Freitag, 2. Oktober, früher Nachmittag. In der TUI-Zentrale in Hannover bereiten sich alle aufs Wochenende vor. Michael Frenzel, Chef von Europas größtem Touristikkonzern, sitzt noch im Meeting, als eine Mitarbeiterin ihm ein Telefon hinhält. Ein Anruf aus Berlin, wichtig. Frenzel hört: Der Haushaltsausschuss des Bundestags billigt die 1,2-Milliarden-Euro-Bürgschaft für die leckgeschlagene Containerreederei Hapag-Lloyd. Frenzel lehnt sich zurück, streckt die Beine aus – geschafft.
Das war mal wieder verdammt knapp. Die Hamburger Reederei, die von der weltweiten Rezession voll erwischt wurde, 2009 geschätzte 900 Millionen Verlust macht und kommendes Jahr 500 Millionen Euro verbrennen dürfte, stand kurz vor der Pleite. Ohne Hilfe wäre der gesamte TUI-Konzern in gefährliche Schieflage geraten. Und Frenzel hätte die letzte Chance verspielt, sein 15-jähriges, zuletzt mehr und mehr glückloses Wirken an der TUI-Spitze mit einem finalen strategischen Wurf doch noch zu korrigieren. "Frenzel will vor seinem Abgang unbedingt noch was Spektakuläres machen", sagt ein Manager, der ihn kennt.
Freunde und Gegner
Die Interessen der Eigner und Aufsichtsräte
Ein kampflustiger Reeder macht Michael Frenzel das Leben schwer. Sein Chefaufseher und ein Oligarch stützen ihn.
![]() Seit John Fredriksen 2007 bei der TUI einstieg, dringt er auf die Ablösung des Konzernchefs. Dass der Norweger und sein Vertreter Tor Olav Troim in den Aufsichtsrat einziehen, konnten Frenzel und Chefaufseher Jürgen Krumnow verhindern. Fredriksen, der seine Anteile jüngst auf 19 Prozent erhöht hat, ist ein Gegner von Frenzels Tourismusstrategie. Ursprünglich hatte der 65-jährige Reeder es auf Hapag abgesehen, wollte seine Tankerflotte um Containerschiffe ergänzen. |
![]() Jürgen Krumnow, seit 2004 Vorsitzender des Aufsichtsrats, ist Michael Frenzels wichtigster Unterstützer. Für seine Loyalität hat der 65-jährige Ex-Vorstand der Deutschen Bank viel Kritik eingesteckt. Fonds, Analysten und Aktionärsschützer bemängeln die Corporate Governance bei der TUI, sehen eine zu geringe Distanz zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. Großaktionär Fredriksen versuchte vergeblich, Krumnow auf den letzten beiden Hauptversammlungen zu stürzen. |
![]() Neben der spanischen Hotelierfamilie Riu ist Alexej Mordaschow, 44, unter den Anteilseignern Frenzels maßgebliche Stütze. Der russische Milliardär, der durch Vladimir Yakushev im Aufsichtsrat – und dort auch im Nominierungsausschuss – vertreten ist, hält mit seiner Beteiligungsfirma S-Group Capital Management 15 Prozent an der TUI. Mit TUI Travel hat er ein Joint Venture in seiner Heimat gestartet. Mordaschow betont, sein Engagement sei langfristig angelegt. |
Nur noch bis zum 31. März 2012 hat der TUI-Chef Zeit. Dann ist er 65 und macht Schluss. Von seinem Ziel, aus der ehemaligen Preussag AG einen profitablen Reisekonzern zu schustern, ist Frenzel heute so weit entfernt wie nie. Aber wenigstens seinen Plan, sich komplett von Hapag zu trennen und mit dem Geld die Tochter TUI Travel von der Londoner Börse zu nehmen, den Konzern damit endlich auf eine Sparte zu fokussieren und die Touristik zu stärken, würde er gern noch umsetzen. Und vielleicht, ja, vielleicht auch noch einmal zukaufen. Etwa einen Reiseanbieter wie den Schweizer Kuoni-Konzern.
Vorerst hat der weltweite Konjunktureinbruch diese Pläne verhagelt. Michael Frenzel spielt nun auf Zeit, versucht, sich finanziell Luft zu verschaffen. Viel Spielraum hat er nicht.
Tag für Tag geht es erst mal darum, das Unternehmen abzusichern. Dazu betreiben Frenzel und sein Finanzvorstand Rainer Feuerhake höhere Mathematik. Selbst Analysten blicken kaum noch durch bei all den kurz- und langfristigen Finanzposten, die in den Bilanzen der Holding und der Töchter stehen und zuweilen hin- und hergeschoben werden. Mal genehmigen die Manager TUI Travel eine Wandelanleihe, damit die Tochter Kredite an die AG früher zurückzahlen kann, dann verzichten sie bei Hapag auf Forderungen. Am Ende kommt immer dasselbe heraus: Das Geld ist knapp.
Zwar ist TUI ein Riese, aber einer, der Verluste schreibt und seit 1994 zwei Drittel seines Börsenwerts verloren hat. "Eine der größten Wertvernichtungsaktionen der deutschen Unternehmensgeschichte", wettert die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Schon sind unter Investoren erste Stimmen zu hören, die TUI auf dem Weg des Kaufhaus- und Tourismuskonzerns Arcandor sehen: ab in die Insolvenz.
Das ist überzogen. Allein den 50-Prozent-Anteil an der spanischen Hotelgruppe Riu taxieren die Analysten von Morgan Stanley auf 700 bis 800 Millionen Euro. Für 250 Millionen könnte Frenzel das Kreuzfahrtgeschäft verscherbeln, für derzeit 1,5 Milliarden Euro die Mehrheitsbeteiligung an TUI Travel. So weit muss es nicht kommen: Laut Morgan Stanley reicht es aus, wenn TUI 500 Millionen Euro aus Hapag herauszieht – rund 20 Prozent des gesamten Investments –, um bis 2012 Schulden in Höhe von 2,7 Milliarden Euro zu tilgen. Der Titel Totengräber dürfte Frenzel also erspart bleiben. Das ist doch schon mal was.
In den vergangenen Jahren musste der Manager bereits reichlich einstecken. Das Kürzel des Dax-Absteigers stehe für "Tränen unter Investoren" und "Tief unter Index", höhnte ein Fondsmanager der SEB. DWS-Kollege Henning Gebhardt sieht in Frenzels Performance "nicht gerade ein Aushängeschild für deutsche Managementkunst". TUI sei von der ersten in die zweite Liga abgestiegen, nun drohe ein weiterer Absturz, so Gebhardt gegenüber Capital: "Im Fußball hätte man den Trainer längst ausgetauscht."
Kritiker werfen Frenzel vor, er sei sprunghaft und durchdenke seine Strategien nicht langfristig. Zuweilen merke man an seinen Entscheidungen, wer am Tag zuvor in seinem Büro gewesen sei. Meistzitiertes Beispiel: die Konzernstruktur. Erst sollten TUI Deutschland und die TUI AG in Hannover verschmolzen werden, dann Hapag-Lloyd mit dem Mutterkonzern, und plötzlich gab es überraschend eine deutsch-englische Touristikhochzeit mit First Choice. Hin und her ging es auch bei der Hapag-Strategie sowie der Verflechtung von TUIfly mit Air Berlin, an der die Hannoveraner künftig 9,9 Prozent halten.
Stoisch sitzt der Konzernchef alle Attacken aus. Frenzel gilt als begnadeter Netzwerker, immer wieder gewinnt er wichtige Aktionäre für sich. Vor allem der russische Oligarch Alexej Mordaschow und die spanische Hotelierfamilie Riu stützen ihn. Der Aufsichtsrat habe jederzeit "die Macht zu sagen, der ist nicht mehr der Richtige, auf Wiedersehen", sagt der Vorstandschef trotzig.





















