Hildreth und Vanita Brewington sind der perfekte Gegenbeweis. Der perfekte Gegenbeweis zu der gern geäußerten Behauptung, an der Weltwirtschaftskrise seien amerikanische Kleinbürger schuld, die maßlos über ihre Verhältnisse lebten. Seit 1996 teilen sich die Brewington-Geschwister ein Häuschen in Dorchester, mitten im hässlichen Speckgürtel Bostons, mitten im sozialen Brennpunkt. Wenn es regnet, muss Vanita Eimer aufstellen: Das Dach ist seit Jahren undicht. Monat für Monat kratzten die Brewingtons 1000 Dollar zusammen, um die Hypothek für die Bruchbude zu bezahlen. Sie können das belegen.
Im Januar 2005 drängte eine windige Maklerin Hildreth, einen Schriftsatz zu unterschreiben. "Sie hat gesagt, dass es um eine Versicherung geht", behauptet er. Der heute 69 Jahre alte Afroamerikaner, der unter einer angeborenen Sehbehinderung leidet und deswegen kaum lesen kann, unterschrieb. Es war eine neue Hypothek von Indymac, die den alten Kredit ersetzte, mit einem Endbetrag, der den Wert des Hauses in Dorchester bei Weitem übertraf. Neuer Monatssatz: mehr als 2000 Dollar.

Indymac rutschte wegen Tausender Abzockergeschäfte dieser Art in die Pleite. Doch vorher landete die neue Hypothek der Brewingtons in einem Pool, wurde verbrieft und an internationale Investoren verkauft. Jetzt heißt es: Brewington gegen Deutsche Bank. So sieht es zumindest ihre Anwältin Nadine Cohen.
Die Deutsche Bank witterte in den Boomjahren die Chance, an Immobiliengeschäften mitzuverdienen, ohne sich selbst mit Subprime-Krediten die Finger schmutzig zu machen: Sie übernahm gegen Gebühren die Rolle des Treuhänders, also des Interessenvertreters der in aller Welt verstreuten Anleger der Kreditvehikel. Das Institut, das in den meisten US-Bundesstaaten keine Niederlassungen betreibt, wurde so durch die Hintertür zu einem der größten Akteure auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Mit etwa 1900 Verbriefungen hantiert die Bank, dazu gehören mehr als eine Million unterlegter Hypotheken, geschätztes Volumen: mehr als eine Billion Dollar.
Eine siebenstellige Zahl von US-Haushalten sieht sich jetzt mit einem Institut konfrontiert, von dem viele noch nie gehört und mit dem die meisten nie einen Vertrag abgeschlossen haben. Und die Deutsche Bank geht so hart vor wie kaum eine andere in den USA, lässt zwangsräumen, führt einen Prozess nach dem anderen. Mittlerweile formieren sich Bürgerproteste, und die Praxis stößt auch bei den Gerichten auf Widerstand. Nach Capital-Informationen erwägt sogar die Börsenaufsicht SEC Ermittlungen.
Auch die Brewingtons kannten die Deutsche Bank nicht, leben aber laut Anwältin Cohen ihretwegen in ständiger Angst vor einer Zwangsräumung. Als es im März 2008 zum ersten Mal fast so weit war, stellten sie ihre Möbel in den Eingangsbereich und hängten die Bilder von den Wänden. Seitdem haben sie das Haus nicht mehr wohnlich eingerichtet. "Manchmal werde ich morgens um zwei Uhr wach und denke, dass sie kommen", sagt Vanita. Wohin sie ziehen würde? Schulterzucken.
Die Anwältin Nadine Cohen versucht alles, um die Obdachlosigkeit der beiden zu verhindern. Angehörige würden das Haus der verschuldeten Geschwister kaufen. Auch eine lokale Non-Profit-Bank. Doch Cohen sagt, sie beiße bei den Anwälten der Gegenseite auf Granit: "Die Deutsche Bank scheint offenbar an einer Bestrafung interessiert." Kein Institut gehe unnachgiebiger gegen Schuldner vor. Eine Einschätzung, die von Anwaltskollegen in vielen Bundesstaaten geteilt wird. Zigtausende Vollstreckungsbescheide von Massachusetts bis Florida und von New York bis Kalifornien sprechen eine deutliche Sprache. "Jeder fragt sich, was sie antreibt", sagt Cohen. "Die Chancen stehen schlecht, das Haus neu zu verkaufen."
Die Deutsche Bank steckt in einem Dilemma: US-Großbanken, die ähnlich stark auf dem Immobilienmarkt involviert sind, haben in den vergangenen Monaten ihre Strategie der dramatischen Lage angepasst. Die Citigroup und die Bank of America etwa kommen ihren Kunden mit Hypothekenumwandlungen entgegen, um Zwangsräumungen zu vermeiden. Der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae wandelt sogar Kauf- in Mietverhältnisse um. Als Treuhänder ist die Deutsche Bank in einer anderen Position als die Institute, die eine direkte Geschäftsbeziehung mit den Hausbewohnern haben. Sie trägt zwar kein eigenes Verlustrisiko, aber: "Die Deutsche Bank wird von ihren Investoren stark unter Druck gesetzt und gibt den Druck an die Hausbesitzer weiter", sagt Glenn Russell, Anwalt aus Fall River, Massachusetts, spezialisiert auf Immobilienrecht und das Anfechten von Zwangsvollstreckungen. 70 Prozent seiner Klienten hätten Ärger mit der Deutschen Bank, sagt er.
Bürgerrechtlern von Organisationen wie City Life sind feingliedrige Treuhänderproblematiken egal. Als die Brewingtons einen Vollstreckungsbescheid im Briefkasten hatten, trommelte City Life 100 Menschen zu einer Demonstration gegen die Deutsche Bank zusammen. Die Räumung wurde verschoben. Kurz darauf eskalierten die Proteste am Rande eines Deutsche-Bank-Galadinners im Four Seasons Hotel in Boston. Demonstranten wollten den Festsaal stürmen.
"Aufstehen und kämpfen"
Steve Meacham war Busfahrer und Matrose, jetzt macht er Widerstand gegen Großbanken. Er ist Anführer der Aufsässigen. In zwölf Fällen sei es bereits gelungen, Zwangsräumungen mit Blockaden zu verhindern, sagt er. Neuerdings versammelt Meacham seine Gefolgsleute samstags in einer stillgelegten Fabrikhalle in Boston, um sie auf weitere Proteste einzuschwören. Es werden jede Woche mehr. Meacham brüllt: "Was macht ihr, wenn euch eure Bank attackiert? – Aufstehen und kämpfen!"





















