01.11.2006

Foto: Photocase.com

Porträt

Der Börsentherapeut

von Tobias Aigner

Geboren wurde er in der DDR. Heute fühlt er den Puls des großen Geldes in der Londoner City. Rolf Elgeti gehört zu den besten Aktienstrategen Europas. Der 29-Jährige berät Fondsmanager rund um den Erdball - und wird dabei manchmal fast zum Psychologen.



Die Straßen sind leer gefegt. Nur ein Fuchs streunt an diesem Donnerstag morgen durch den Londoner Stadtteil Hampstead. Als sich am unteren Ende der Carlingford Road eine Haustür öffnet, hebt er verdutzt den Kopf. Hat er sich in der Zeit geirrt? Hat er nicht: Es ist 5.15 Uhr – Beginn des Arbeitstages von Rolf Elgeti.

Der Mann, der im dunkelgrauen Anzug und mit zinnoberroter Krawatte die Straße betritt, ist früh dran. Jeden Tag – und im ganzen Leben. Im Alter von nur 29 Jahren ist Elgeti Chef der Aktienstrategen bei ABN Amro, Hollands Invest-mentbank Nummer eins. Fast alle der weltweit 100 größten Fondsgesellschaften gehören zu seinen Kunden. Rund 2000 Geldmanager von New York bis Sydney lesen seine Markt- und Aktieneinschätzungen. Und viele handeln danach, wenn sie ihr Kapital, schätzungsweise 25 Billionen Dollar, um den Erdball schieben.



Elgeti ist bekannt in der Szene. Dafür hat er selbst gesorgt. Er ist kein abgehobener Analyst, der im Londoner ABN-Glasturm ständig über Bilanz- und Konjunkturdaten brütet, sondern das wandelnde Sprachrohr eines fünfköpfigen Teams, ein Handlungsreisender in Sachen Börsenprognosen. 100 Tage im Jahr düst er um den Globus. Manchmal hält er in einer Woche in 13 verschiedenen Städten 50-mal die gleiche Präsentation. Den Puls des großen Geldes fühlt der gebürtige Mecklenburger auch in seinem Großraumbüro; wo Schilder mit der Aufschrift „Versorger“ oder „Pharma“ den Weg zu den rund 70 Analysten weisen – gerade so, als müsse man sie in den langen Reihen suchen wie Schrauben oder Tapeten in einem Baumarkt. Hier sitzt Elgeti an einem blauschwarzen Schreibtisch und telefoniert regelmäßig mit rund 200 Geldverwaltern. Manchmal wird er dabei zu einer Art Börsentherapeut. Wenn einer anruft und sagt: „Ich muss in einer Stunde vor dem Anlageausschuss meine Investmentideen präsentieren. Und ich habe keine Ahnung, was ich erzählen soll.“ Dann hilft Elgeti. Erklärt, warum die Börsen der Bric-Länder ausgereizt und die Ölwerte billig sind. Wie ein Psychologe nimmt er dabei die Perspektive des Klienten ein – für ihn ein Hauptbestandteil seiner Arbeit. „Manche Investoren sind brillant“, sagt er. „Es sind aber auch Leute darunter, denen würde ich mein Geld nicht geben.“

Elgeti muss Vorhersagen liefern – für Umsätze, für Gewinne, für Kurse. Und die müssen stimmen. Sollte man denken. „Dass unsere Prognosen immer eintreffen, ist aber nicht so wichtig“, erklärt der Stratege. „Die Kunden sehen das relativ locker.“ Sie legen mehr Wert auf stichhaltige Argumente als auf eine Punktlandung. Er selbst aber leidet, wenn sich eine Vorhersage nicht erfüllt. Zum Glück liegt Elgeti mit seinen gegen den Strich gebürsteten Analysen meist richtig. Wenn alle den Dollar-Verfall als Stimulanz für die Wall Street rühmen, schreibt er das Gegenteil. Wenn viele skeptisch sind, wie zu Beginn des Irak-Krieges, bläst er zum Einstieg. Ein Volltreffer. Nur die Verschnaufpause, die er zwei Monate später sieht, kommt nicht. Seinem Erfolg tut das keinen Abbruch. Im Thomson Extel Survey, einer Rangliste für Analysten, landete er seit 2004 in der Kategorie Aktienstrategen zweimal auf dem ersten Platz – und einmal auf dem zweiten.

Wenn Elegti redet, dann leise, aber im Takt einer Schnellfeuerwaffe. So vertont er den Rhythmus eines Lebens, das im Zeitraffer abläuft. Den Militärdienst leistet er bei den Fallschirmjägern – um seine Höhenangst zu überwinden. Sein Wirtschaftsstudium in Mannheim dauert sieben Semester, zwei davon absolviert er an der Elite-Uni Essec in Paris. Danach geht er nach London, arbeitet als Analyst bei UBS Warburg und wechselt als Aktienstratege zur Commerzbank. Vier Jahre später, er ist gerade 27 Jahre alt, unterschreibt er bei ABN Amro. Auszeiten gibt es in dieser Vita nicht. Genauso wenig wie im Alltag, den Elgeti gerne in Minutenscheiben einteilt. „Holen Sie uns bitte um zwei vor sechs wieder ab, nein, um eins vor sechs!“, sagt er zum Chauffeur, der ihn zum Interview bei CNBC fährt.

Die Kollegen bewundern ihn für seine Arbeitswut. Sie nennen ihn Rolfnator, weil er seine Aufgaben so gnadenlos erledigt, wie der Schwarzenegger‘sche Terminator seine Feinde. Und sie bescheinigen ihm Ausdauer. Mit gespieltem Entsetzen erinnert sich Michael Kapler, Equity-Sales-Mann bei ABN Amro, an lange Fußmärsche: „Wenn die Zeit reicht, nimmt Rolf kein Taxi, um in einer Stadt von Termin zu Termin zu kommen. Er läuft alles ab. Sein Lieblingsspruch ist: Schritt aufnehmen!“ Nur sein Chef bleibt kühl, wenn er über Elgeti spricht. „Seit Rolf da ist, arbeitet das Team zum ersten Mal am Optimum“, stellt Robert Lind fest. Auf seinem Manschettenknopf steht „I am the Boss“. Vielleicht nicht schlecht, darauf hinzuweisen, wenn man einen Rolfnator im Nacken sitzen hat.

Wer sich auf die Suche nach dem Ursprung von Elgetis Antrieb macht, muss in Rostock einen Regionalzug nehmen und elf Minuten fahren. Hier, in der flachen, sattgrünen Weite, im 3000-Seelen-Ort Broderstorf, ist der Börsenspezialist mit seinen zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen. In einer Gegend, über die Otto von Bismarck gesagt hat: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Mecklenburg, denn dort geht sie 50 Jahre später unter.“ Heute arbeitet Elgeti in einem Job, in dem die Welt in 50 Sekunden untergehen kann. Was für ein Gegensatz: zum Backsteinhaus seines Vaters am Ende der Kopfsteinpflasterstraße; zu den 30 Schafen, die dahinter weiden.

„Ich bin ziemlich streng, auch wenn ich manchmal sehr freundlich aussehe“, sagt Herwig Elgeti, promovierter Landwirt und ehemaliger LPG-Vorsitzender. Da ahnt man, wo Sohn Rolf den Fleiß her hat. Schon als Vierjähriger jätet er mit dem Vater das Unkraut, mit sechs hilft er bei der Rübenernte. Vier Jahre später betreibt er eine Kaninchenmast, mäht morgens vor der Schule zwei Stunden den Rasen und füttert die Tiere.

„Rolf war immer extrem ehrgeizig, auch in der Schule“, erinnert sich der von der Landarbeit braun gebrannte Vater. „Eine Zwei war für ihn schon eine Niederlage.“ Und mit Niederlagen wollen sich die Elgetis nicht beschäftigen. „Ich komme vom Land. Wenn meine Tiere was zu fressen brauchen, kann ich nicht sagen: Ich bin gerade im Tief“, erklärt der 49-jährige Herwig Elgeti. Der Sohn hat die Einstellung offenbar verinnerlicht. Rückschläge? „Viele kleinere Dinge sind suboptimal gelaufen“, sagt er. Punkt. Ein Freund erzählt, wie sie Rolf bei dessen Hochzeit damit aufgezogen haben, dass er durch die Führerscheinprüfung gefallen ist – und wie unwohl der Bräutigam sich dabei fühlte.

Bei seinem Perfektionismus wundert es kaum, dass Rolf das Abitur mit 1,0 bestand. Dass seine Schulkameraden ihn zum Klassensprecher wählten. Dass er fünf Leistungskurse belegte und ebenso viele Sprachen spricht. Dass seine Lehrer noch heute stolz auf ihn sind. Dass er die Generation Golf aus dem Westen wegen ihres „Freizeitproblems“ bemitleidet. Und dass er seine Altersgenossen aus dem Osten als die „größten Gewinner des Mauerfalls“ bezeichnet.

Ja, der Mauerfall. Im Dezember 1989, als er 13 Jahre alt war, kam er das erste Mal in den Westen. In einem alten Dacia fuhr die fünfköpfige Familie nach Lübeck. Der Vater musste das Kühlwasser auffüllen, weil der Motor sonst heiß gelaufen wäre. Am Schluss fiel der Auspuff ab. Berührungsängste hatte Rolf mit der neuen Welt nicht. „Ich fühlte mich schon damals in Sachsen oder Thüringen weniger zu Hause als in Hamburg.“ Und seine Zeit in der DDR? „Vielleicht hat sie mich zynischer gemacht. Die gleichen Lügen glaubt man nur einmal“, sagt er. „Als Analyst muss man zynisch sein. Alles hinterfragen, nichts glauben.“ Der Sozialismus als Schule für eine Blitzkarriere an den Finanzmärkten – habt Dank, Genossen.


© 2006 capital.de

Was die Leser sagen

Andreas
07.11.2006 | 09:09
Hilfe kommt!

Hallo BeimGoethe,
"Alles hinterfragen, nichts glauben.": Ich gebe Ihnen recht, dass es grundsätzlich richtig ist alles zu hinterfragen, das
halte ich nicht anders. Das haben Sie getan (und leider auch etwas mehr), aber in diesem Fall kann ich Sie beruhigen und
Sie dürfen das alles glauben, was unter anderem auch an der Recherche von Tobias Aigner liegt. Wenn, dann haben wir Rolf
Elgeti verkauft, aber ganz sicher er sich nicht selbst.
Ich bin ein langjähriger Freund von Rolf Elgeti und ihn als "Aufschneider" zu bezeichnen ist völlig fehl am Platz. Zumal
Sie ihn nicht kennen. Ich bezeichne Sie ja auch nicht als "Neider"!
Leider ist aus ihrer Hinterfragung eine Wertung geworden, ansonsten wäre Ihr Kommentar sicherlich in Ordnung gegangen.
Gruß, Andreas.

BeimGoethe
04.11.2006 | 20:29
Hilfe Guru!

Hilfe Gurustory! kann man da nur sagen. Wer soll solche Geschichten eigentlich noch glauben? Insofern sollten die letzten Sätze auf den gesamten Artikel bezogen werden: "Die gleichen Lügen glaubt man nur einmal!" Es gab schon genug vermeintliche Aktienstrategen, die sich einfach nur gut verkaufen konnten und dann tief gefallen sind. Wenn solch ein Aufschneider bei 'meiner' Fondgesellschaft wäre, würde ich wohl sehr stark überlegen, das Geld abzuziehen, bevor es sich in Luft auflöst.
Und da ich selbst aus MeckPomm komme, nur eben etwas älter bin - mit Verlaub, ein 13jähriger Teeny kann eine gesellschaftliche Situation wohl kaum beurteilen. Insofern nochmals ein Zitat aus dem Artikel: "Alles hinterfragen, nichts glauben."

(Kommentare 1-2 von 2)

Ihre Meinung

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird nicht veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar


 
 
Capital - Suche
 
Marktinformationen

DAXTecDAXDowNAS
Chart
DAX TopsDiff %
Metro
Lufthansa
Adidas
Flops
Heidelberg
Deutsche B
SAP
DAX 6.147,97+0,22%
TecDAX 764,89-0,87%
MDAX 8.366,58-0,46%
DOW 10.465,94-0,01%
NASDAQ 1.864,00+0,20%
EUR/US 1,3060-0,16%
GOLD 1.169,00+0,56%
 Quelle: vwd netsolutions GmbH
Billigflieger-Vergleich
Daten vom: 31.07.2010 18:15
Top 5 - Preise Top 5 - Routen  
1. 25.00 EUR   SXF - STN
2. 25.00 EUR   NRN - STN
3. 29.00 EUR   FMO - TXL
4. 29.00 EUR   CGN - TXL
5. 34.99 EUR   CGN - GDN
Airline:
Preis:
Abflugort:
Flugziel:
Gefunden:
Flug am:

Zur Flugsuche