06.12.2007

Foto: Martin Langhorst für Capital

Capital-Gespräch mit Werner Müller

"Wir wollen Einsatz, Kampfgeist und Leidenschaft sehen"

Der Chef des Essener Evonik-Konzerns erklärt im Capital-Gespräch, wie er den geplanten Börsengang seines Unternehmens arrangiert, welche Probleme er künftig bei Kohlekraftwerken und der deutschen Umweltpolitik sieht und wie er die Zukunft der Bahn einschätzt.

Herr Müller, Glückwunsch und Beileid: Seit dem 12. ­September sind Sie Vorstandschef von Evonik, dem ­Industriebereich der früheren Ruhrkohle. Der erhoffte Sprung an die Spitze der Kohlestiftung bleibt Ihnen ­aller­dings versagt. Was überwiegt mehr – Freude oder Ärger?
Müller
: Ich hatte den Bergleuten mein Wort gegeben, auf die Einhaltung der politischen Zusagen zu achten. Dafür ist die Stiftung als Schnittstelle zwischen Bergbau und Evonik der richtige Ort. Aber die Politik oder sagen wir mal einige wenige Teile der Politik wollten das partout nicht.

Sie meinen vor allem NRW-Ministerpräsident Jürgen Rütt­gers. Können Sie sein rigoroses Veto nachvollziehen?
Müller: Was soll ich zu Herrn Rüttgers sagen? Von ihm stammt auch der Satz, dass ich für Evonik viel wichtiger bin als für die Stiftung.

Hat Rüttgers Ihnen die Lebensplanung vermasselt?
Müller: Es gibt wirklich Schlimmeres, als im 21. Stockwerk des Evonik-Hochhauses in Essen zu sitzen. Meine Lebensplanung sah weder den Bundeswirtschaftsminister noch den RAG-Chef vor. Ich hatte mich eigentlich auf ein beschauliches ­Dasein eingerichtet. Aber manchen Bitten dürfen Sie sich nicht entziehen. Tatsache ist, dass mein Konzept für die ­Zukunft des gesamten RAG-Konzerns zu 100 Prozent umgesetzt wird. Der Kohlebereich untersteht jetzt allein der Stiftung. Und der sogenannte weiße Bereich, also seit September Evonik, ist ein staatsfreies Unternehmen. Nach harter Sanierung ist es sehr profitabel und sieht mit den Geschäftsfeldern Chemie, Energie und Immobilien einer guten Zukunft ent­gegen. Und mit Herrn Bonse-Geuking hat die Stiftung eine hervorragende Führung. Er hat überaus renommierte Persönlichkeiten zur Mitarbeit im Aufsichtsrat gewonnen. Evonik ist und hat die Kraft für Neues.

Sie wollen im ersten Halbjahr 2008 in einem ersten Schritt bis zu 25 Prozent von Evonik an die Börse bringen. Wie laufen die Vorbereitungen?
Müller: Die Stiftung und wir gehen, mit Bankenunterstützung, zweigleisig vor. Auf der einen Seite bereiten wir den Börsengang vor, auf der anderen Seite sondieren wir den Verkauf an einen Investor. Im späteren Frühjahr werden wir dann wissen, wo die Reise hingeht. Als ich hier vor gut vier Jahren anfing, war der weiße Teil der RAG in keiner Weise kapitalmarktfähig, hatte erhebliche Milliarden Euro Schulden und machte hohe Verluste, war insgesamt zukunftslos. Nach einer harten Sanierung mit mehr als 480 Firmenverkäufen erwirtschaften wir seit zwei Jahren ein operatives Ergebnis von über einer Milliarde Euro. Die Wachstumsperspektiven sind hervorragend.

 

Ist der Einstieg von Finanzinvestoren noch eine realistische Option? Derzeit haben diese große Mühe, sich die dafür nötigen Kredite zu beschaffen.
Müller: Wir zumindest verbuchen großes Interesse von dieser Seite. Viele mühen sich, mit der Stiftung und uns ins Geschäft zu kommen.

Aktien von Mischkonzernen gelten als wenig attraktiv.
Müller: Das ist mir zu pauschal. Wir steuern den Konzern mit einem klaren Portfolio- und Finanzmanagement. Jedes unse­rer drei Geschäftsfelder ist hoch attraktiv und bietet ­vielversprechende Wachstumspotenziale. In seiner Gesamtheit ist Evonik deshalb ein Wert, der bei Anlegern mit großem Interesse rechnen kann. Und das ist es, was am Kapital- markt zählt.

Verlagern Sie wegen der politischen Probleme in Deutschland mehr Stromgeschäft ins Ausland?
Müller: Wir brauchen endlich politisch kalkulierbare Rahmen­daten. Ich weiß beispielsweise nicht, ob und wie viel CO2-Zertifikate ich hierzulande für unsere Kraftwerke und die Chemie ab 2013 brauche und woher ich sie erhalte. Jenseits der Grenzen liegen riesige Chancen. Zurzeit werden in Deutschland reihenweise Kraftwerksneubauten gestoppt, weil es Investoren zu mulmig wird oder die Bevölkerung das nicht mehr will. Jetzt sind auch modernste Kohlekraftwerke angeblich ein Übel. Jene Teile der Gesellschaft, die das kritisieren, wollen offenbar künftig nur von Sonne, Luft und Liebe leben.

Kohlebefeuerte Kraftwerke gelten in der ökologischen Debatte plötzlich als die Großverschmutzer der Umwelt.
Müller: Wo endet die Diskussion? Wenn die stromintensive Industrie auswandert, dann kommen wir mit einem stark gedros­selten Kraftwerksneubau durchaus hin. Die Industrie ist der größte Einzelverbraucher von Strom. Wenn man sie aus Deutschland vertreibt, dann brauchen wir auch keine neuen Kraftwerke. Die Politik kann das nicht ernsthaft wollen.

Derzeit schnellen die Kohlepreise weltweit in die Höhe. Wird die heimische Kohle wieder konkurrenzfähig?
Müller: Ich bin kein Hellseher. Tatsache ist: Im November 2007 kostete eine Tonne Kokskohle aus Südostasien inklusive Transport 200 Dollar, das sind rund 140 Euro. Mit Förder­kosten von 130 Euro ist die deutsche Steinkohle, die RAG aus der Erde holt, nicht mal so teuer wie die Spotpreise auf dem internationalen Markt. Ich sehe keinen Grund, warum der Steinkohlebedarf auf der Erde wieder sinken sollte. China zum Beispiel ist trotz riesiger Kohlefelder mittlerweile Netto­importeur. Jede Woche geht dort ein Kohlekraftwerk in ­Betrieb. Und die Anbieterseite konzentriert sich.

Für das Jahr 2018 soll die Kohleförderung in Deutschland auslaufen. Ist ein Ausstieg vom Ausstieg denkbar?
Müller: In 2012 wird der Bundestag eine Grundsatzentscheidung über eine Fortführung der Kohle nur treffen, wenn ­dafür überzeugende energiepolitische Gründe sprechen. Ist das der Fall, wird es darum gehen, unsere Abhängigkeit von Importkohle stark zu senken. Ich halte eine Renaissance der deutschen Steinkohle im nächsten Jahrzehnt keineswegs für ausgeschlossen.

Brauchen wir mehr Kernkraft? Ist der rigide Kurs von SPD und Grünen gegen Kernenergie auf Dauer haltbar?
Müller: Vor allem die SPD wird merken, dass der harte atomkritische Kurs nicht ohne Risiko ist. 2009 könnte die CDU im Wahlkampf längere Laufzeiten für Kernkraftwerke fordern, spätestens aber im Wahlkampf 2013. Dann wird es zu einer Diskussion kommen, ob sogar neue Anlagen gebaut werden.

Ausgerechnet Werner Müller, der Architekt der rot-grünen Ausstiegsvereinbarung mit der Wirtschaft, fordert plötzlich neue Atommeiler?
Müller: Ich war niemals ein Gegner der Kernenergie. Der Vertrag mit den Betreibern der Atomkraftwerke hatte in erster Linie das Ziel, die aufgeregte Diskussion zu beruhigen. Und als Gegenleistung verpflichteten sich die Versorger, die Laufzeit der Anlagen auf 33 Jahre zu begrenzen. Zur Versachlichung der öffentlichen Debatte, die ja erkennbar eingetreten ist, ­gehört allerdings ein pannenfreier Betrieb der Kernkraftwerke. Da ist nun leider ein Rückschlag zu vermerken.

 

Droht bei der aktuellen Diskussion die deutsche Umwelt­politik auf dem Abstellgleis zu landen?
Müller: Ich halte eine harte Klimapolitik global für notwendig. Aber sie muss national reversibel sein. Falls andere Länder uns als Vorreiter nicht folgen, haben wir nichts davon. Das Klima würde weiter leiden, doch unsere Wirtschaft wäre stark ­geschwächt und die Investitionen würden in Länder mit weni­ger harten Rahmenbedingungen wandern. Das kann nicht das Ziel der zur Zeit richtigerweise ehrgeizigen deutschen Umwelt­politik sein.

Sie kontrollieren als Aufsichtsratschef die Deutsche Bahn. Auch dort gab es bei der Auseinandersetzung mit der Lokführergewerkschaft GDL reichlich PR-Pannen. Hat Mehdorn den Konflikt mit seinem herrischen Auftreten provoziert?
Müller: Hartmut Mehdorn kann überaus charmant sein, wenn er in guter Stimmung ist, ebenso Manfred Schell von der GDL. Es liegt nicht an persönlicher Sympathie oder Antipathie, dass der Streit eskaliert ist, sondern daran, dass die Forderungen so weit gingen. Der Aufsichtsrat stützt einstimmig den Kurs des Bahn-Vorstandes, die Tarifeinheit zu erhalten.

Der Bahn-Chef hat sich auch bei der Kanzlerin unbeliebt gemacht, als er von ihr ein Eingreifen der Politik for­derte. Der Brief stand sogar in der Zeitung.
Müller: Die im Brief genannten grundsätzlichen Fragen zum Streikrecht hätte man wohl besser nach Lösung des Konflikts mit der GDL zur Diskussion gestellt. Das spielt aber bei der vollen Rückendeckung für Mehdorn keine Rolle.

Wird dessen Traum, der Börsengang der Bahn, trotz aller Widerstände doch noch Wirklichkeit?
Müller: Es darf kein Zurück auf dem Weg zur Teilprivati­sie­rung geben. Sonst bliebe die Bahn ein reiner Staatsbetrieb. Viele Beschäftigte würden sich fragen, warum rund 140.000 Stellen im Schienenbetrieb gestrichen wurden, wenn die Bahn doch als Staatsbetrieb weiterarbeitet. Auch der Frust der GDL hängt damit zusammen, dass die Belegschaft seit ­vielen Jahren Lohnverzicht geübt hat. Wofür der riesige ­Aufwand, wenn lokale und globale Wettbewerbsfähigkeit ­keine Rolle mehr spielt? Immerhin hat Mehdorn die Bahn zu einem der führenden Logistikkonzerne der Welt und ­zugleich kapitalmarktfähig gemacht. Es war und ist eine Riesen­leistung, dass und wie die Arbeitnehmer die Priva­ti­sierung unterstützen. Gemessen daran stehen jetzt alle Parteien in der Pflicht, den 1994 angesichts von zehn Milliarden Mark Jahresverlust gestarteten Weg auch bis ans Ende zu gehen.

Aber mit welchem Modell? Verkauf an einen Finanz­investor, Volksaktie, Verkehrs-AG ...?
Müller: Das jüngste Modell, die Verkehrs-AG, ist durchaus praktikabel. Nur der Betrieb würde teilprivatisiert, die Infrastruktur bliebe beim Bund. Die politischen Bedenken der ­Privatisierungsgegner sind voll berücksichtigt.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in Politik und Wirtschaft? Sie selbst waren Top-Manager im Veba-Konzern, dann Bundesminister, anschließend Chef der RAG - und dirigieren jetzt Evonik.
Müller: Zunächst einmal eine Klarstellung: Ich war zunächst insgesamt fast 25 Jahre in Unternehmen, danach nur vier Jahre in einem politischen Amt. Die Unterschiede sind weniger groß als viele denken: Als Bundeswirtschaftsminister ­musste ich einen Apparat von insgesamt 25.000 Mitarbeitern steuern – Führung ist genauso notwendig wie in einem Unternehmen. Es geht immer darum, eine Idee in einer großen Organisation durchzusetzen. In einem Fall muss ich die Vorstandskollegen, den Aufsichtsrat und die Aktionäre überzeugen, im andern die Fraktionen, den Koalitionspartner, das Kabinett.

Aus der Wirtschaft wechseln kaum Manager in die Politik. Und Politiker bleiben, wo sie sind ...
Müller: ... und das ist schade. Ich kenne viele Leute aus dem Staatsdienst, die passen hervorragend in jedes Unternehmen: Staatssekretäre, Generäle. Aber leider ist das alles ein bisschen verpönt. Es wird in meinem Fall zum Beispiel oft kritisiert, dass ich nach der Politik dorthin zurück bin, wo ich herkam, Energie­wirtschaft eben. Ich bin von Gerhard Schröder in das Kabi­nett geholt worden, weil er mein Wissen in Sachen Energiewirtschaft haben wollte. Wer geht als Fachmann in die Politik, wenn hernach im Fachgebiet Berufsverbot gelten soll?

Sie mussten sich nach Ihrem erneuten Wechsel in die Wirtschaft auch einige Kritik anhören.
Müller: Es ist noch ärgerlicher, wenn Politikern, die dann in die Wirtschaft wechseln, nachträglich ein Geschmäckle angedichtet wird, weil ihre Entscheidungen auch mal mit ihrem früheren oder neuen Arbeitgeber zusammenhingen beziehungsweise hängen. Tatsächlich leistet ein Minister den Eid, „dem deutschen Volk zu dienen“ und nicht einem Unternehmen. Latente Verdächtigungen verunsichern gewiss viele Mana­ger. Sie werden künftig noch häufiger ablehnen, eine Herausforderung in der Politik anzunehmen.

Sie sind im Nebenjob auch Beirat beim Fußballclub Borus­sia Dortmund.
Müller: Bis jetzt war es ein angenehmes Gespräch ...

... dennoch die Frage: Der von Evonik gesponserte BVB ist alles andere als erfolgreich. Tut das weh?
Müller: Die Performance hängt nicht nur am Trainer Thomas Doll, sondern vor allem an den Spielern. Es mangelt an Kampfgeist - wie er bei Evonik selbstverständlich ist. Die Mannschaft muss attraktiver spielen. Sie muss nicht immer gewinnen, aber wir wollen Einsatz und Leidenschaft sehen. Und sie muss mehr kämpfen. Das ist viel zu selten der Fall.


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