Die Observation wurde von "mindestens zwei Teams mit jeweils zwei Personen durchgeführt", geht aus einem Bericht hervor, den die Wirtschaftsdetektei Control Risks für die Telekom anfertigte. Die Ermittler spähten die Privatsphäre des Journalisten aus, belauschten Gespräche, versuchten das Büro auszukundschaften und sein Auto zu verdrahten.
"Das sind klassische Stasi-Methoden", sagte Andreas Schulze, Sprecher der Birthler-Behörde, die die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR aufbewahrt. Der Journalist wurde von Mitarbeitern der Berliner Desa observiert - einer Firma, die von zwei Ex-Mitarbeitern der DDR-Spionageabwehr gegründet wurde. Der "Financial Times Deutschland" teilte die Firma mit, dass es "kein Eindringen in die Privat- oder Redaktionsräume eines Journalisten gab".
Die Desa-Leute kundschaften Enzweilers Büro aus, folgen ihm auf Schritt und Tritt. 24 Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Zwei Wochen lang. Das ist dokumentiert in einem Bericht von Control Risks an den Auftraggeber Telekom, der Capital und "FTD" vorliegt. In bestem Geheimdienstjargon wird darin der Auftrag an die Spitzel formuliert:
"Vorrangiges Ziel aller Ermittlungen in dieser Phase war es, ein möglichst umfassendes Bild der Zielperson (ZP) zu erstellen. Dies beinhaltet ein Datenbankresearch (...), um eventuelle Eingrenzungen in Bezug auf die Informationsweitergabe eruieren zu können. Zudem sollte eine vertiefte Hintergrundüberprüfung, eine Observation und ein psychologisches Profil der ZP erstellt werden, damit in einem zweiten Schritt auf Grundlage von gesicherten Informationen operative Maßnahmen eingeleitet werden können."
Zunächst wertet Control Risks Enzweilers Telekom-Artikel aus. In 17 von 35 Artikeln soll er Insiderinformationen verwendet haben. Nachdem die Auswertung der Texte in eine Sackgasse geführt hat, wühlen die privaten Fahnder im Umfeld Enzweilers. Die Ergebnisse führen sie in ihrem Bericht unter Punkt 2.2 ("Vertiefte Hintergrundüberprüfung zur Person") auf: angefangen von Telefonnummern über Familienstand und sämtliche Wohnsitze seit 1984 bis hin zu Informationen aus Kreiswehrersatzämtern und Kraftfahrzeugzulassungsstellen. Erfasst werden auch Enzweilers Eltern und sein Bruder. Über Enzweilers Ehefrau halten die Desa-Leute fest, sie stamme "aus einer angesehenen Arztfamilie". Das Protokoll zeigt, dass die Detektei sogar prüft, ob technische Mittel zur Überwachung einzusetzen seien. Doch Enzweiler macht es den Schnüfflern nicht leicht, bei der Ermittlung reiht sich Panne an Panne.
"Die Observation der ZP gestaltete sich äußerst schwierig. Der Einbau von Technik, z. B. in ein Kfz scheidet aus, da die ZP kein eigenes Kfz benutzt. Zudem reist die ZP viel und wechselt dabei ständig das Transportmittel."
In Abwesenheit des Journalisten versuchen die Spitzel, das Büro in Köln-Sülz auszuspähen. Dabei benutzen sie eine versteckte Kamera. 17 Bilder schießen sie - von Eingängen, Treppen, Bürotüren, vom Mieter des Nachbarbüros und der gemeinsamen Empfangsdame. Doch in den Redaktionsräumen gelingt es ihnen nicht, nützliche Informationen zu sammeln. Im Nachbargebäude finden sie schließlich eine Stelle, von der aus sie wenigstens das FTD-Büro von außen fotografieren können.
Die Überwachung ist eine von bislang zwei bekannten Bespitzelungsaktionen der Telekom. Neben der Observation 2000 ließ der Konzern mindestens in den Jahren 2005 und 2006 Telefonverbindungsdaten mehrerer Journalisten überprüfen, um so Hinweise auf Informanten zu bekommen. Inzwischen ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft.
Unklar ist weiterhin, wer die Aufträge gegeben hat. Nach Informationen des "Spiegel" hat der Ex-Sicherheitschef der Telekom, Klaus Trzeschan, die früheren Chefs von Aufsichtsrat und Vorstand, Klaus Zumwinkel und Kai-Uwe Ricke, für die Aktionen 2005 und 2006 schwer belastet. Sie hätten ihm die Aufträge gegeben. Beide streiten jede Mitwisserschaft ab. Zudem gerät Ricke-Nachfolger René Obermann in Erklärungsnot. Ein Teil der Spitzeldienste sei im November 2006 von einer gemeinsamen Kostenstelle Zumwinkels und Obermanns beglichen worden, berichtet der "Spiegel". Obermann beteuert, eine entsprechende Rechnung nie gesehen zu haben.
Für Verwirrung sorgte am Wochenende Jürgen Knoke, im Jahr 2000 Leiter der Telekom-Konzernsicherheit. SpiegelTV bestätigte er am Freitag die Observation Enzweilers über Control Risks. Am Samstag bestritt er das gegenüber der "FTD". Er habe stattdessen selbst nach undichten Stellen gesucht. Einen Auftrag aus dem Vorstand habe er dazu nicht erhalten. "Ich habe Konzernchef Ron Sommer aber darüber informiert, dass ich ohne Erfolg versucht habe, etwas über die undichten Stellen herauszufinden", sagte Knoke. Sommer war einer der Vorgänger Rickes als Telekom-Chef und bestreitet bislang jede Mitwisserschaft.
Wegen des Abhörskandals will Innenminister am Montag die großen Telekommunikationskonzerne zu einer Selbstverpflichtung zum Datenschutz bewegen. Politiker streiten über schärfere Gesetze, die Branchenvertreter sind strikt dagegen. "Wir haben in Deutschland bereits das schärfste Datenschutzrecht weltweit", sagte Bernhard Rohleder vom Branchenverband Bitkom. "Wenn sich jemand zum Ziel setzt, die Gesetze zu brechen oder sich nicht darum schert, was Recht ist, dann werden wir ihn auch nicht mit schärferen Gesetzen zur Einsicht bringen."
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