Jérôme Kerviel
Jérôme Kerviel

4,9 Milliarden Euro verzockt

Wie die Société Générale die Flut stoppen wollte

von Leo Müller

Das Milliardendesaster, ausgelöst durch Aktionen des Händlers Jérôme Kerviel, wirft eine Reihe von Fragen auf: Wie konnte es dazu kommen? Hat das Management versagt? Eine Spurensuche.

Hektik in den Bankentürmen. „Kann uns das auch passieren?“, fragen Bankenchefs ihre Controller. Wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank, der plötzlich geklärt haben will, ob sein Institut auch wie die Société Générale (SocGen durch die Machenschaften eines einzelnen Händlers an den Rand des Abgrunds gebracht werden kann. Sie müssten längst funktionierende Kontrollsysteme haben, die solche Fälle verhindert.

Die Nervosität der Banker überrascht, denn eigentlich haben die Aufsichtsbehörden und Kontrolleinheiten längst genug Wissen, um solche Vorfälle zu verhindern. Denn seit dem Kollaps des britischen Traditionshauses Barings, dass 1995 durch den jungen Börsenhändler Nick Leeson ins Unglück gestürzt worden war, haben Börsen, Aufsichtsbehörden und Notenbanken weltweit klare Regeln formuliert, um eine Wiederholung auszuschließen. Krisenstudien über den Barings-Fall, Controlling-Analysen und Untersuchungsberichte füllen in den Bibliotheken der Risk-Manager ganze Regalmeter.

Der Barings Fehler war eine „Kombination aus Betrug, Marktrisiken und ungeeigneten internen Kontrollsystemen“ resümierte das Basler Komitee für Bankenaufsicht. Und die Bank of England formulierte in fünf simple Schlussfolgerungen. Die Wichtigste: Die Management-Teams müssen ihr Geschäft voll und ganz verstehen.

Auch wenn die Informationen über den Fall Kerviel noch widersprüchlich sind, so zeigen sie zahlreiche Parallelen zum Paradefall Leeson. Die Bank vermutet, dass Kerviel Dokumente im Handelsablauf gefälscht hat. Er wusste die Systeme auszutricksen, weil er die Abläufe aus dem Backoffice kannte und er überschätzte seine Handelsmacht offensichtlich maßlos – wie Leeson, der auf dem Höhepunkt seiner schwindelerregenden Spekulationen gemeint hatte, dass er allein den Nikkei-Index bewegen könne.

Richtiges Handeln im falschen Moment

Hingegen zeigt die Darstellung der Société Générale zum Ablauf der Krise, dass die Manager einen Fehler ihrer britischen Kollegen nicht wiederholten, die damals ebenfalls kurz vor einem handelsfreien Wochenende überrascht worden waren. Kerviel machte es ihnen einfacher. Barings war in den wenigen Tagen der Krisenbewältigung nicht in der Lage gewesen, die Schadenshöhe zu ermitteln, weil sämtliche Börsentransaktionen von Leeson von Hand geprüft werden mussten. Echte und gefälschte Positionen mussten mühsam ermittelt werden – und das kostet Zeit.

Kerviel hingegen hatte offenbar ausschließlich auf Dax Futures gesetzt, Wetten auf den künftigen Kursverlauf des deutschen Börsenindex. Zur Absicherung hatte er nach Darstellung der Bank eine Gegenposition in den Büchern stehen, die komplett gefälscht war. Somit waren seine Handelswerte schnell ermittelt. Am Sonntagmorgen, zwei Tage nach der Entdeckung, hatte die Bank sämtliche Positionen identifiziert und am Nachmittag war die Belastung errechnet.

Und anders als Barings vor 13 Jahren zögerten die Manager der Société Générale nicht lange, seine Positionen still und leise glatt zu stellen, bevor andere Börsenteilnehmer davon Wind bekamen. In nur drei Tagen verkaufte die Bank alle seine Futures-Kontrakte über die Brokerkonten ihrer Claeringbank Newedge, die an der deutsch-schweizerischen Börse Eurex handelte. Die Handelsstatistiken der Eurex zeichnen den dramatischen Verlauf nach: Am Freitag, dem 18. Januar, als der Fall intern entdeckt wurde, bewegte sich der Handel mit rund 294000 abgeschlossenen Kontrakten in Dax Futures auf einem hohen, aber normalen Niveau. Am Montag, den 21. Januar, als die Société Générale mit der Verkauf begann, stiegen die Zahl der Kontrakte auf mehr als 411000, am Dienstag auf rund 538000 Kontrakte und am Mittwoch nochmals auf rund 445000. Dies waren absolute Handelsrekorde der Eurex.

So konnte SocGen-Chef Daniel Bouton anschließend vor die Presse treten und das Desaster beichten. Er konnte verhindern, dass andere Börsenhändler, die von der Sache Wind bekommen, ihre Wetten gegen die Kerviel-Positionen einreichten. Das hätte auch die Société Générale schnell in den Kollaps geführt – wie einst die ehrwürdigen Bankiers von Barings, die bis zum Öffnen der asiatischen Börsensäle mit der Bank of Englang keine stille Lösung gefunden hatten. Sie konnten, wie die zahlreichen Studien über den Fall zeigen, den Schaden nicht mehr eingrenzen.


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