29.11.2006
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Björn Czinczoll
Björn Czinczoll
Foto: Jens Küsters für capital

Social Entrepreneur

Perfekte Symbiose

Sozial denken, unternehmerisch handeln - immer mehr junge Unternehmer widmen sich der Lösung gesellschaftlicher Probleme. Einer siegte beim Wettbewerb Social Entrepreneur.

Als Björn Czinczoll im Ballsaal des Berliner Adlon Hotels zum „Social Entrepreneur 2006“ gekürt wurde, war der 34-Jährige sichtlich stolz. „Damit bin ich meinem Wunsch, die Kinderbetreuung in Deutschland zu verbessern, noch ein gutes Stück näher gekommen“, freut sich der Gründer von Kinderzentren Kunterbunt. „Ich hoffe sehr, dass unser Modell dadurch viele Nachahmer findet.“

Seit 1998 richtet der Jurist in Kooperation mit Firmen Kindertagesstätten ein und bietet das, was viele Eltern vergeblich suchen: eine bedarfsgerechte Betreuung für den Nachwuchs – mit langen Öffnungszeiten und beachtlichem Zusatzservice.

„Deutschland braucht Impulse, um neue Ideen zum Nutzen der Gesellschaft durchzusetzen“, sagte Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums, bei der Preisverleihung in Berlin. „Social Entrepreneure zeigen, dass Individuen sehr wohl etwas bewirken können.“ Es gehe um Innovation und Nachhaltigkeit bei der Verbesserung sozialer Verhältnisse, ergänzt Hilde Schwab, die 2001 zusammen mit ihrem Mann die Schwab Stiftung für Social Entrepreneurship ins Leben rief.

Zum zweiten Mal hatte die Genfer Institution gemeinsam mit der Boston Consulting Group (BCG) und Capital den Wettbewerb ausgeschrieben. Unternehmen konnten sich beteiligen, aber auch soziale Organisationen, die ihre Projekte nicht allein durch staatliche Zuschüsse finanzieren, sondern darüber hinaus weitere Einnahmequellen erschließen. Der Preis für den Sieger ist nicht dotiert, fördert aber den weltweiten Gedankenaustausch mit gleichgesinnten Entscheidungsträgern: Der Erstplatzierte bekommt eine Einladung zum Weltwirtschaftsforum in Davos, der ersten Adresse für die Elite aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

Geschäftskonzepte auf Herz und Nieren geprüft

Weltweit gibt es bereits 100 ausgezeichnete Social Entrepreneure in 32 Ländern. In Deutschland hatten sich dieses Jahr 61 Organisationen für den Wettbewerb beworben – nahezu doppelt so viele wie im Vorjahr. Das Spektrum reichte von der Ernährungserziehung für Kinder über die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen bis hin zu Seniorenreisen. Ein dreiköpfiges Expertenteam besuchte elf besonders interessante Unternehmen und prüfte die Geschäftskonzepte vor Ort.

Fünf Social Entrepreneure schafften es ins Finale und präsentierten ihre Organisationen Ende Oktober der Jury. Diese persönliche Vorstellung war Weltpremiere. „Wir wollen nicht die Institution, sondern den Unternehmer auszeichnen“, sagt Juror Dieter Heuskel, Deutschland- Chef von BCG. „Ein Social Entrepreneur muss beseelt sein von seiner Idee und sie auch trotz möglicher Widerstände unbeirrbar verfolgen.“ Das hätten alle fünf Finalisten bravourös bewiesen. Allen voran Sieger Czinczoll. Die Idee zu seinen Kindertagesstätten kam ihm nach dem Jurastudium, als er bei einem Bildungsträger in Nürnberg arbeitete und dort oft mit Eltern zu tun hatte, die über mangelnde Betreuungsangebote klagten. So entstand 1998 der eingetragene Verein „Kinderzentren Kunterbunt“, dessen Vorstandsvorsitzender Czinczoll bis heute ist.

Mittlerweile genießen 500 Kinder zwischen null und zwölf Jahren in sechs Einrichtungen besondere Betreuung: Geöffnet ist von sieben Uhr bis 20 Uhr – auch samstags. Die Eltern können die Zeiten in der Tagesstätte stunden- oder tageweise buchen. Einmalig ist auch der Windelservice: „Wir besorgen die Hygieneartikel im Großeinkauf und geben die Preisvorteile an die Eltern weiter“, sagt Czinczoll. Zudem gibt es Vorträge zu Gesundheitsvorsorge und Ernährung, Yoga-Kurse für Erwachsene und Kinder sowie einen Erfahrungsaustausch mit Erzieherinnen. „Wir sind die bessere Super Nanny“, scherzt der kinderlose Unternehmer, der derzeit an Betreuungsprojekten für Porsche, MAN, Pro-Sieben und zwei Flughäfen arbeitet. Für das kommende Jahr sind insgesamt elf geplant.

Weil Czinczoll eine 25-jährige Laufzeit seiner Einrichtungen garantiert, zahlen Kommunen und Länder insgesamt 80 Prozent der Gesamtkosten. Für den Rest kommen zum einen die Eltern auf, zum anderen ihre Arbeitgeber, die von der betriebsnahen Betreuung der Mitarbeiterkinder profitieren. „Die Firmen bringen Geld- und Sachleistungen ein“, erklärt der Jurist: „Kostenlose Essenslieferungen, verbilligte Mieten oder die Übernahme von Hausmeisterdiensten.“ Dazu seien die angesprochenen Unternehmen nach Czinczolls Erfahrung meist bereit.

Wie sich Soziales und Ökonomisches gut ergänzt

Für Jurymitglied Professor André Habisch ist der „Social Entrepreneur 2006“ ein perfektes Vorbild. „Es geht immer auch um die Lösung von ordnungspolitischen Aufgaben“, betont der Leiter des Center for Corporate Citizenship an der Katholischen Universität Eichstätt. Bisher haben die Bürger das Soziale dem Staat überlassen und an die Wohlfahrtsverbände delegiert. Nun sei es an der Zeit, umzudenken. „Wir haben mehr als 20 Jahre lang unsere fähigsten Leute in die Wirtschaft gelotst“, sagt Habisch. „Die verkaufen heute Waschmittel in Osteuropa, statt auch soziale Probleme unternehmerisch anzugehen.“

Wie sich Ökonomisches und Soziales sinnvoll verbinden lässt, zeigt ebenfalls Finalist Horst Ehrhardt auf vorbildliche Weise. Seit 1992 kümmert sich der Sozialpädagoge mit seinem „Bunten Kreis“ um die Nachsorge chronisch oder schwer kranker Kinder und bietet ihren Familien eine ganzheitliche Betreuung beim Übergang von der Klinik zurück nach Hause.

Finanziert wird seine Organisation durch Krankenkassen und Sponsoren. Einzigartig dabei ist die Kooperation mit dem Arzneimittelhersteller Betapharm. Gemeinsam hat man das gemeinnützige Beta-Institut gegründet, das den Bunten Kreis wissenschaftlich unterstützt und die Nachsorgekonzepte weiterentwickelt. „Das ist kein Sponsoring, sondern Markenentwicklung“, sagt Ehrhardt, der auch Geschäftsführer des unabhängig arbeitenden Instituts ist. „Was wir tun, muss auf die Marke Betapharm abfärben.“ Bisher offenbar mit Erfolg. So wachse der Pharmakonzern im Bereich Generika schneller als der Wettbewerb.

Wie Ehrhardt kümmert sich auch der von Petra Moske gegründete Verein „Nestwärme“ um Menschen, für deren Probleme der Staat keine Lösungen bietet. Die 41-Jährige Finalistin unterstützt Familien mit chronisch kranken oder behinderten Kindern. Ehrenamtliche Mitarbeiter beraten die Eltern und helfen ihnen stundenweise im Alltag. „Wir können den Betroffenen nicht ihr Schicksal abnehmen, aber wir helfen ihnen, es besser zu ertragen“, sagt Moske. Der Verein finanziert sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. 60 Prozent sind langfristige Zuwendungen, den Rest akquiriert die engagierte Unternehmerin immer wieder neu.

Am besten ohne Geld vom Staat auskommen

Andreas Heinecke, der auch ins Finale vorrückte, möchte dagegen möglichst bald von öffentlichen Mitteln völlig unabhängig sein. „Wir sind ein klassisches Unternehmen und leben von Eintrittsgeldern, Lizenzen und Beratung“, sagt der 50-Jährige. Seine 75 Angestellten bekommen ein festes Gehalt. Mit seinem „Dialog im Dunklen“ hat der promovierte Philologe ein neues Konzept für die Integration von Behinderten entwickelt, bei dem Blinde sehende Besucher durch eine stockdunkle Ausstellung führen. Insgesamt rund fünf Millionen Menschen haben weltweit die 130 Wechselausstellungen in 18 Ländern besucht. Derzeit laufen sieben Dauerausstellungen. Ein weiterer, stetig wachsender Geschäftszweig ist das Angebot von Managertrainings – beispielsweise zur Teambildung: Die Führungskraft geleitet die Mitglieder der Gruppe durch die Dunkelheit. „Dann hat jeder nur noch seine Stimme und kann nicht auf das gewohnte Verhaltensrepertoire zurückgreifen“, erklärt Ex-Journalist Heinecke.

Inzwischen macht sich der Unternehmer Gedanken, wie er das weitere Wachstum seiner Firma steuert, hält Ausschau nach strategischen Partnern und spricht mit Finanzinvestoren. „Ich bin auch bereit, Firmenanteile zu verkaufen, um „Dialog im Dunkeln“ weiterzuentwickeln und mich stärker in Lateinamerika und Osteuropa zu engagieren“, sagt Heinecke.


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