In kleinen Grüppchen stehen sie zusammen bei Bier und Wraps. Manche in Jeans und T-Shirt, andere mit Sakko und offenem Hemd. Stimmengewirr und Gelächter durchziehen die Räume des ehemaligen Spreespeichers am Berliner Osthafen, in einer Ecke spielen vier am Tischkicker. Alles wirkt wie eine lockere Stehparty, doch hier geht es um Millionen. Um Risikokapital für kühne Projekte. Der Small Talk dreht sich nicht um den letzten Urlaub oder Michael Ballacks kaputten Knöchel, sondern um Click-Through-Rates und Unique-User-Zahlen. Die Ziele des Abends lauten: neue Geschäftsideen finden. Netzwerken. Und natürlich Geldgeber gewinnen.
Die New Economy ist wieder da. Zehn Jahre nach dem Platzen der Dotcom-Blase ist die Internetszene erneut bester Stimmung. "Im vergangenen Jahr herrschte noch Eiszeit, jetzt geht es wieder aufwärts", freut sich Alexander Hüsing, Herausgeber des Onlinenachrichtendiensts Deutsche-Startups.de. Zum sechsten Mal hat er Internetfirmengründer, Business-Angels und Kapitalgeber Anfang Juni zum Branchentreff Echtzeit in die Räume des Onlinemarketing-Dienstleisters Zanox geladen. Noch nie hat er so vielen Interessierten absagen müssen. Alle wollten dabei sein, die Gästeliste im Netz war binnen wenigen Tagen voll.

Bereits vor drei Jahren hatte es ein kurzes Aufflackern der Gründerszene in Deutschland gegeben, aber dann kam die Finanzkrise und erstickte die meisten Konzepte, die Taschen der Investoren blieben verschlossen. Nun keimt wieder Optimismus, allerorten. "Wir hatten in den ersten fünf Monaten dieses Jahres schon mehr Finanzierungsrunden als im ganzen vergangenen Jahr", sagt Nachrichtendienstler Hüsing. "Viele, die abgewartet haben, feilen jetzt an ihren Konzepten." Für den Herbst prophezeit er die nächste Gründungswelle.
Die Atmosphäre in Hamburg, München oder Köln, vor allem aber in Berlin erinnert an die Jahrtausendwende, als Hunderte junger Internetunternehmer mit Wagniskapital in Millionenhöhe einen beispiellosen Boom auslösten. Es war die Zeit, in der Ebay, Amazon und AOL geboren wurden, aber auch zahllose Firmen untergingen, deren Gründer glaubten, das Internet könne ökonomische Gesetze außer Kraft setzen.
In Berlin sorgten damals Oliver, Marc und Alexander Samwer für Furore. Die Brüder, kaum der Uni entwachsen, gründeten 1999 die Onlineauktionsplattform Alando und verkauften sie sechs Monate später für 50 Millionen Dollar an das amerikanische Original Ebay. Die Chausseestraße wurde zur "Silicon Alley", nördlich des Bahnhofs Friedrichstraße ließen sich die jungen Gründer hinter den zumeist noch grauen Fassaden gleich dutzendweise nieder. Auch an Elbe, Rhein und Isar löste die New Economy einen Gründerboom aus.
Die neuen Gründer nutzen die Erfahrung der ersten Generation
Die Übernahmen junger Unternehmen zu Fabelpreisen und die Aussicht auf schnelles Geld trübten den Blick für die Realität. Hohe Klickzahlen und rasantes Wachstum waren wichtiger als Kostendisziplin und Cashflow, sogar ein neues Börsensegment wurde gegründet: der Neue Markt. Anfang 2000 waren die dort gelisteten 229 Dotcom-Firmen doppelt so viel wert wie alle Unternehmen im traditionellen Nebenwerteindex MDax zusammen.
Doch wenig später platzte die Blase und mit ihr die Träume vieler Startups und ihrer Gründer. Die Aktienkurse fielen ins Bodenlose, allein 100 der am Neuen Markt notierten Firmen meldeten Insolvenz an. 2003 wurde die Dotcom-Börse geschlossen.
Nun sind die Gründer wieder da. Sitzen in verwohnten Kreuzberger Altbauwohnungen oder gesichtslosen Bürobauten in Mitte und schmieden Businesspläne. Dabei brechen die Startup-Unternehmer des Jahres 2010 mit mehr Realismus in das Abenteuer Dotcom auf als ihre Vorgänger. Sie müssen mit weniger Geld auskommen, genauer rechnen, überzeugender präsentieren. Und sie können von den Erfahrungen der ersten Gründergeneration profitieren. Denn es gibt sie noch, die erfolgreichen Macher des ersten Internetbooms.
Stefan Glänzer streunt durch die alte Fabrikhalle in Berlin-Mitte wie ein Spürhund. Gleich soll er einen Vortrag auf der Internetmesse Next halten, vorher mischt er sich schon mal unters Publikum auf der Suche nach jungen Leuten mit guten Ideen. Der 49-Jährige war einst an der Gründung der Auktionsplattform Ricardo und des Musikdiensts Last.fm beteiligt. Heute nimmt er als Firmenpate vielversprechende Gründer unter seine Fittiche, steht ihnen mit Rat zur Seite – und mit Geld, das er beim Ausstieg aus seinen erfolgreichen Internetfirmen verdient hat.


















