29.05.2008
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Deutsche Bank
Leistung, die Leiden schafft


Weitere Abschreibungen in Milliardenhöhe drohen

Dass die Positionen wieder an Wert gewin­nen, ist unwahrscheinlich. Seit Jahres­beginn verloren die ABS-Papiere kontinuierlich an Wert. Das zeigt der ABX-Preis­index, das Krisenbarometer der Branche. Danach erzielen Papiere höchster Qualität, die in der zweiten Jahreshälfte 2007 aufgelegt und von den Rating­agenturen mit der Bestnote AAA versehen wurden, zurzeit nur noch rund 58 Prozent ihres ursprüng­lichen Wertes. Diese Geschäfte befinden sich "auf einem dramatischen Rückzug", schreibt der Fachdienst "Asset Backed ­Alert". Damit ist das Spiel auch für die Deutsche Bank ge­laufen. Ackermann muss mit deut­lichen Gewinn­einbußen kalkulieren.

Ein weiteres Alarmsignal ist das steigende Bilanzvolumen von Papieren, deren Wert nur noch geschätzt werden kann, weil die Märkte für diese derivaten Finanzprodukte illiquide wurden oder für sie gar keine Marktdaten mehr ermittelt werden können. Seit Jahresbeginn wuchsen diese Vermögenswerte der Deutschen Bank von 88 auf 95 Milliarden Euro.



Mittlerweile zahlt die Deutsche Bank für ihre früheren Geschäfte sogar drauf. Weil Ackermanns Investmentbanker am Handel mit Verbriefungen prächtig vertreten waren, findet sich das Institut als Kläger vor US-Konkursgerichten wieder. Zu ihrer Aufgabe als Treuhänder für Kunden, die verbriefte Hypo­the­ken­papie­re gekauft ­haben, gehört es nämlich, die Forderungen bei säumigen Schuldern einzutreiben. Das ist ein Kostenblock, kein Geschäft. Die Anwäl­te der Bank müssen für jeden Privatkonkurs aufwendige Gerichtsverhandlungen führen, für die sie nur mit ein paar Dollar entlohnt werden. Wie aus Justizdaten hervorgeht, sind es seit Januar 2007 mehr als 17.000 Gerichtsverfahren, in ­denen die Deutsche Bank als Partei auftritt. Das Verlustrisiko tragen die Kunden. Denkbar ist aber, dass die Bank für die oft aussichtslosen Kämpfe auf Anwaltskosten in Millionenhöhe sitzen bleibt.

Zudem hat die Krise das Geschäft mit Firmenkrediten und Darlehen für fremd­finanzierte Übernahmen erfasst. Dort hat die Bank bereits 2,9 Milliarden Euro abge­schrieben. Aber sie hält immer noch Kredite in Höhe von 33 Milliarden Euro. Dieser Markt ist laut Branchenkennern um 86 Prozent eingebrochen, weshalb beim Weiterverkauf empfindliche Abschläge drohen. Mau sieht es auch beim Beratungsgeschäft aus, denn Börsengänge und Fusionen sind out – ein weiterer erfolgs­verwöhnter Sektor, in dem jetzt Däumchen gedreht wird.

Zusätzlich steckt Ackermann im Kreditgeschäft in der Falle. Er muss Darlehen mit ausreichend Liquidität absichern – das wird immer schwieriger. Doch das Sicherheitspolster ist dünn. Der Chef hat die Kernkapitalquote bis Ende 2007 auf 8,6 Prozent sinken lassen. Sie stieg jetzt auf 9,2 Prozent – aber nur wegen einer neuen Berechnungsmethode. In Krisenzeiten ist das wenig. Und auch eine geplante Kapitalerhöhung wird das Bilanzproblem nur mildern.

Ackermanns Manager handelten wie Croupiers beim Roulette

Im vergangenen Jahr belegte die Deutsche Bank als Händler für US-Hypothekarverbriefungen gemessen am Volumen global den dritten Platz nach Lehman Brothers und Bear Stearns; die Investmentbanker der Frankfurter betreuten Deals im Wert von mehr als 100 Milliarden Euro. Ackermanns Mannen saßen also am denkbar besten Platz, um zu erkennen, dass die Geschäfte aus dem Ruder liefen. Seine Risikomanager erkannten zwar schon im Sommer 2004, dass die Investmentbanker der Deutschen Bank wie auch ihre Kollegen von Goldman Sachs auf einem äußerst riskanten Marktsektor aktiv waren, nur noch übertroffen von der UBS und der Citigroup.

Doch die hausinternen Alarmglocken läuteten erst Ende Juli 2007, wenige ­Wochen nach Ackermanns Vorträgen über die vermeintliche Stabilität des Systems. Über Nacht entzogen seine Kreditmanager der Mittelstandsbank IKB ihr Vertrauen. Endlich war das Drama auch in den Frankfurter Banktürmen offensichtlich, nicht früher als bei den meisten Mitläufern in der Finanzherde.

In diesen Tagen begannen wohl die Händler der Deutschen Bank, wie die Kollegen von Goldman Sachs, ihre Positionen in den gefährlichen Wertschriften abzustoßen. Auf 32 Milliarden Euro bezifferte Ackermann Anfang September 2007 den eigenen Bestand an Papieren. Den akuten Abschreibungsbedarf tarierte er kurz danach auf 2,2 Milliarden Euro. Es schien, als hätte er reinen Tisch ­gemacht.

Trotzdem musste die Deutsche Bank nach dem ersten Quartal des laufenden Jahres weitere 2,7 Milliarden Euro an Wertkorrekturen melden. Es wäre noch viel mehr, wenn nicht bei den Investmentbankern Bonuszahlungen gestrichen worden ­wären. So wurden beim Personalaufwand immerhin 1,4 Milliarden Euro ­gespart.

Es dürfte noch nicht alles überstanden sein. Das zeigt der erste Quartalsabschluss des Jahres. Darin listet die Bank Ausfall­risiken in Höhe von 6,5 Millarden Euro auf Versicherungen und verbriefte Werte auf. Der Betrag stellt den denkbaren Verlust dar, falls die Wertpapiere komplett ausfallen und damit keine Verkaufs­gewinne mehr erzielt werden. Auf 1,26 Milliarden Euro in solchen Anlagen wurden schon Marktwertverluste bilanziert.

Rund sechs Milliarden Euro sind mit Gegen­geschäften, sogenannten Hedges, abgesichert. Doch das wirkt nur bedingt. Einige Hedges funktionieren nur, solange gewisse Verlustschwellen nicht unter­schrit­ten werden. Und Spezialversicherer, die solche Deals abfedern sollen, stehen selbst am Rande des Ruins. So hat die Bank gegenüber diesen als Monoliner ­bezeichneten Firmen Papiere im Nennwert von rund 8,9 Milliarden Euro versichert. Fazit: Ackermann hat den Bestand an riskanten Positionen zwar reduziert. Aber er hat immer noch für 7,6 Milliarden Euro verbriefte Hypotheken auf US-Gewerbe­immobilien in den Büchern.

Das Institut hat ein zu niedriges Finanzpolster

Die schwache Eigenkapitalbasis ist der Tribut dafür, dass Ackermann eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent erreichen wollte. Das Konzept gleicht dem der Private-Equity-Anbieter: Je geringer das Eigen­kapital, desto höher der darauf entfallende Gewinnanteil, sobald das Fremdkapital verzinst ist. So wollten es auch die Investmentbanker des Instituts, deren Bonus an der Eigenkapitalrendite hing.

Über die Risikolage sagt die Zahl freilich nichts aus. Als Ackermann 2002 loslegte, bewegte die Bank mit fast 30 Milliarden Euro Eigenkapital eine Bilanzsumme von 758 Milliarden Euro. Heute steht dem Eigen­kapital von rund 36 Milliarden ­Euro eine Bilanzsumme von 2,3 Billionen ­Euro gegenüber. Das gewaltige Bilanzvolumen mit allen Vermögenswerten und Schulden wuchs allein in den vergangenen drei Monaten um 300 Milliarden Euro. Der Löwenanteil davon geht auf das enorm gestiegene Soll und Haben bei den Handelspositionen mit derivaten Finanz­ins­trumen­ten zurück. Das zeigt: Die Bank ist zum Hedgefonds geworden.

Die Situation erstaunt umso mehr, als Ackermann seit jeher als risikobewusster Banker galt. Sein Weggefährte, der Züricher Bankenprofessor Hans Geiger, lobt ihn als exzellenten Risikofachmann: "Von ihm hörte ich zum ersten Mal über die moder­ne Value-at-Risk-Methode, mit der heute alle ihre Risiken untersuchen." Mittlerweile kursieren in der Bank Gerüch­te, Risikovorstand Hugo Bänziger, ebenfalls Schweizer, gerate in Erklärungsnot. "Bänziger steht unter Druck", heißt es in der Bank. Sein Pech: Er galt als einer der Kandidaten für die Nachfolge, wenn Ackermann in zwei Jahren in Rente geht.


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