06.01.2010
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Anschluss verpasst: In seiner Zentrale im finnischen Espoo plant der Weltmarktführer die Offensive
Anschluss verpasst: In seiner Zentrale im finnischen Espoo plant der Weltmarktführer die Offensive
Foto: Thomas Wendel

Mobilfunk

Nokias Gegenangriff

von Thomas Wendel; Mitarbeit: Clemens Bomsdorf; Fotos: Mikko Stig

Durch Apple und Google hat der Handyhersteller bei Smartphones massiv an Marktanteilen und Image verloren. Die Maßstäbe mobiler Kommunikation setzen andere. Nun verordnet sich der Konzern selbst ein Update.

Wer etwas über das Selbstbild des größten Handyherstellers der Welt erfahren will, muss ins Zentrum von Helsinki gehen. Dort, mitten im Weihnachtstrubel in der Nähe des Edelkaufhauses Stockmann, öffnet jeden Morgen, punkt zehn Uhr, der Nokia-Flagship-Store seine Glastüren. Die Wände des weiten, hellen Raums sind mit blauen Leuchtflächen und großen LCD-Displays verkleidet, Dutzende von Handys sind wie Ikonen aufgestellt. Cool, stilvoll und entspannt zugleich geht es hier zu – ganz so wie in den Läden der verhassten Konkurrenz, des iPhone-Herstellers Apple.

Der junge, in Jeans gekleidete Verkäufer zieht stolz ein N900-Smartphone aus der Hosentasche. "Das ist unser neues Spitzenmodell, das gerade auf den Markt kommt." Es habe einen besseren Prozessor, mehr Speicherplatz und einen größeren, höher auflösenden Bildschirm als das iPhone, begeistert er sich. Leider sei nach zwölf Stunden der Akku meist leer, bemerkt er entschuldigend. Und als wolle er weiteren Enttäuschungen vorbeugen, fügt er hinzu: "MMS-Nachrichten kann man damit auch noch nicht versenden." Aber das werde alles besser mit dem nächsten Update des Betriebssystems, versichert er. Die Software sei "zukunftssicher". Wie tröstlich.

Absatzschwäche in der Oberklasse

Netzwerkgeschäft
Kehren im Scherbenhaufen
Nokia und Siemens bekommen ihr Joint Venture nicht in den Griff

Ungeliebte Tochter Zwei große Namen, ein großes Desaster: Seit Nokia und Siemens 2007 ihr Netzwerkgeschäft zusammenlegten, hat Nokia Siemens Networks (NSN) nie wirklich Tritt gefasst. Billiganbieter aus Asien drücken die Preise schneller, als NSN seine Kosten senken kann. Das Unternehmen, das die Infrastruktur für Mobilfunkbetreiber aufbaut, schreibt rote Zahlen.

Vergebliche Verkaufsversuche Der Mann, der die Scherben zusammenkehren soll, heißt Rajeev Suri. Anfang Oktober übernahm der Nokia-Manager die Führung bei NSN – und damit einen der undankbarsten Jobs in der Branche. Das Hauptproblem: Suri kann sich nicht auf seine Eigentümer verlassen. Dass Siemens seinen 50-Prozent-Anteil lieber heute als morgen verkaufen würde, gilt als ausgemacht. "Deren Renditeerwartungen lassen sich im Netzwerkmarkt nicht mehr erzielen", sagt ein NSN-Manager. Auch Nokia hat nach Capital-Informationen bei potenziellen Käufern vorgefühlt. Doch keiner schlug zu. Sowohl Nokia als auch Siemens haben derweil eine Bestandsgarantie für NSN abgegeben. Wie lange die gilt, weiß keiner.

Wachsender Kostendruck Viel Zeit hat NSN nicht. Tausende von Stellen wurden seit der Fusion bereits weggespart, Suri will die Ausgaben nochmals um eine Milliarde Euro im Jahr drücken. Etliche der verbliebenen 64.000 Arbeitsplätze dürfte das noch kosten. Während chinesische Konkurrenten wie Huawei und ZTE mit Kampfpreisen, aber auch mit innovativer Technik immer tiefer in die NSN-Stammmärkte vordringen, versucht Suri, den Spieß umzudrehen – und Entwickler in Indien und China anzuheuern. NSN-Betriebsratschef Georg Nassauer hält die Misere zumindest zum Teil aber auch für hausgemacht. Zu lange habe der Konzern zu wenig investiert, wichtige Aufträge verloren. "Das war krasses Missmanagement."

Thomas Wendel

Willkommen bei Nokia! Der weltgrößte Handyhersteller präsentiert sich selbst gern als up to date, aber eigentlich benötigt er selbst ein Update. Zwar hat er im vergangenen Jahr 50 Milliarden Euro umgesetzt und vier Milliarden Euro netto verdient, zwar wird Nokia auch dieses Jahr mit mehr als 400 Millionen verkauften Handys voraussichtlich so viele Geräte verkaufen wie die drei nächstgrößten Rivalen Samsung, LG und Motorola zusammen.

Doch die Zahlen können nicht verbergen, dass der Riese aus Finnland ins Straucheln geraten ist: Nokias Marktanteil in der lukrativen Handyoberklasse fällt trotz der Markteinführung des Nokia-Hoffnungsträgers N97 immer weiter, von 50 Prozent Ende 2007 auf zuletzt 39 Prozent im dritten Quartal. "Kunden, die ein hochwertiges Gerät haben wollen, dürften sich eher bei anderen Herstellern umsehen", schreibt Carolina Milanesi von der Beratung Gartner.

Noch alarmierender ist, dass Apple pro verkauftem Handy deutlich mehr Gewinn macht als Nokia: Nach Schätzungen der Experten von Strategy Analytics hat der Rivale aus den USA mit dem Verkauf von gerade mal sieben Millionen iPhones im dritten Quartal 1,6 Milliarden Dollar Betriebsgewinn eingefahren, Nokia mit seinen rund 113 Millionen Geräten nur 1,1 Milliarden Dollar.

Dazu kommt ein Imageproblem: Nokia ist nicht mehr Taktgeber der Mobilfunkbranche. Diese Rolle haben andere eingenommen, allen voran Apple. Das US-Unternehmen setzt mit seinem iPhone die Trends und hat sich ein cooles Image erarbeitet, ebenso der Suchmaschinenkonzern Google und der kanadische Hersteller der Blackberry-E-Mail-Handys, Research In Motion (RIM).

Als Gegenmittel hat sich Nokia nun eine Selbsthäutung verordnet, die ihresgleichen sucht. So will der Konzern an die glorreichen alten Zeiten anknüpfen.

Anspannung in Espoo

Lange sind sich die Finnen treu geblieben, haben auf solide Technik gesetzt, verpackt in spröde Designs. Womöglich zu lange. Apple-Chef Steve Jobs hingegen hat das iPhone nicht nur zu einer modernen Stilikone gemacht, sondern auch zur ersten bedienungsfreundlichen mobilen Surfstation für das Internet. Und zum Verkaufstresen für seinen Webladen iTunes, in dem Handybesitzer nach Musik stöbern und rund 100.000 Zusatzanwendungen für ihr iPhone, sogenannte Apps, herunterladen können.

Google wiederum exportiert seine werbefinanzierten Gratisangebote aus dem Netz immer erfolgreicher ins Handygeschäft, RIM sticht Nokia mit mobilen E-Mails für Geschäftsleute aus. Handy, Web und Computer verschmelzen. Amerikas Computer- und Internetindustrie schickt sich an, die Regeln für die lukrative Handyoberklasse neu zu definieren, die sogenannten Smartphones.

Jetzt ist Nokia aufgewacht. "Wir brauchen Wandel, Wandel, Wandel", sagt Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo im  Capital-Gespräch. "OPK", wie ihn die Mitarbeiter in der Nokia-Zentrale in Espoo, einem Vorort von Helsinki, nennen, ist die Anspannung anzumerken. Er verschränkt seine Arme vor dem Oberkörper, selbst wenn er feststellt: "Wir sind Marktführer."


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