10.09.2009
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Headhunter loben ihn als einen der besten deutschen Manager: Jürgen Geißinger.
Headhunter loben ihn als einen der besten deutschen Manager: Jürgen Geißinger.
Foto: AP

Jürgen Geißinger im Porträt

Das Comeback-Kid

von Melanie Bergermann, Angela Maier, Steffen Klusmann und Kristina Spiller

Bei der Attacke auf Continental hat sich Konzernchef Jürgen Geißinger kräftig verzockt. Er galt schon als abgeschrieben, nun ist er zurück im Spiel. Wie kann es sein, dass einer, der eine Dynastie und fünf Banken fast um ihr Vermögen bringt, so fest im Sattel sitzt?

Jürgen Geißinger, der Chef des Autozulieferers Schaeffler, ist der Prototyp eines aufs Wesentliche konzentrierten Arbeiters. Hinter seinem Büroschreibtisch hängen keine Kunstwerke, wie bei vielen Chefs üblich, sondern grafische Darstellungen zweier Schaeffler-Produkte: eine Linearführung und ein Kugelgewindetrieb - Innenteile eines jeden Automobils. Alles andere würde nur ablenken. Dem 50-jährigen Schwaben macht es nichts aus, sieben Tage die Woche und schon mal 20 Stunden am Stück zu arbeiten.

Das war auch oft nötig in den vergangenen Monaten. Seit Geißinger am 15. Juli 2008 zur Attacke auf den fast dreimal so großen Dax-Konzern Continental blies, steht Schaeffler kopf. Bis dahin war der Wälzlagerkonzern ein verschwiegenes und blühendes Familienunternehmen, das kaum einer kannte, mit 55 Prozent Eigenkapitalquote, angesehen bei seinen Kunden, getragen von der Loyalität seiner Mitarbeiter.

Das Image ist dahin: Beschädigt durch endlose Kämpfe mit dem Conti-Management; erdrückt von einem Schuldenberg, der sich auf 11,5 Milliarden Euro beläuft; und zerstört durch einen arroganten, zum Teil sogar rabiaten Führungsstil.

Milliarden stehen auf dem Spiel

Noch vor wenigen Monaten hätte auf Geißinger kaum ein Headhunter mehr einen Cent gewettet. Er schien abgeschrieben, einer, der zu hoch gepokert und sich verzockt hat. So wie Porsche- Chef Wendelin Wiedeking, Geißingers Freund und großes Vorbild. Doch nun ist Geißinger zurück im Spiel. Seit dem Friedensschluss mit Conti ist er wieder der starke Mann im Haus. Sein Widersacher, Conti-Chef Karl-Thomas Neumann, der schon als Ersatz für Geißinger an der Spitze gehandelt wurde, ist weg. Rausgedrängt. Die Geschäfte bei Conti führt jetzt Elmar Degenhart, ein Vertrauter Geißingers.

Ein spektakuläres Comeback, aber eines auf Probe. Denn an dem finanziellen Notstand bei Schaeffler hat sich durch den Personalcoup nichts geändert.

Der Vollgas-Manager

Jürgen Geißinger startet seine Karriere 1991 mit einem kurzen Gastspiel bei der Heidelberger Druckmaschinen AG. Ein Jahr später wechselt er als Direktor für Produktionstechnik zum Automobilzulieferer ITT Automotive und steigt dort 1997 zum Europachef von ITT Industries auf. 1998 lockt ihn Maria-Elisabeth Schaeffler nach Herzogenaurach. Unter seiner Ägide wächst der Familienkonzern um ein Vielfaches, er übernimmt zahlreiche Wettbewerber, darunter den Lokalrivalen FAG Kugelfischer. Mit der Conti-Attacke hat sich Geißinger nun erstmals verhoben.

Und so können sich viele Beobachter des Geschehens in Herzogenaurach und Hannover nur wundern: Warum schauen die Banken, bei denen Milliarden auf dem Spiel stehen, dem Treiben so ungerührt zu? Wie kann es sein, dass da einer eine Familie fast um ihr Vermögen bringt und trotzdem weitermachen darf?

Weil es derzeit keinen anderen gibt, der dieses Abenteuer zu Ende führen würde - und auch könnte. Und weil die Banken an dem Finanzdebakel mindestens genauso viel Schuld tragen wie Geißinger - und vor der Bundestagswahl quasi handlungsunfähig sind.

Geißingers wichtigster Jobgarant ist eine Frau, 68 Jahre alt und sehr kultiviert: Matriarchin Maria-Elisabeth Schaeffler, die zusammen mit ihrem Sohn Georg die Anteile an dem Wälzlagerriesen hält: sie 20 Prozent, er 80 Prozent. Die Witwe des Unternehmensgründers holt Geißinger 1998 zu Schaeffler, kurz nach dem Tod ihres Gatten. Er ist fortan der starke Mann an ihrer Seite. Er bestimmt die Strategie, sie folgt ihm. Aus dem ingenieursgetriebenen Familienunternehmen aus der fränkischen Provinz - sehr erfolgreich, aber zu klein, um langfristig zu überleben - macht der Schwabe binnen wenigen Jahren einen straff geführten Großkonzern.


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