04.01.2010
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Im November 2009 musste Dubai World Zahlungsnöte einräumen.
Im November 2009 musste Dubai World Zahlungsnöte einräumen.
Foto: Getty

Dubai World

Der Niedergang des Sandbaumeisters

von Claus Hecking

Er schuf Bauwerke, wie sie die Menschheit noch nicht gesehen hatte: Sultan Bin Sulayem war das Mastermind hinter Dubais sagenhaftem Aufstieg. Nun entzieht ihm der Herrscher seine Gunst.

Aus der Luft sieht das einstige Übermorgenland aus wie ein gigantischer, von Karies zerfressener Backenzahn. Tausende Meter weit wuchern die Sandaufschüttungen vor der Küste Dubais ins Meer hinein, doch unten am Boden rührt sich kein Leben mehr. Kein Bagger dreht sich, kein Laster bewegt sich auf der 12,5 Kilometer langen Retorteninsel Palm Deira. Hier wollte Sultan Ahmed Bin Sulayem ein Wunderwerk der Baukunst schaffen: eine Insel in Form einer Palme, wie das Emirat bereits eine hat. Nur achtmal größer. Lebensraum für eine Million Menschen. Selbst Astronauten hätten sie aus dem Weltraum erkennen können. Heute ist Palm Deira ein Mahnmal der Gigantomanie. Und ihr Baumeister Bin Sulayem die Symbolfigur des Absturzes.

 
Sultan Ahmed Bin Sulayem, Geschäftsführer von Dubai World.
Sultan Ahmed Bin Sulayem, Geschäftsführer von Dubai World.

Ein Vierteljahrhundert war der schmächtige Mann mit der randlosen Brille das Gesicht des Märchens von Dubai. Er hat das kleine Emirat vom abgelegenen Wüstennest zur internationalen Jetset-Metropole hochgemanagt, die Visionen seines Herrschers Mohammed Bin Raschid Al Maktum umgesetzt in Monsterbauten, wie sie die Welt zuvor noch nicht gesehen hatte. Hunderttausende Touristen lockte der Mittfünfziger ins Land mit diesem unwiderstehlichen Flair von Glamour und schier unendlichem Luxus. Nun zerrinnt alles wie Sand zwischen seinen Fingern.

Bin Sulayems Konzern Dubai World ist das Geld ausgegangen. Fast 60 Milliarden Dollar Schulden hat das staatseigene Konglomerat durch Megaprojekte wie Palm Deira angehäuft – drei Viertel der gesamten Verbindlichkeiten von Dubai. Vom "Lehman Brothers des Nahen Ostens" sprachen schockierte Banker, als Dubai World Ende November seine Zahlungsschwierigkeiten offenbarte, die Finanzmärkte rund um den Globus stürzten ab. Aus Bin Sulayems Inselträumen wird nun ein weiteres Stück unnützer Wüste.

Boomtown Dubai
Märchenland ist abgebrannt
Wie das kleine Emirat zum Opfer seiner eigenen Gigantomanie wurde.

Überschuldet Am 25. November 2009 räumt Dubai World Zahlungsnöte ein. Die Gläubiger sind schockiert. Die Anleihen der Staatsholding stürzen binnen Minuten ab. Der Konzern muss 26 seiner fast 60 Milliarden Dollar Schulden restrukturieren: zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt. Kaum eines der sündhaft teuren Inselprojekte ist fertiggestellt, auf nahezu allen Baustellen ruht der Betrieb – kein Geld mehr da.

Der märchenhafte Aufstieg von Sultan Bin Sulayem vom kleinen Beamten zum Schöpfer des Wüstenwunders von Dubai beginnt in den 80er-Jahren. Im Hafen Dschebel Ali tritt er nach dem Wirtschaftsstudium seinen ersten Job an. In unmittelbarer Nähe tobt der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak, im Hafen selbst herrscht Grabesruhe. "Für uns war es schon aufregend, wenn sich jemand zu uns ins Büro verirrte", sagt Bin Sulayem rückblickend. Da hat der junge Manager eine Idee: eine Freihandelszone. Wenn ausländische Firmen zoll- und steuer-frei Güter herstellen und handeln könnten, würde das vielleicht ein bisschen Schwung bringen.

Aufbruch ins Märchenland

Bin Sulayem legt los, klappert im Urlaub Freihandelszonen auf drei Kontinenten ab. Dann schickt er sein Konzept mit klopfendem Herzen ans Herrscherhaus. Scheich Mohammed, der Sohn des damaligen Emirs, bestellt ihn zu sich. "Wenn du wirklich daran glaubst, dann fang mal an", sagt der Prinz. Und ernennt Bin Sulayem auf der Stelle zum Chef des Projekts. Mit allem hatte der etwas schüchterne Beamte gerechnet, damit nicht. "Ich hatte Angst", erinnert er sich. Was, wenn die Sache schiefgeht?

Sie geht nicht schief. Die erste Freihandelszone am Persischen Golf wird ein ungeahnter Erfolg. Multis wie BP, Sony oder Bridgestone siedeln sich an, der Hafen und ganz Dubai blühen auf. "Scheich Mo", wie die Bürger das angehende Staatsoberhaupt nennen, macht Bin Sulayem zu seinem Vertrauten. Und er hat neue Aufgaben für ihn: Mit den Konzernen sind Tausende Ausländer nach Dubai gekommen; der Wohnraum wird knapp.


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