Diesmal darf Fritz Henderson nicht zu Ende reden. Eigentlich hat er gehofft, dass er an diesem Tag endlich grünes Licht bekommt, nach all den Monaten. Der August neigt sich dem Ende, die Entscheidung über Opel soll fallen, endlich, wirklich, endgültig. Noch einmal muss der damalige Chef von General Motors (GM) in einer Telefonkonferenz dem Verwaltungsrat die Gefechtslage erklären. Er ist für einen Verkauf an Magna, die Deutschen wollen nun mal Magna, er ist aber auch offen für den Investor RHJI.
Plötzlich wird er unterbrochen. "Wie", wollen die Aufseher um Edward Whitacre wissen, "kann GM in Europa den Wettbewerb bestehen, wenn wir die Kontrolle über Opel abgeben?" Es ist eine banale, aber ungemein wichtige Frage, die in den vergangenen Monaten bestimmt Hunderte Male gestellt, aber nie richtig beantwortet wurde. Irgendwie ist sie untergegangen, vielleicht wollte sie auch keiner mehr hören, denn eigentlich war doch seit Ende Mai alles klar: Opel kommt zu Magna und den Russen, Berlin gibt Milliarden, und GM ist so gut wie raus.
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Chronologie eines Desasters »
Doch Whitacre und seine Leute, die erst kurze Zeit im Amt sind, wollen noch mehr wissen: Muss sich GM unbedingt für Magna entscheiden? Gibt es Alternativen? Vielleicht sogar die, Opel zu behalten? So viele Fragen, die kaum in den einstündigen Call passen. Und so wird die Entscheidung vertagt. Wieder einmal.
Wenige Tage später dringt nach draußen, GM prüfe, Opel doch zu behalten. Es gibt einen Aufschrei in Deutschland. Die wievielte Wendung und Volte es ist, weiß keiner mehr so genau, längst gelten in der Operation Opel andere Spielregeln. Gesagtes ist nicht so gemeint, Vereinbartes muss neu geprüft und Unterschriebenes noch mal verhandelt werden.
Was allerdings bleibt, sind die Fragen, die Ed Whitacre an diesem 21. August stellt. Es sind Fragen, die GM seit Monaten umtreiben und bis zum 3. November nicht mehr loslassen werden, jenem Tag, an dem ein Spektakel jäh endet, das in der deutschen Wirtschaftsgeschichte seinesgleichen sucht. An diesem Dienstag entscheidet der GM-Verwaltungsrat, Opel zu behalten. Nach fast einem Jahr heißt es für den Autobauer zurück auf null, alles war vergebens, die Verhandlungen, die 1000 Seiten starken Verträge, die Bataillone von Anwälten, die Demonstrationen, die Nächte im Kanzleramt.
Fast ein Jahr lang haben deutsche Politiker dieses gigantische Schauspiel angeheizt, mitgespielt und mitgeschrieben, haben sich selbst und ihre Wähler getäuscht, bis GM das Theater kühl und kühn beendete. Bereits seit dem Sommer hatten die Amerikaner auf Zeit gespielt, haben verzögert und verschleppt – und die Hybris deutscher Politiker ausgenutzt. Die Fortsetzung läuft bereits: GM ist wieder auf Tour, will 2,7 Milliarden Euro.
Es gab zwar keinen Masterplan in Detroit, die Deutschen vorzuführen und ihre mit Steuergeldern gefütterte Treuhand nur als Parkplatz zu benutzen. Aber Opel zu behalten war immer der Plan B, den die Amerikaner nie aufgaben und parallel verfolgten und der spätestens im Juli – nach der überwundenen Insolvenz – auf der Liste der Träume wieder ganz oben stand. "Ich bin überzeugt, dass das GM-Management immer an dem Plan festgehalten hat, Opel, wenn möglich, zu behalten", sagt Ex-Continental-Chef Manfred Wennemer, der in dem Treuhandbeirat saß, der seit Juni über Opel wachte. "Ohne Europageschäft kann man keinen weltweiten Autokonzern erfolgreich führen."
Bleibt die Frage: Warum haben deutsche Politiker dieses naheliegende Interesse von GM nicht gesehen? Oder wollten sie es nicht sehen? Wie kam es, dass eine Elite diese Farce kollektiv mitspielte? Wer verstehen will, wie sich deutsche Politiker derart blamieren konnten, muss ein Jahr zurückschauen, zu jener Zeit, als die Operation Opel begann.


















