Dieses Blau strahlt so satt und stolz, als ginge es darum, für immer zu strahlen. Da steht also dieses Haus, ach was, eine Hütte ist es, als sei die Erde stehen geblieben. Eine Holztreppe rechts, blaue Schindeln, weiße Tür, weißes Fenster, und im Giebel die blauen Buchstaben: North Hoosick Post Office.
Drinnen sitzt Zee Wooddell auf dreieinhalb mal sechs Metern, ein Taschenradio dudelt, das Licht fällt warm hinein. Der Großteil des Tages, sagt Wooddell, bestehe aus Warten. Warten auf Briefe, warten auf Päckchen, warten auf die wenigen Kunden, die sich in das blaue Häuschen verirren. An diesem Donnerstag, einem späten Herbsttag, sind es 16.
Wooddell ist Angestellte des U.S. Postal Service (USPS). Sie hilft aus, seit die letzte Postmeisterin in Rente ging. Man könnte auch sagen: Sie hält hier die Stellung. Bald könnte das Postamt von North Hoosick, einem Örtchen wenige Stunden nördlich von New York, für immer schließen. "Entweder finden sie einen neuen Postmeister", sagt Wooddell. "Oder sie machen ganz dicht."
Die Frage aber, die sich an diesem späten Herbsttag stellt, ist nicht, warum dieses schnuckelige, zweitkleinste Postamt der USA geschlossen werden muss. Sondern warum es nicht längst geschlossen worden ist. Denn der U.S. Postal Service, der Gigant hinter Zee Wooddell und North Hoosick, steckt tief in der Krise. "Wir stehen am Abgrund", bekannte Patrick Donahoe, der Postchef, vor einigen Wochen. "Ende des Jahres geht uns das Geld aus." Und dann? Der Staat müsste einspringen.
Es wäre der größte Bailout seit der Rettung von General Motors. Und nicht wenige sagen: Es wird der nächste große Bailout. Zwar ist USPS kein richtiges Unternehmen, sondern ein halbstaatliches Ungetüm - womit man schon beim Kern des Problems wäre. In jedem Fall wird es teuer, mit 15 Mrd. Dollar Kredit hat die Regierung bereits ausgeholfen. Und solange sich der Kongress auf keine Reform einigen kann, wird der Staat zahlen. Es sei denn, die USA beschließen, die Post nicht mehr auszuliefern.
Ein Koloss muss gerettet werden
USPS hat inklusive Aushilfen 646.000 Mitarbeiter, ist hinter Wal-Mart der zweitgrößte Arbeitgeber der USA. Die Bilanz ist ein Bild des Schreckens: über 8 Mrd. Dollar Verlust 2010. 5,1 Mrd. Dollar 2011 - und das nur, weil Zahlungen an die Pensionskasse in Höhe von 5,5 Mrd. Dollar schon erlassen wurden. Erwarteter Verlust 2012: 14 Mrd. Dollar.
Wie konnte es so weit kommen? Wieso ist in den USA nicht gelungen, was in Ländern wie Deutschland, Schweden oder Österreich funktionierte, nämlich die Staatskonzerne zu privatisieren und umzubauen? Ja, sogar wie im Fall der Deutschen Post aus einem behäbigen Monopolisten einen erfolgreichen Logistikkonzern zu formen?
Wer sich auf diese doppelte Spurensuche begibt, stößt nicht nur auf eine oft unterschätzte deutsche Erfolgsgeschichte, sondern tief in das Herz Amerikas, das oft so voller Widersprüche steckt. Auf ein Land, das ganze Städte aufgibt und verrotten lässt, aber ein blaues Häuschen in North Hoosick um jeden Preis erhält.










