Eines der raren Bilder von ihm zeigt einen Mann mit kurzem, weißem Haar, Scheitel links über breiter Stirn, Mundwinkel hochgezogen – das ist er. Willy Strothotte hasst es, fotografiert zu werden. Er gibt seit Jahren keine Interviews, meidet die Öffentlichkeit, verzichtet auf öffentliche Veranstaltungen. Er zieht es vor, zu schweigen und ein Unbekannter zu bleiben. Denn so ist er reich geworden. Unermesslich reich.
Willy Strothotte regiert einen stillen Giganten. Der 65-Jährige ist Verwaltungsratschef und Großeigentümer von Glencore, dem größten, mächtigsten, geheimnisumwittertsten Rohstoffhandelskonzern der Erde. Glencore, mit Sitz im Steuerparadies Baar am Zuger See, ist der weltweit größte unabhängige Erdöltrader, handelt aber auch mit Weizen, Reis, Zucker, Platin, Vanadium und Saatgut. Von fast jedermann, an fast jedermann. Hauptsache, die Kasse stimmt.
Schattenmann
Willy Strothotte
Vom Handelskaufmann zum Milliardär: Willy Strothotte wird 1944 in Borken, Westfalen, geboren. Er besucht die Realschule und macht anschließend eine kaufmännische Lehre. 1964 beginnt er seine Wanderjahre als Rohstoffhändler, geht nach Österreich, Belgien und in die USA. 1978 stößt er in Zug in der Schweiz zur Firma des legendären Rohstofftraders Marc Rich. Nach einem heftigen Führungsstreit mit Rich übernimmt er 1994 die Leitung des Konzerns, den er in Glencore umtauft. Heute ist er Chairman von Glencore sowie Boardmitglied beim einflussreichen Private-Equity-Konzern KKR Financial Holdings LLC (KFN).
Mit wem hat Glencore nicht schon alles gedealt seit 1974, als der legendäre US-Rohstoffhändler Marc Rich die Firma gründete. Die südafrikanische Apartheidsregierung soll ebenso dazugehört haben wie Saddam Hussein und die Unrechtsregime im Sudan und Kongo, im Iran und in Nordkorea. Glencore äußert sich nicht zu seinen Handelspartnern.
Strothottes Imperium hält Beteiligungen an Bergwerkskonzernen wie dem in London notierten Xstrata und ist mit einem Umsatz von 152 Milliarden Dollar (2008) größer als etwa Daimler oder die Allianz. 2000 Menschen arbeiten im Hauptquartier sowie in den Händlerbüros in Rotterdam und London, hinzu kommen 50.000 Beschäftigte der Minen und Produktionsbetriebe in 40 Ländern.
Seit 16 Jahren tut der gebürtige Westfale alles dafür, seine Firma vor neugierigen Fragenstellern abzuschirmen. Verschwiegenheit und Intransparenz waren die Grundlage für Glencores Aufstieg vom kleinen Handelshaus zum umsatzstärksten Unternehmen der Schweiz – noch vor Nestlé.
Fremde Miteigner waren dem Deutschen bislang grundsätzlich nicht willkommen. Das Unternehmen gehört nur ihm und etwa 450 leitenden Angestellten. Die obersten 66 besitzen fast die Hälfte aller Anteile. Einen Börsengang hat er stets kategorisch abgelehnt. Zur Stärkung der Eigenkapitalbasis bevorzugt er eine andere Methode: Gewinne erwirtschaften.
Doch mit seinen Prinzipien muss Strothotte jetzt brechen. Die Zeiten sind härter geworden, auch für einen wie ihn. Ende Dezember hat Strothotte zum ersten Mal Großinvestoren über eine Wandelanleihe den Einstieg in seinen Konzern erlaubt. Firmen wie First Reserve, der führende Private-Equity-Investor im Energiesektor, der chinesische Goldminenbetreiber Zijin Mining, der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock sowie der Staatsfonds der Regierung von Singapur haben zusammen 2,2 Milliarden Dollar investiert – mit der Option, die festverzinsliche Anleihe Ende 2014 in Glencore-Aktien zu tauschen, falls der Konzern bis dann den Schritt aufs Parkett wagt.
Riskante Undurchsichtigkeit
Es wäre nicht irgendein Börsengang. Glencores Unternehmenswert wird auf mehr als 35 Milliarden Dollar geschätzt. Damit spielen die Schweizer in einer Liga mit dem Elektronikgiganten ABB.
Für Strothotte muss die Entscheidung ein schmerzhafter Schritt gewesen sein. Er würde mit einem Börsengang nicht nur sein Unternehmen öffnen müssen, er weiß auch genau, wie vergänglich und volatil Aktienreichtum ist.
Trotzdem liebäugelt er mit dem Gang an den Aktienmarkt. Denn die selbstgewählte Undurchsichtigkeit ist für seine Firma mittlerweile kein Wettbewerbsvorteil mehr. Im Gegenteil: Sie wird zunehmend zur Belastung.
"Die Finanzkrise zwingt Glencore, das Geschäftsmodell anzupassen", sagt einer, der Glencore gut kennt. "Die Banken machen heute die Vergabe großer Kreditlinien davon abhängig, wie transparent die Unternehmen sind." Und Rohstoffhandelsfirmen mit ihren gigantischen Umsätzen sind extrem auf Fremdkapital angewiesen.
Wer Milliardenkredite haben will, der braucht ein gutes Urteil der Ratingagenturen. Und denen ist Strothottes Imperium längst zu undurchschaubar geworden. Niemand außer dem Chef und einem erlesenen Zirkel von Topmanagern um ihn herum wusste in der Hochzeit der Finanzkrise genau, ob der Konzern genug Bares in der Kasse hat. Cash, um seine Schulden trotz der gewaltigen Handelsrisiken auf den einer Achterbahn gleichenden Rohstoffmärkten bedienen zu können.
Die Experten von Standard & Poor’s, denen noch die bösen Folgen ihrer freigiebig verteilten Triple-A-Noten für den US-Subprime-Schrott in den Knochen stecken, gingen auf Nummer sicher. Sie senkten ihr Rating ab auf die riskante Note "BBB–".
Besonders turbulent ging es bei Glencore Ende 2008 zu. Je schlimmer die Finanzkrise wütete, desto größer wurden die Zweifel an der Zahlungsfähigkeit von Strothottes Imperium. Die Prämien für Ausfallversicherungen (CDS) aus Glencore-Krediten brachen ruckartig nach oben aus. Im Dezember 2008 verlangten die Verkäufer für Zehn-Jahres-Anleihen zeitweilig eine Risikoprämie von fast 33 Prozent. Wenige Wochen zuvor waren es noch knapp fünf Prozent gewesen.
Selbst ein Milliardär braucht Geld
Kurz darauf musste Strothotte erstmals in der Geschichte Glencores Berichte über angebliche Geldprobleme dementieren. "Wir sind finanziell flexibel", versicherte er, wie üblich kurz und knapp.
Doch diesmal brachte er die Gerüchte nicht zum Verstummen. Glencore-Mitinhaber hätten sich für den Kauf von Firmenanteilen hoch verschuldet, munkelten Banker und Händler am Zürcher Finanzplatz. Nun litten sie unter der Schuldenlast. Für Glencore wurde es immer schwieriger, Zugang zu frischem Geld zu bekommen.
Und Geld brauchen Strothotte und seine Leute dringender denn je. Nach dem extremen Auf und Ab der vergangenen Monate haben die Betreiber einiger Rohstoffbörsen ihre Sicherheitsanforderungen verschärft. Wer heute an den Terminmärkten handeln will, muss mehr Kapital hinterlegen als bisher.
Die Intransparenz bringt da nur Nachteile. Zumal die Geheimniskrämerei auch im Tagesgeschäft kaum noch Vorteile hat. Der Zugang zu Marktdaten und deren Abschirmung etwa, früher eines der Erfolgsrezepte von Glencore, ist längst nicht mehr so exklusiv wie vor zehn oder 15 Jahren. "Das Internet hat alles kaputt gemacht", sagt ein Broker, der sich aus dem Geschäft verabschiedet hat.
Weltweites Imperium: Die wichtigsten Beteiligungen der Glencore-Holding
Heute überlebt nur, wer am größten Rad dreht. Durch die Rohstoffbranche schwappt eine Konzentrationswelle, die riesige Konglomerate entstehen lässt. Seit 2004 gab es im Sektor mehr als 150 große Fusionen und Übernahmen. Die Marktmacht der verbleibenden Anbieter wächst und wächst. Und auch Strothottes Imperium ist munter dabei.
Wer sich mit Menschen unterhält, die Strothotte kennen, gewinnt das Bild eines bodenständigen Mannes, der lacht wie einer, dem zeit seines Lebens das Glück des großen Erfolgs beschieden war und der "unbekümmert schaut wie der größte Bauer am Ehrentisch der Dorfkirmes". So beschreibt ihn ein Zuger Insider – und schiebt im nächsten Atemzug hastig nach: "Aber mein Name bleibt draußen!" Strothotte ist mächtig, er redet nicht. Und er erwartet dasselbe von denen, die ihn kennen.
Seine ersten Sporen als Broker verdient sich Strothotte in Österreich und Belgien, er arbeitet in den USA, um Ende der 70er-Jahre schließlich in Zug ein "Rich-Boy" zu werden. So nannten sie damals in der Branche die Mitarbeiter des Amerikaners Marc Rich, der mit seiner Firma Marc Rich + Co AG eine Legende im Ölhandel war, eine schillernde Figur, die 17 Jahre lang auf der Most-Wanted-Liste der US-Bundespolizei FBI stand.
Rich betrieb mit seinem Unternehmen unter anderem unbekümmert von US-Sanktionen Ölgeschäfte mit dem Iran. 1983 wurde er vom damaligen Staatsanwalt Rudolph Giuliani wegen 51 verschiedener Delikte angeklagt, darunter Betrug, organisierte Kriminalität, Steuerhinterziehung und "Handel mit dem Feind". Rich drohten 325 Jahre Gefängnis. 2001 wurde er von US-Präsident Bill Clinton begnadigt. 1994 übernahmen Richs Lehrlinge um Strothotte nach einem heftigen Führungsstreit die Leitung. Sie benannten den Konzern in Glencore um: ein Kürzel für Global Energy Commodities and Resources.
Big Business im Heidi-Idyll
Baar liegt gleich am Rande von Zug, einem Altstadtidyll am See, eine halbe Bahnstunde von Zürich entfernt. Zug und seine Nachbarorte mögen auf Fremde kleinbürgerlich wirken. Aber hinter den Glasfassaden der Bürokomplexe herrscht ein hochmodernes, multikulturelles Treiben. Private-Equity-Firmen, Hedge-Fonds, die Zentralen globaler Konzerne haben hier ihren Sitz.
Glencore residiert in drei Gebäuden in nüchternem Weiß. Getönte Scheiben, kein Logo auf dem Dach, kein Anzeichen dafür, dass hier eines der weltweit mächtigsten Unternehmen residiert. Der Vorstandschef von Glencore heißt Ivan Glasenberg, ist Südafrikaner und so verschwiegen wie Strothotte selbst.
Der große Meister wohnt in Feusisberg, einem Bergdorf im Nachbarkanton Schwyz hoch oben über dem Zürichsee. In der 4650-Seelen-Gemeinde sieht die Schweiz aus wie ihr eigenes Klischee: saftige Wiesen, propere Bauernhäuser, ein Gourmetrestaurant mit 25-köpfigem Küchenteam. Alles hier wirkt reich und gleichzeitig bemüht, den Reichtum mit Provinzialität zu tarnen. Es gibt kaum einen anderen Ort, der besser zu einem Mann wie Willy Strothotte passt.
Der Deutsche mag es gediegen: das Motorboot aus Mahagoni, handgefertigt, die Gulfstream, den Golfclub Schönenberg, wo er mit den Topgolfern von der UBS, des Bankhauses Julius Bär, dem Statthalter von Dow Chemical oder dem früheren Formel-1-Weltmeister Kimi Räikkönen über das Grün schlendert – das ist die unwirkliche, für Außenseiter hermetisch verschlossene Welt der Superreichen rund um den Zuger See. Zur Betriebsweihnachtsfeier lässt Strothotte schon mal Popgrößen wie Sting oder Joe Cocker auftreten.
Auf rund zwei Milliarden Euro wird sein Privatvermögen geschätzt. Genau lässt es sich kaum beziffern, allein der Wert der Glencore-Beteiligung an Xstrata schwankt enorm, Strothottes Anteil daran dürfte derzeit bei etwa 300 Millionen Euro liegen. Im Reichen-Ranking des Schweizer Wirtschaftsmagazins "Bilanz" steht er auf Platz Nummer 40.
Um diesen Reichtum hinüber ins Rentenalter zu retten, muss er zunächst seine eigene Nachfolge regeln – und zwar behutsam. Ein abrupter Abgang könnte Glencore in eine schwere Krise stürzen.
Strothotte und andere First-Class-Manager auszuzahlen, wie es bislang beim Ausscheiden von Tophändlern bei Glencore üblich war, könnte die nachrückende Führungsebene unmöglich stemmen. Kurzfristig haben sich die Glencore-Gesellschafter daher entschieden, Abgangszahlungen von Ausscheidenden bis mindestens zum Januar 2012 zu verschieben. Es sei denn, ihnen kommt der Börsengang dazwischen.
Ein Nachfolger aus der eigenen Familie kommt für Strothotte nicht infrage: Sein Sohn Markus geht eigene Wege. Er hat sich nach dem Besuch der internationalen Schule in Thalwil am Zürichsee für den Schauspielerberuf entschieden. Seinen allzu westfälischen Nachnamen hat er längst abgelegt. Er nennt sich heute Marcus Thomas.
Gut möglich, dass es Strothotte auch deshalb leichter fallen könnte, sich von seinem Lebenswerk zu trennen und Kasse zu machen. Branchenkenner erzählen seit Monaten, dass eine Reihe altgedienter Glencore-Manager in Kürze ihre Anteile verkaufen und sich nach Jahrzehnten voller 80-Stunden-Wochen ins Privatleben zurückziehen wolle.
"Es wäre ein guter Zeitpunkt, jetzt zu gehen", sagt ein Insider. "Wenn man sich die Bewertung der Wandelanleihe anschaut, wäre Glencore mehr als 30 Milliarden Dollar wert. Bei 60 bis 70 Haupteignern bleiben für jeden ein paar Hundert Millionen." Und noch ein bisschen mehr für Strothotte, der angeblich bis zu zehn Prozent von Glencore besitzt.
Selbst bei einem Verkauf müsste der Westfale nicht alles aufgeben. "Ich könnte mir gut vorstellen, dass Glencore bei einem Börsengang nur die harten Vermögenswerte wie die Bergwerke an den Kapitalmarkt bringt", sagt der Insider. "Den Handelsbereich könnte man vorher ausgliedern und als eigenständige Firma weiterbetreiben." Es wäre für Strothotte und seine Leute ein Neubeginn im alten Kerngeschäft.
Doch auch das macht nicht mehr so viel Spaß wie früher. Seit Monaten drohen demokratische Senatoren in Washington mit Sanktionen. Glencore liefert Benzin in den Iran, und die USA wollen das Regime von dieser lebenswichtigen Ader abschneiden. Wenn die Schweizer Supertrader einfach weitermachen wie bisher, könnten sie eines ihrer lukrativsten Geschäfte zerstören: Glencore liefert auch Rohöl für die strategische Reserve der Amerikaner.
Geschäfte mit Freund und Feind, raffiniert eingefädelt, das war die Spezialität von Marc Rich – und von seinem Nachfolger Willy Strothotte. Damit hat er Glencore und sich selbst reich und mächtig gemacht. Nun will die US-Regierung eine neue, politisch korrekte Ära des Rohstoffhandels einläuten. Das wäre dann eher die Zeit für gewöhnliche Aktionäre. Nichts mehr für einen Mann wie Willy Strothotte.
























