Nach außen hin ist alles wie immer. Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten hat Eon-Chef Wulf Bernotat seine 150 Topmanager zum Gänseessen ins Düsseldorfer Restaurant Meuser geladen. Der Vorstandsvorsitzende hält wie üblich eine launige Rede, sein Vize Johannes Teyssen begnügt sich mit der Rolle des Zuhörers. Der 50-Jährige, seit 2007 bei Eon für das Tagesgeschäft zuständig, lacht, klatscht – und schweigt. Dabei ist längst er es, der die Strippen zieht bei Deutschlands größtem Energiekonzern.
Teyssen kann warten. Obwohl jeder weiß, dass er am 1. Mai Bernotats Job übernimmt, überlässt er die Bühne bis dahin dem Amtsinhaber. Skeptiker hatten befürchtet, die beiden könnten sich während der neunmonatigen Übergangszeit in Hahnenkämpfe verstricken und so dem Konzern schaden. Nichts dergleichen: "Teyssen macht Bernotat die Machtteilung leicht", sagt ein Teilnehmer des Gänseessens. "Die Führung liegt immer bei Bernotat." Teyssen führt still Regie im Hintergrund – zum Vorteil beider.
Ein machtpolitisches Patt könnte sich Eon gerade jetzt auch nicht erlauben: Der Dax-Konzern (Börsenwert: 59 Milliarden Euro) läuft Gefahr, seinen Vorsprung als größter privater Strom- und Gasversorger Europas zu verspielen.
Kartell- und Regulierungsbehörden zwingen den Energieriesen, sich vom alten Erfolgsmodell des integrierten Versorgungskonzerns zu verabschieden, der vom Kraftwerk bis zum Stromzähler al-les kontrolliert. Und Bernotats Strategie, den Konzern zum Top-Player im internationalen Energiegeschäft zu machen, hakt an vielen Ecken.

Die milliardenschweren Auslandsinvestitionen werfen nicht die erhofften Renditen ab, in Deutschland erschweren harte Wettbewerbsauflagen das Geschäft. RWE, lange als ewige Nummer zwei auf dem heimischen Markt belächelt, hat mächtig aufgeholt. "Es fehlt ein schlüssiges Gesamtkonzept für die Zukunft", kritisiert ein Eon-Aufsichtsrat.
Bernotats Abschied wird weniger glanzvoll als erhofft, Teyssens Start schwieriger als erwartet. Zumal mit dem langjährigen Chef zwei weitere Eon-Urgesteine den Konzern verlassen: Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann, 71, gibt sein Amt voraussichtlich in den kommenden Monaten ab, ebenso wie der Chef der Arbeitnehmerfraktion, Hubertus Schmoldt, 65. Der Austausch an der Spitze kommt einem Kulturwandel gleich.
Die wichtigste Säule wackelt
Dass der Übergang bislang ohne spürbare Konflikte abläuft, liegt vor allem am diplomatischen Geschick Teyssens. Statt sich auf Machtspiele einzulassen, nutzt er die Warmlaufphase als Chance. Als im Sommer erstmals in der Konzerngeschichte Tausende Mitarbeiter auf die Straße gehen, um gegen das hastig aufgelegte Antikrisenprogramm "Perform to Win" zu protestieren, organisiert Teyssen hinter den Kulissen geräuschlos die Einigung – von der er selbst am meisten profitiert: In seiner Funktion als Chief Operating Officer kann er das Sparkonzept, das bis 2011 Kostensenkungen von jährlich 1,5 Milliarden Euro bringen soll, in Ruhe umsetzen, ohne sich als Vorstandschef ständig öffentlich rechtfertigen zu müssen. Und auch Bernotat hat etwas davon: Wenn das Sparprogramm greift, kann der 61-Jährige das als seinen Erfolg verbuchen. Was ihm, wenn schon keinen glanzvollen, so doch einen ehrenvollen Abgang ermöglicht.
Auch an die Strategie hat der Neue längst Hand angelegt. Seit Monaten entwickelt Teyssen hinter verschlossenen Türen Konzepte, wohin es mit dem Konzern gehen soll. Besonders dringlich: die Neuausrichtung der Tochter Eon Ruhrgas. Ausgerechnet in der Krise geht das alte Erfolgsrezept im Gasgeschäft nicht mehr auf.
Jahrelang profitierte Ruhrgas von langfristig zugesicherten Gaslieferungen aus Russland und Norwegen auf der einen Seite sowie Exklusivverträgen mit Stadtwerken und Industriekunden auf der anderen. Der Absatz war faktisch garantiert, die Essener konnten seelenruhig Monopolgewinne abschöpfen – dank des konzerneigenen Pipeline-Netzes, das jede Konkurrenz ausschloss.
Diese Zeiten sind vorbei. Die einst so lukrativen Lieferverträge mit Russland sind zum Bumerang geworden. Ruhrgas muss die vereinbarten Langfristkonditionen zahlen, obwohl die Gaspreise am Spotmarkt seit Monaten auf Tiefständen dümpeln. Die Konjunkturkrise bremst den Absatz, während gleichzeitig das Angebot steigt, weil immer größere Mengen verflüssigtes Erdgas (LNG) aus neu erschlossenen Vorkommen in Europas Häfen anlanden.


















