein deflationäres Umfeld lässt die Branche derzeit zittern.
"Im Moment gibt es keine Indizien, die auf eine höhere Inflation hinweisen", sagt Maximilian Zimmerer, Chef der Allianz Lebensversicherung. "Ich sehe keinen Trend zu sehr hohen Lohnabschlüssen oder steigenden Rohstoffpreisen und kann nicht erkennen, dass wir bald eine starke Preisentwicklung an den Gütermärkten erleben."
Deflation, Inflation? Die Frage ist von höchster Brisanz für die Versicherer. So glaubt die Gothaer an einen Inflationsschub - entsprechend kurzfristig legt Finanzchef Jürgen Meisch die Teile des Portfolios von 23 Mrd. Euro an, die neu investiert werden müssen. Sein Kollege Ulrich Leitermann vom Konkurrenten Signal Iduna setzt dagegen auf lang laufende Papiere bis zu 20 Jahren. "Damit erzielen wir auch bei Neuanlagen eine Verzinsung von 4,5 Prozent." Er hält das Risiko einer baldigen Inflation für gering. Nur einer von ihnen kann recht behalten - wer falschliegt, wird dafür teuer bezahlen müssen.
Einig ist sich die Branche, dass Niedrigzinsen aktuell das größere Übel sind - vor allem für die Lebensversicherer mit ihren lang laufenden Zinsgarantien. Höhere Zinsen sind langfristig besser für die Branche. Kommt der Anstieg aber rasch, ist das den Lebensversicherern auch nicht recht. Sie müssen dann viele Staats- oder Unternehmensanleihen abschreiben, die sie kürzlich gekauft haben, und einen niedrigen Zins tragen.
Das belastet jedenfalls kurzfristig sehr deutlich das Ergebnis der Unternehmen. Dazu kommt: Kunden könnten aus Verträgen mit niedrigen Garantieverzinsungen abwandern und sich andere Anlageformen mit höheren Zinsen suchen.
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