Disclaimer: Bevor es andere tun, erklärt sich der Autor vorsorglich selbst für befangen. Als Mac-Fan gehört er zur wachsenden Schar derer, die sich nachsagen lassen müssen, sie seien willenlose Fashion Victims, eingelullt von einem egomanen Lifestyle-Guru, der für Allerweltsdigitalien von ergreifender Schlichtheit Mondpreise verlange. Der Verfasser distanziert sich indes von jener obskuren Sekte, die den Milliardär Steven Paul Jobs als Messias des Computerzeitalters verehrt.
Jenem harten Kern von Apple-Jüngern, die webauf, webab den Technopapst Steve I. preisen und jederzeit bereit wären, ihm 199 oder 299 Euro hinzublättern, gäbe er ihnen Gelegenheit, sich die Haare mit einem MP3-Songs dudelnden iFön zu trocknen. Der 52-Jährige ist eben nicht einfach Gründer und Top-Manager eines ziemlich erfolgreichen Hardwareherstellers; das ist Michael Dell auch. Ein Wunderkind der IT-Pionierzeit, das dank seiner Chuzpe zu Ruhm und Reichtum gelangte? Da denkt jeder zuerst an Microsoft-Gründer Bill Gates.
Nein, diesen beiden Kollegen, die in Texas und Washington weit größere Firmen aufgebaut haben als er, hat der Kalifornier Jobs etwas voraus, das diese sich für kein Geld der Welt kaufen können: das Talent, vor Tausenden von Zuschauern rund um ein neues Produkt eine stundenlange Bühnenshow abzuziehen, die von Journalisten und ehrfürchtigen Fans sofort webweit kommentiert und diskutiert wird. Als hätten The Police, Fleetwood Mac und die Stones eine gemeinsame Platte aufgenommen.
Mit dieser Masche eroberte Jobs den Markt für MP3-Player; so bewies er auch, dass Internetnutzer bereit sind, für Musik-Downloads Geld zu bezahlen. Und die Ankündigung des tastenlosen Telefons iPhone im Januar war der PR-Coup des Jahres 2007, wenn nicht des Jahrzehnts. Der deutsche Marktforscher Oliver Janssen, bei TNS Infratest für die IT-Branche zuständig, ist sich sicher, dass das Gerät auch in Europa einschlägt, wo es zum Weihnachtsgeschäft erhältlich sein soll – in Deutschland ab dem 9. November bei T-Mobile.
obs Wesen des exzentrischen Magiers, der sich vornehmlich auf sich selbst verlässt, wurzelt in frühester Jugend. Von den leiblichen Eltern im Stich gelassen, entwickelt er Durchsetzungsfähigkeit und technische Brillanz zur rechten Zeit am richtigen Ort für eine spätere Karriere in der IT-Industrie. Gleichzeitig prägt ihn die Kultur der Hippiebewegung mit ihren selbst ernannten Gurus und Massenhappenings.
Seine Kindheit verbringt er in jenem Obstanbaugebiet südlich von San Francisco, das während seiner Schulzeit zum Silicon Valley mutiert. Dass er dort aufwächst und nicht in Green Bay (Wisconsin), einem Provinznest am Michigansee, verdankt er der Hartherzigkeit seines Großvaters mütterlicherseits, des deutschstämmigen Nerzzüchters Arthur Schieble. Aus Angst vor seiner Ungnade floh dessen Tochter Joanne-Carole, die unstandesgemäß schwanger war von ihrem syrischen Freund Abdulfattah Jandali, ins ferne San Francisco, um in der Großstadt Adoptiveltern zu suchen. Als Steve am 24. Februar 1955 zur Welt kommt, nehmen ihn Clara und Paul Jobs an Kindes statt an: sie Buchhalterin, er Maschinenschlosser.
Die Jobs tun alles für den kleinen Steve. Sie ziehen wegen einer besseren Schule für den begabten, eigenwilligen Jungen nach Los Altos und sparen eisern, damit er wie versprochen aufs College gehen kann. Der 17-Jährige darf sich sogar aussuchen wo – und entscheidet sich für das teure Reed College in Portland/Oregon. Über seine Zeit damals spricht Jobs zum ersten Mal als 50-Jähriger (halb-)öffentlich in einer Festrede in Stanford. Über den jungen Steve, der ein schlechtes Gewissen hat und das Studium nach dem ersten Semester abbricht, aber in Portland bleibt. Der keine eigene Bude hat, bei Kumpels auf dem Fußboden pennt und sich ein Taschengeld verdient, indem er Colaflaschen auf der Straße aufliest und das Pfand kassiert. Der sonntags zu Fuß sieben Meilen zum Hare-Krishna-Tempel pilgert, weil es da gratis ein gutes Mittagessen gibt. 1974 kehrt er ins Valley zurück. Ein Schulfreund vermittelt ihm einen Job beim Videospielehersteller Atari. Der technisch interessierte Jobs, dem der Adoptivvater einst eine eigene Werkbank in der Garage überlassen hatte, schlittert in die anarchische Elektronikbastlerszene hinein. Mit seinem kongenialen Partner Steve Wozniak gründet er 1976 das Unternehmen Apple.
Von seinen leiblichen Eltern und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Mona erfährt Jobs erst, als er erwachsen ist. Nach wilden Jahren, in denen er auf Sinnsuche nach Indien pilgerte und angeblich eine Affäre mit der Protestsängerin Joan Baez hatte, ist die eigene Firma an der Börse und er selbst Vater einer nichtehelichen Tochter namens Lisa. Nach ihr benennt er 1982 einen PC, als Teenager wohnt sie mehrere Jahre bei ihm. Auch zu seiner Schwester Mona Simpson, die als Schriftstellerin erfolgreich ist, entwickelt Jobs ein freundschaftlich-vertrautes Verhältnis. Nichts deutet indes darauf hin, dass ihm je gelungen wäre, die Distanz zu seiner Mutter abzubauen. Auch die Nähe zu den Kunden ist im Grunde nur der öffentlich sichtbare Teil seiner Managementphilosophie. Der Geheimniskrämer Jobs denkt in "Audiences", verrät ein V-Mann aus der Werbeszene, "ihm geht es um den Applaus des Publikums – das eröffnet Handlungsoptionen".
Ein Fanklub verzeiht seinem Star Fehler. Bislang kann sich Jobs darauf verlassen, dass sich treue Anhänger selbstlos für ihn in die Bresche werfen, sobald im Publikum Unmut aufkommt. Als Apple kürzlich per Software-Update alle iPhones unbrauchbar machte, deren Käufer die werksseitige Bindung an AT&T als einzig zulässigen US-Netzbetreiber geknackt hatten, sahen sich die betroffenen Handyhacker in Internetforen plötzlich einer Flut hämischer "Selberschuld"-Kommentare ausgesetzt. Ihre Argumentation, sie hätten als Verbraucher das Recht, sich ihr Handynetz auszusuchen, konterten die Jobs-Verteidiger mit derart barschen Hinweisen auf die Garantiebestimmungen, wie sie sich Apple selbst nie hätte erlauben können. Dass er sich heute wie auf dem Olymp der Informationsindustrie fühlen kann, muss Jobs wie eine hart verdiente Genugtuung erscheinen. Im Gegensatz zu seinen Rivalen Gates und Dell, die nie einen Karriereknick erdulden mussten, kennt er das Gefühl, in den Himmel gehoben zu werden und kurz darauf am Boden zu liegen.
Ende der 70er war er bereits ein Großer gewesen, schließlich war er es, der 1976 den ersten ernst zu nehmenden Privatcomputer in die Welt setzte, den Apple I im Holzgehäuse. Doch den unternehmerischen Herausforderungen, die vor ihm lagen, war er nicht gewachsen. Während IBM mit dem ersten PC die Vorherrschaft des Apple II angriff, leistete Jobs sich den Luxus, gleich zwei Modelle parallel zu entwickeln - die "Lisa" für 10.000 Dollar und den Macintosh, der nur 2.000 Dollar kosten sollte. Software, die auf dem einen Modell lief, funktionierte nicht auf dem anderen. Als die Lisa Anfang 1983 auf den Markt kam, engagierte Jobs in seiner Not den Pepsicola-Chef John Sculley als Apple-Geschäftsführer. Es war eine Mesalliance, die nur zwei Jahre später in einem Machtkampf gipfeln sollte, den der „bezaubernde Tyrann“ – wie ihn sein Ex-Adlatus Andy Hertzfeld nennt – schließlich verlor. Jobs verließ Apple und bastelte mit seiner Minifirma Next trotzig weiter am ultimativen Nonplusultra-PC.
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