30.07.2010
Ein Mitarbeiter der Daimler AG arbeitet im Mercedes-Benz Werk in Sindelfingen an einem Wagen der C-Klasse
Ein Mitarbeiter der Daimler AG arbeitet im Mercedes-Benz Werk in Sindelfingen an einem Wagen der C-Klasse
Foto: dpa-PA
Investor-Artikel

Antreiber Exportwirtschaft

Großkonzerne im Jobrausch

von Klaus Max Smolka, Angela Maier, Martin Kaelble

Branchen wie Auto, Chemie oder Elektrotechnik stellen wieder ein. Das schlägt sich positiv auf dem Arbeitsmarkt nieder. Doch Experten warnen vor einem einseitigen Aufschwung, der allein von Ausfuhren getragen wird.

Deutschlands Großkonzerne schaffen erstmals seit Ausbruch der Wirtschaftskrise wieder Jobs im großen Stil. Der Autobauer Daimler zum Beispiel stockt seine Belegschaft im Mercedes-Werk Rastatt um 400 feste Stellen auf. Andere Konzerne wie Siemens revidieren sogar längst beschlossene Jobabbaupläne, um den Auftragsboom zu bewältigen. Beim früher zu Bayer gehörenden Chemiekonzern Lanxess heißt es: "Wir suchen händeringend Spezialisten auf allen Ebenen."

Mit der Einstellungsoffensive der Großindustrie erreicht das deutsche Jobwunder eine neue Qualität. Zwar sinkt die Zahl der Arbeitslosen seit Monaten. Allerdings entfiel das Gros des Stellenaufbaus bislang auf die Servicebranche, während in der verarbeitenden Industrie seit September 2009 per saldo 400.000 Arbeitsplätze verloren gingen. Inzwischen regiert aber auch hier der Optimismus. So kletterte der exklusiv für die FTD berechnete Ifo-Beschäftigungsindex für das verarbeitende Gewerbe im Juli auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren.

Neue Stellen entstehen unter anderem in der Autoindustrie, die von einer beispiellos starken Nachfrage aus Asien profitiert. Bestes Beispiel ist der in der Krise schwer gezeichnete fränkische Zulieferer Schaeffler. In dessen deutschen Werken arbeiten inzwischen wieder 1000 Menschen mehr als Ende letzten Jahres.

Auch die frühzyklische Chemiebranche, deren Vorprodukte in jedem Industriezweig benötigt werden, fährt die Zahl der Beschäftigten hoch. So teilt der DAX-Konzern Merck mit, im Inland stärker nach Mitarbeitern zu suchen als noch vor sechs Monaten. Vom Salz- und Düngemittelanbieter K+S kommt die Ansage: "Wir planen, in diesem Jahr voraussichtlich 100 Leute netto einzustellen." BASF hat derweil - ähnlich wie Siemens - seine ursprünglichen Streichpläne deutlich korrigiert. Für das Stammwerk Ludwigshafen strebt der weltgrößte Chemiekonzern bis Jahresende nun eine Beschäftigtenzahl von knapp 32.900 Menschen an. Eigentlich war mit dem Betriebsrat ein Mindestsockel von lediglich 32.000 Stellen vereinbart.

Selbst mancher Maschinenbauer fährt seine Belegschaft wieder hoch, obwohl die Branche erfahrungsgemäß spät von einem Aufschwung profitiert. Grund: In ihrer Krisenpanik haben die Firmen mehr Stellen gestrichen als nötig. So holt der Mittelständler Gildemeister derzeit viele jener Mitarbeiter, die im vergangenen Jahr gehen mussten, wieder zurück. Auch die vielerorts drastische Reduzierung der Kurzarbeit zeigt, dass in Deutschlands Industrie wieder mehr zu tun ist: Der Lkw- und Maschinenbauer MAN zum Beispiel will die Kurzarbeit entgegen früheren Planungen bald auslaufen lassen.

Die offizielle Jobstatistik spiegelt diese Entwicklung. So gab die Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag bekannt, dass die Arbeitslosenzahl im Juli saisonbereinigt noch einmal um 20.000 auf 3,23 Millionen gesunken ist. "Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird sich weiter verbessern", sagt Commerzbank-Ökonom Eckart Tuchtfeld.

Bei aller Zuversicht warnen Ökonomen gleichwohl vor zu viel Euphorie. Der Jobaufbau in der Industrie ist in erster Linie dem Export zu verdanken - eine gefährliche Abhängigkeit, wenn sich die Konjunktur in den USA oder China tatsächlich wieder eintrüben sollte. Auch die am Donnerstag vorgestellten Quartalsberichte von Konzernen wie Siemens oder BASF bleiben zurückhaltend, was die Aussichten für das zweite Halbjahr betrifft. Zu dieser Vorsicht passt, dass die meisten Unternehmen vor allem befristet einstellen.


Quelle: ftd
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