Die Männer meldeten sich bei der kleinen Büroservicefirma in der Pariser City wie Marketingleute. Sie wollten ein großes Projekt aufziehen, erklärten sie, und dafür vier Tage lang alle Büros reservieren. Die Kunden wünschten eine vollständige Ausstattung mit Computern, Telefonanlage, Kopierer, Fax und Drucker. Der Termin war schnell vereinbart, die Herren bezogen die Büros, schlossen die Türen hinter sich und arbeiteten fleißig.
Tatsächlich handelte es sich um gewiefte Privatermittler im Auftrag eines US-Rohstoffhandelskonzerns. Sie waren auf der Spur von Beratern eines britischen Konkurrenten, mit dem die Amerikaner um einen milliardenschweren Staatsauftrag in Afrika kämpften. Ihr Verdacht: Die Briten würden bestechen. Und sie wussten, dass die Briten kurz zuvor den Büroservice in Paris genutzt hatten.
Der Rest war Routine. In aller Seelenruhe untersuchten die Detektive die Mietrechner, analysierten temporäre Dateien und Fragmente von gelöschten E-Mails. Sie entdeckten Zugangsdaten zum Firmennetz des Wettbewerbers und fanden Beweise dafür, dass dieser Schmiergelder über eine Luxemburger Briefkastenfirma schleuste. Die Amerikaner konfrontierten den Konkurrenten vor einem internationalen Schiedsgericht und legten in vertraulicher Sitzung Beweise vor. Die Briten zogen sich diskret zurück, der Auftrag ging nach Amerika.
Was sich da zwischen Amerikanern und Briten in Paris abspielte, dürfte bald auch für deutsche Exporteure zum nötigen Repertoire gehören. Unschön, aber unvermeidlich. Anlass ist der Korruptionsskandal bei Siemens und die beispiellose Säuberungsaktion durch Vorstandschef Peter Löscher. "Daran müssen sich andere Global Player aus Deutschland orientieren, wollen sie nicht ebenfalls ins Visier der US-Aufsichtsbehörden geraten", sagt Michael Alkalay, ein prominenter Schweizer Antikorruptions- und Geldwäscheexperte. Wer aber selbst nicht mehr besticht, muss zuerst die anderen Bestecher ausbooten und sich anschließend auf einen harten Kampf um Milliardenaufträge einstellen, bei dem ganz andere Geheimwaffen zum Einsatz kommen. Ausspionieren, anschwärzen, ausstechen – moderne Instrumente der internationalen Auftragsakquise. Doch deutsche Konzerne müssen die rabiaten Tricks und Kniffe erst lernen, die etwa bei US-Konzernen seit Jahrzehnten erprobt sind.
Schmiergeld war die Masche der alten Hasen, die ihr Tun mit einer simplen Weisheit legitimierten: "Wenn man selbst nicht besticht, dann tun es die anderen." Deutsche Manager müssen es wissen – immerhin ist Deutschland seit Jahrzehnten Exportweltmeister. Bis zum Verbot der Bestechung von ausländischen Amtsträgern im Jahr 1998 haben sie vom Schmiergeldmarketing eifrig Gebrauch gemacht. Schließlich konnten die Bestechungsgelder als Betriebsausgaben bei der Steuer abgesetzt und zudem im Kaufvertrag eingepreist werden.
Auftraggeber im Ausland scheren sich wenig um unsere Gesetze, die Nachfrage nach Bakschisch scheint ungebrochen. Eine im Mai publizierte Umfrage des Prüfkonzerns Ernst&Young unter 1186 Wirtschaftsführern in 33 Ländern ergab, dass ein Viertel der Unternehmen auch in den vergangenen zwei Jahren gebeten wurde, Bestechungsgelder zu zahlen. Und 15 Prozent der befragten US-Manager gaben an, mindestens ein Geschäft an einen bestechenden Konkurrenten verloren zu haben.
Was also, wenn andere weiter schmieren, nur wir nicht? Dass Leidensdruck besteht, zeigt eine Capital-Umfrage unter 100 Dax-Unternehmen – immerhin 25 Manager äußerten sich zu dem brisanten Thema. Fast alle begrüßen, dass Bestechung infolge des Siemens-Skandals aus dem deutschen Geschäftsleben verschwinden soll. Die Nachteile sind ihnen aber bewusst. Jeder fünfte gibt zu, dass das eigene Unternehmen schon einmal benachteiligt wurde, weil es auf Schmiergeldzahlungen verzichtete. Ebenso viele denken, dass interne Korruptionsbekämpfung die Chancen deutscher Unternehmen im Ausland generell beschränkt. Viele fürchten auf dem internationalen Parkett staatliche Unternehmen, die von ihren Regierungen unterstützt werden. Sogar mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich daher, dass der Bund und die EU ihnen im Ausland stärker zur Seite stehen.
Die fiesen Waffen im Kampf um Großaufträge
Aus der korruptionsfreien Zone heraus werden es die Deutschen nicht leicht haben. Vor allem bei US-Wettbewerbern kommen global agierende Ermittlungsfirmen zum Einsatz, deren Praktiken keineswegs zum feinen Stil gehören. Hochrangige Ex-Politiker, Diplomaten und Geheimdienstler von Weltruf werden als aggressive Lobbyisten angeheuert, um die Regierungen zu bearbeiten.
Trickreiche Konzerne setzen sogar ihre heimatlichen Nachrichtendienste ein, um die Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen. "Lawful, but awful", gesetzlich aber schrecklich, nennt der amerikanische Kriminalist Nikos Passas die Methoden der pfiffigen Dealmaker. "In der Wirtschaft herrscht Krieg", sagt Christian Harbulot, Gründer der französischen Eliteschule für Wirtschaftsspione École de Guerre Économique. Nur hiesige Anlagenbauer scheinen die Machenschaften zu unterschätzen. Der Kölner Forscher Dietmar Pfaff sieht Deutschland auf diesem Gefechtsfeld "noch in der Wachstumsphase". Und ein New Yorker Experte, der für den UN-Sicherheitsrat in Krisenregionen Korruptionsfälle ermittelt hat, sagt: "Ich erlebe, dass Deutsche damit naiv umgehen. Die beherrschen das Spiel noch nicht."
Siemens selbst ist das beste Beispiel. Seit Jahrzehnten haben die USA den Konzern auf dem Kieker. Immer wieder schnappte er US-Rivalen wie General Electric, Unisys oder EDS in Südamerika, Afrika oder Asien lukrative Aufträge weg. Schon lange ahnten die Amerikaner, dass dabei nachgeholfen wurde. Jetzt wird abgerechnet. Das US-Justizministerium, das FBI und die Börsenaufsicht SEC ermitteln gegen die Münchner. Und zum Zeichen der Ernsthaftigkeit der Aufklärungsbemühungen hat Siemens die US-Kanzlei Debevoise engagiert. Das birgt gleich das nächste Problem: Die Anwälte liefern ihre Untersuchungsergebnisse an die Behörden in den USA weiter. Viele Manager fürchten, dass auf diesem Weg Firmengeheimnisse an US-Rivalen wie General Electric verraten werden.
Auf derlei Mutmaßungen reagiert Siemens-Chef Löscher abwehrend: "Ein Hirngespinst. Ich habe höchstes Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit. Es ist einfach absurd, zu unterstellen, dass staatliche Stellen Unterlagen an Privatfirmen weiterreichen würden." Ist Löscher naiv? Wohl kaum. Eher politisch korrekt. Er weiß: Jedes falsche Wort kann den Groll der Amerikaner noch vergrößern.
Dabei haben Verantwortliche in Washington solche Praktiken längst zugegeben. James Woolsey, der ehemalige Chef des US-Geheimdienstes CIA, offenbarte im März 2000 nach einer Enthüllung über ein Netz von Spionagesatelliten, dass die USA europäische Unternehmen ausspionieren, darunter Airbus und Thomson CSF. "Bei einigen unserer ältesten Freunde und Alliierten gehört die Bestechung zur nationalen Kultur und Praxis, mit der sie ihr internationales Geschäft voranbringen. Wir haben das in der Vergangenheit ausspioniert und ich hoffe, dass die Vereinigten Staaten das weiterhin tun."
Woolsey erklärte auch, wie die Regierung solche Erkenntnisse nutzt. Zwar informiere der Nachrichtendienst nicht direkt die Konkurrenz, aber "wir gehen zum US-Außenminister. Der sendet seinen Botschafter zu einem Ministerpräsidenten oder König. Der Botschafter erklärt dann: 'Mr. President' oder 'Ihre Majestät, Ihr Bauminister lässt sich bestechen. Sie haben eine Menge mit den Vereinigten Staaten laufen, und wir schätzen das nicht.'" Danach würden die Aufträge häufig neu ausgeschrieben; manchmal komme ein US-Unternehmen zum Zuge.
Der Nachschub am Druckmittel Information ist gesichert. Mit der Datenflut aus ihren Abhörsatelliten fütterten die US-Geheimdienste seit 1994 ihre elektronischen Archive mit Firmen, die Schmiergelder zahlten. Bis zur Jahrtausendwende hatte die CIA darin 650 Aufträge erfasst, bei denen bestochen worden war. Bis 2003 hatte sie konkrete Informationen über dubiose Kontrakte mit einem Auftragswert von 165 Milliarden Dollar. Unter Geheimdienstexperten wird nicht bezweifelt, dass die Datensammelei weitergeht.
Bei der Wirtschaftsspionage geben die Amerikaner deshalb den Ton an, weil sie bereits 1977 die Bestechung im Ausland unter Strafe stellten – und die eigenen Unternehmen damit dasselbe Problem hatten wie jetzt, gut 30 Jahre später, die deutschen. Seitdem kommt in den USA die Politik zum Zuge. Sie macht nicht nur Druck im Ausland, sondern öffnet US-Unternehmen sogar einige Hintertürchen im Gesetz gegen Bestechung, dem Foreign Corrupt Practices Act (FCPA): Es wird nicht angewendet, wenn eine Geheimdienstfirma im Interesse der nationalen Sicherheit operiert. Zudem gibt es die Möglichkeit, das US-Justizministerium um eine Sondererlaubnis zu bitten. Das offizielle Verfahren hierzu, genannt "FCPA Opinion Procedure", nutzen US-Konzerne regelmäßig. Weisen sie gute Gründe nach, dürfen sie "Studientouren", "Pilotprojekte" "Dealer", "Repräsentanten" und "Berater" bezahlen. Also unter den Augen von Uncle Sam fleißig weiter schmieren.









