03.06.2009
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Berechnende Retter: Ohne die Hilfe von Experten wie den Value-Price-Vorständen Astrid Joost-van der Spek, Jörg Swoboda, Lutz Logemann und Aufsichtsratschef Hans-Günther Nordhues (v. l.) kommen viele Banken nicht mehr aus.
Berechnende Retter: Ohne die Hilfe von Experten wie den Value-Price-Vorständen Astrid Joost-van der Spek, Jörg Swoboda, Lutz Logemann und Aufsichtsratschef Hans-Günther Nordhues (v. l.) kommen viele Banken nicht mehr aus.
Foto: Jens Görlich

Bewertungsspezialisten

Wir Kellerkinder

von Nina Klöckner, Elisabeth Atzler

Sie sind die Trümmerfrauen der Kreditkrise: Kleine unabhängige Boutiquen entschlüsseln und bewerten die Schrottpapiere, die selbst Banker kaum noch verstehen. An ihrem Urteil hängt die Zukunft der Finanzindustrie. Ein perfektes Geschäftsmodell.

Die Sache ist ganz einfach. "Die Variablen, die wir für die Bewertung dieses komplexen Wertpapiers benutzen, sind Standard wie beim Black-Scholes Model", sagt Lutz Logemann. Der Ansatz basiert auf dem Binomial Tree Case. Zur Überprüfung des Ergebnisses wird eine Monte-Carlo-Simulation durchgeführt. So entsteht langsam ein Wert für die American Call Option with Barrier: 0,0048 C$. Und das alles mithilfe der Standardbewertungsmethode für eine "Up&Out" Barrier Call Option:

Alles klar? Nichts, absolut nichts ist klar. Außer für Lutz Logemann. Und das ist sein Vorteil. Der 44-Jährige ist nicht etwa Atomphysiker, sondern Wirtschaftsmathematiker und Vorstandsmitglied bei Value Price, einer kleinen Frankfurter Firma, die sich auf die unabhängige Bewertung illiquider und komplexer Finanzinstrumente spezialisiert hat. Ein besseres Geschäftsmodell gibt es derzeit kaum.

Seit der Kreditkrise merken Banken, Versicherer und Fonds, dass sie im Besitz Tausender komplexer und teils fauler Wertpapiere sind. Allein für die deutschen Banken wird die Summe der Problempapiere auf 853 Milliarden Euro geschätzt. Auf was sie da sitzen, hat viele Institute lange nicht interessiert. ABS, RMBS, CMBS, CDO, CDS. "Es gibt Banken, die hatten keinen blassen Schimmer, was sich alles in ihren Portfolios versteckte", sagt der Bankexperte einer Prüfungsgesellschaft. Wie ein Kranker, der Beschwerden hat, aber nicht zum Arzt geht – aus Angst vor dem Befund.

Nun wachsen die Schmerzen. Und der Druck. Wirtschaftsprüfer und Bankenaufsicht stehen den Instituten auf den Füßen. Wer zumindest einen Teil seiner faulen Kredite loswerden will, braucht dafür einen Wert. Die Diagnose ist nicht einfach. Der Markt ist ausgetrocknet, einen echten Preis für die Papiere gibt es nicht mehr. Vielen fehlt der Durchblick für eine seriöse Berechnung, anderen die Zeit. Das macht die Geldhäuser abhängig von unabhängigen Bewertungsexperten. Und Firmen wie Value Price zu den wichtigsten Spezialisten der Moderne. Von ihrem Urteil hängt ab, welcher Wert am Ende in der Bilanz einer Bank steht. Und wie viel Geld der Staat in den Finanzsektor pumpen muss.

Die Firmenzentrale liegt weit weg von den Hochhäusern der Finanzmetropole, draußen an der Hanauer Landstraße, im Frankfurter Osten, zwischen Aldi Süd, Schluckspecht und dem Haus der Fliesen. Mehr Nähe zur City konnte sich Value Price bisher nicht leisten. Logemann kennt die Preise, er hat jahrelang für Banken gearbeitet. "Wir sind ein bisschen weit weg von unseren Kunden", gesteht er und deutet aus dem Fenster in den Hof. Der oberste Knopf am Ärmel seiner Anzugjacke ist offen. Das geht nur bei teuren Maßanzügen. Die Geschäfte laufen gut.

Im vierten Stock der ehemaligen Bettenfabrik arbeiten 25 Angestellte, fünf weitere in der Luxemburger Filiale. Es ist eng geworden. Seit vergangenem Sommer sind zehn Mitarbeiter dazugekommen. Mathematiker, Physiker und Informatiker tummeln sich an den Schreibtischen. Leute aus einer anderen Welt. "Die lesen in einer Nacht ein dickes Buch über Mathematik und sind die glücklichsten Menschen der Welt", sagt Logemann und zeigt vorsichtig auf die Tür, hinter der die Finanzingenieure sitzen. Nur sprechen tun sie nicht so gerne. Deshalb wird jetzt ein Mitarbeiter eingestellt, der vermitteln soll zwischen den Kunden und den Experten. Aus den Nerds der Vergangenheit sind die Helden der Gegenwart geworden. Weil sie verstehen, was nicht mehr zu verstehen ist. Und sie wertlosen Dingen wieder einen Wert geben.

Unter den 28 Kunden, die Value Price betreut, sind 18 Banken. Die WGZ Bank und Metzler Invest, andere zieren sich noch zuzugeben, dass sie ohne fremde Hilfe nicht mehr klarkommen. "Wir haben durchaus auch Erfahrung mit Landesbanken", sagt Jörg Swoboda, Vorstandsmitglied bei Value Price.


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