"Don't be evil - sei nicht böse" lautet das zuletzt oft angezweifelte Credo der Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page. Mittlerweile fragen sich die Ersten: Wie böse könnte Apple werden?
Ende Januar bei der Vorstellung des iPad gab Steve Jobs persönlich schon mal einen Vorgeschmack. Wie üblich zelebrierte der Großmeister im voll besetzten Yerba Buena Center in San Francisco die Produktneuheit wie eine Messe in schwarzem Rolli, Jeans und Turnschuhen. Früher pflegte er die mit Spannung erwartete Neuerung mit einem Augenzwinkern an den Schluss seines Auftritts zu stellen. "One more thing", da wäre noch eine Kleinigkeit. Nicht so diesmal.
Ohne Vorgeplänkel kommt der Boss zur Sache. Das iPad sei ein "wirklich magisches und revolutionäres Produkt". Und wie selbstverständlich reklamiert er den Führungsanspruch in der Branche für Apple: "Gemessen am Umsatz sind wir der größte Hersteller mobiler Geräte weltweit", verkündet er. Hinter ihm auf der Leinwand erscheint das Apfel-Logo, die Signets von Nokia, Samsung und Sony verblassen.
Unrecht hat er nicht, aber das Understatement ist weg. In den vergangenen fünf Jahren hat Apple seinen Umsatz auf rund 50 Milliarden Dollar mehr als verfünffacht und den einstigen Branchenpionier Sony weit hinter sich gelassen. Der legendäre Walkman ist Geschichte. Wer heute unterwegs Musik hört, trägt weiße Kopfhörer. Mehr als 250 Millionen iPods hat Apple seit der Markteinführung 2001 verkauft und nebenbei den globalen Musikmarkt unter seine Kontrolle gebracht. Seit 2008 ist der Onlineshop iTunes der größte Musikladen der Welt, ein milliardenschwerer Umsatzbringer mit immer noch zweistelligen Zuwachsraten.
Dank seiner Marktmacht kann Apple der Musikindustrie die Bedingungen diktieren. Jahrelang legte der iPod-Hersteller den Preis pro Titel auf einheitliche 99 Cent fest. Ein attraktives Angebot, der Absatz der digitalen Musikspieler florierte. Die Plattenfirmen dagegen klagten, der knapp kalkulierte Einheitspreis beschleunige den Verfall des CD-Geschäfts, ihrer Haupteinnahmequelle. Doch Apple ließ sich nicht erweichen.
Als Nächstes zeigte der Konzern aus Cupertino der Telekombranche, wie das Geschäft funktioniert. Die großen Mobilfunkbetreiber standen 2007 Schlange, um an die exklusiven Vertriebsrechte für Jobs‘ "Jesus-Phone" zu kommen. Das Apple-Handy versprach endlich den Durchbruch für das mobile Internet im Massenmarkt - und zusätzliche Erlöse durch wachsenden Datenverkehr. Jobs konnte sich seine Partner aussuchen und die Konditionen vorschreiben. Die Netzbetreiber subventionierten den Verkaufspreis des iPhone und beteiligten Apple sogar noch an ihren Umsätzen. So viel Frechheit hätten sich Nokia und andere niemals leisten können.
Mächtiger Torwächter
Bis heute stehen die Telefongesellschaften in der Ecke, in die Apple sie am Nasenring geführt hat. Und dort dürften sie auf absehbare Zeit bleiben.
Mit dem iPad wird Apple seinen Zugriff auf die margenträchtigen Teile des Zukunftsgeschäfts sogar noch verstärken. Dank des breiteren Bildschirms dürfte das neue Gerät im Din-A4-Format den Verkauf von Filmen und TV-Serien über iTunes ankurbeln. Mit dem Onlinebuchladen iBooks greift Jobs in einem weiteren Geschäftsfeld an. Als erste große Zeitung ist die "New York Times" bereits auf dem iPad zu lesen, andere Zeitungs- und Zeitschriftenverlage dürften folgen. Für jede Ausgabe kassiert Apple mit.
Der Computerkonzern wird so zu einem der mächtigsten Torwächter des Internets. Passieren darf nur, wer zahlt. Und was zu sehen ist, bestimmt die Zentrale in Kalifornien. Den Telekomkonzernen bleibt nur, die Datenautobahnen hin zu Apples Mauthäuschen zu asphaltieren, die wegen des Ansturms der Massen und immer größerer Informationsmengen laufend verbreitert werden müssen. So hatten sich die Deutsche Telekom, Vodafone und all die anderen das neue mobile Zeitalter nicht vorgestellt.
Die Rolle, die Jobs und seine Mannen den Telefonriesen zugedacht haben, ist undankbar. Sie allein trifft die anschwellende Kritik der Kunden über lückenhafte und kapazitätsschwache Datennetze. Um die Nutzer nicht vollends zu verprellen, müssen die Konzerne investieren, bei gleichzeitig sinkenden Margen.
Der amerikanische Apple-Partner AT&T zahlt für den Erfolg des iPhone einen hohen Preis: Wiederholte Netzausfälle in Metropolen wie San Francisco oder New York haben den US-Konzern viel Renommee gekostet. "Das iPhone hat die Erwartungen der Kunden an die Fähigkeiten eines mobilen Geräts geändert", konstatiert AT&T-Manager Jeff Bradley. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Erwartungen zu erfüllen." Angesichts der von Apple angestrebten Monatspauschale von 30 $ für jeden iPad-Nutzer, dürfte das so schnell nicht zu schaffen sein.
Telekom-Chef René Obermann hat längst erkannt, dass Serviceangebote für sein Unternehmen eine immer größere Rolle spielen. Er hat nur ein Problem mit dem Tempo. Während Apple davonprescht, beraten in Bonn noch die Arbeitsgruppen über den von Obermann angeordneten "kompletten Bruch mit der Vergangenheit". Erst im Frühjahr soll die "Strategie 2.0" verkündet werden.
Bei Steve Jobs können sich die Telekom-Strategen abschauen, wie sich mithilfe Zehntausender Partner binnen wenigen Monaten ein bisher nie da gewesenes Serviceangebot für Handynutzer aufbauen lässt: Mehr als 140.000 Anwendungen zum Herunterladen bietet der Mitte 2008 eröffnete App Store. Mit den Miniprogrammen lassen sich Börsenkurse oder die Wettervorhersage abrufen, Twitter-Meldungen lesen oder Musikstücke erkennen. Sie verwandeln das iPhone in ein Gitarrenstimmgerät, eine Wasserwaage oder einen Staumelder. Viele Programme sind umsonst, einige kosten ein paar Euro, und Apple bekommt - na, klar - 30 Prozent der Verkaufserlöse.





















