Wer beim Edeka-Händler Adolf Scheck italienischen Wein kauft, kann die exquisite Toskanareise gleich mitbuchen: Übernachtung im Vier-Sterne-Hotel "Villa San Lucchese", Ausflüge nach Montalcino und Montepulciano, Empfang beim Grafen Pasolini, Weinprobe auf Gut Rocca del Cardinale. Der 58-jährige Scheck aus Achern im Schwarzwald, der 1969 im Lebensmittelladen seiner Eltern anfing, betreibt heute zwölf Märkte und macht rund 200 Millionen Euro Umsatz. Mit der Krämernostalgie von einst haben Schecks Einkaufswelten nicht mehr viel gemein: Zum Fisch gibt’s den Sushi-Gourmetabend, zur Ananas die Schälaktion – und zum Wein den Italientrip.
Adolf Scheck, der sich Mitte Januar zum Aufsichtsratschef der Edeka-Zentrale in Hamburg aufgeschwungen hat, steht heute für das System Edeka wie kaum ein Zweiter. Europas größter Einzelhandelskonzern mit einem Umsatz von knapp 37 Milliarden Euro und einem Gewinn von 1,2 Milliarden Euro (2008) ist zwar immer noch stolz darauf, ein genossenschaftlicher Verbund zu sein. Doch die Gruppe wird immer mehr zur brüchigen Allianz, die in zwei Lager zu zerfallen droht: die kleinen Edeka-Kaufleute, die ihre Existenz nach wie vor aus dem Betrieb eines Lebensmittelladens bestreiten. Und die Großen, die längst mehrere Supermärkte managen und in Umsatzdimensionen von 100 Millionen Euro aufwärts vorstoßen.
Der "Zwang zur Größe", so ein Konzernmanager, habe die fein austarierte Machtarithmetik inzwischen hin zu den Großen verschoben. Seit die Edeka-Gruppe die 2007 übernommenen SB-Warenmärkte der Marke Marktkauf in ihren Verbund integriert und sich 2008 die Discounterkette Plus einverleibt hat, geben die Potenteren unter den Genossen und die Konzernzentrale in Hamburg klar den Ton an. Und kaum einer profitiert von dieser Machtverlagerung mehr als der neue Chefkontrolleur Scheck.
Nach wie vor bilden die kleinen Krämer die breite Masse in den sieben Edeka-Regionalgesellschaften (siehe Konzernstruktur). Die durchschnittliche Verkaufsfläche eines Supermarkts liegt unter 800 Quadratmetern. Fast zwei Drittel der insgesamt 4500 Edeka-Kaufleute betreiben jeweils nur ein Geschäft.
Mit dieser Struktur habe die Gruppe aber auf Dauer keine Chance, warnt ein hochrangiger Manager. "Alles, was heute unter 1500 Quadratmetern Verkaufsfläche liegt, ist auf Dauer in seiner Existenz gefährdet. Dieses Geschäft graben die Discounter ab."
Vielen Genossen stößt auf, dass sich Edeka die feindlichen Billigheimer sogar selbst ins Haus geholt hat. Sie fühlen sich bedroht von der Discount-Offensive, die Vorstand und Aufsichtsrat der Zentrale seit Jahren vorantreiben. Zumal das Discountgeschäft direkt von Hamburg aus gesteuert wird und so dem Einfluss der Genossen vor Ort weitgehend entzogen ist. "Die Zentrale hat zunehmend Macht angehäuft", urteilt ein langjähriger Edeka-Kenner. "Das hat die Regionen geschwächt."
Bis vor sechs Jahren waren die selbstständigen Kaufleute noch ganz unter sich. Dann kaufte Edeka erst Netto und übernahm vor anderthalb Jahren auch noch für gut eine halbe Milliarde Euro von Tengelmann 2300 Filialen des Discounters Plus. Die sollen mit Netto verschmolzen werden und künftig einheitlich unter einem Namen firmieren. Insgesamt gehören heute rund 3800 Discountläden zu Edeka – nur Aldi ist hierzulande größer. Rund zehn Milliarden Euro dürfte die Sparte 2009 zum Gruppenumsatz beigesteuert haben.
Das Kalkül hinter der Shoppingtour: Je größer das Volumen beim Wareneinkauf, desto günstiger die Konditionen, die sich bei den Herstellern raushandeln lassen. Da die Gruppe bei den angestammten Supermärkten in vielen Regionen bereits eine nahezu marktbeherrschende Stellung besitzt, blieb nur das Billigsegment zur Expansion. Zumal es die Vollsortimenter von unten abrundet.
Wenn er der Konkurrenz durch die Discounter schon nicht entrinnen kann, dann will Edeka-Chef Markus Mosa, ehemals Manager bei Netto, wenigstens daran mitverdienen. Der neue Chefkontrolleur Scheck stützt diese Strategie: "Es gibt dazu keine Alternative."




















