01.11.2006
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Foto: dpa

Fast 50

Von den Siegern lernen

von Reinhard Kowalewsky

Firmen wie Q-Cells oder Hotel.de sind die neuen Wachstumsstars. Dies zeigt eine Untersuchung des Wirtschaftsprüfers Deloitte, die Capital exklusiv vorliegt. Die Wege zum Erfolg.



Der Schnellere gewinnt. Und Anton Milner entscheidet schnell. Vor sechseinhalb Jahren baten drei Bekannte den langjährigen McKinsey-Berater um Rat für die Gründung ihrer Solarzellenfirma Q-Cells. Über Nacht hatte der gebürtige Brite eine Antwort parat: Am besten sei es, wenn er ins Gründerteam aufgenommen und Chef der neuen Firma würde. Der Rat lohnte sich für alle Beteiligten: Der Börsenwert von Q-Cells liegt inzwischen bei 2,1 Milliarden Euro. Allein Milners Aktienpaket ist 81 Millionen Euro wert. Der Umsatz des Solarzellenproduzenten stieg von knapp einer Million Euro im Jahr 2001 bis auf knapp 300 Millionen Euro im vergangenen Jahr – ein Plus von gut 33000 Prozent.

Damit ist Q-Cells souveräner Sieger des aktuellen Technology-Fast-50-Wettbewerbs, den die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte mit Unterstützung von Capital durchführt. Teilnehmen konnten deutsche Unternehmen, deren Wachstum auf der Entwicklung neuer Technologien rund um Internet, Telekommunikation, Energie, Software oder Life-Sciences basiert. Die 50 Firmen mit dem stärksten Umsatzanstieg seit 2001 schafften es in ein exklusives Ranking. „Diese Unternehmen zeigen, was hierzulande doch noch möglich ist“, sagt Deloitte-Partner Dieter Schlereth. „Von ihnen lernen, heißt siegen lernen.“ Die Top-50-Unternehmen weisen verblüffende Gemeinsamkeiten auf: Nahezu alle brillieren durch Teamgeist, klare und rasche Entscheidungen, exzellente Technik und ausgefeiltes, zuweilen un-gewöhnliches Marketing. Außerdem scheint sich Kontinuität in der Führungsetage zu lohnen: Die meisten Wachstumsstars der deutschen Wirtschaft werden auch nach teilweise vielen Jahren noch von ihren Gründern geführt – ebenso wie beispielsweise frühere Sieger der US-Wettbewerbe von Deloitte, zu denen etwa Google gehört. „Der Wille zum Erfolg ist maßgebend“, sagt Deloitte-Partner Frank Hülsberg.



In Deutschland liefert die Kölner Telekommunikations- und Internetfirma QSC ein beeindruckendes Beispiel für Kontinuität und Gründergeist. Im achten Jahr nach Start halten noch immer 16 von 18 Mitarbeitern der ersten Stunde dem Unternehmen die Treue. Sie folgten ihrem Vorstandschef Bernd Schlobohm, als der den Thyssen-Konzern wegen zu großer Bürokratie, die zu langwierigen Entscheidungsprozessen führte, verließ.

Co-Gründer Gerd Eickers hält ihm vom Aufsichtsrat aus den Rücken frei, an den meisten Schlüsselpositionen sitzen langjährige Vertraute. 650 Mitarbeiter werden zurzeit bei QSC beschäftigt, der Jahresumsatz stieg auf 200 Millionen Euro. Trotz der Expansion bemüht sich Schlobohm, die Stimmung früherer Zeiten zu bewahren: Der 46-jährige Chef speist – wie früher – in der kleinen Cafeteria. Gerade Mitarbeiter, die nicht zur Führungsmannschaft gehören, lädt er einmal im Monat zum „Business-Frühstück“ ein. Dort soll die Mannschaft sagen, was intern so alles schief läuft. Das hilft ihm. „Noch sind wir alles andere als ein Konzern“, sagt Schlobohm. „Bei uns wird weiterhin offen diskutiert, anstatt nur Vorstandsvorlagen zu schreiben.“ Eine solche Kultur macht rasche Entscheidungen möglich.

Schnelles Handeln verhalf auch Holger Aurich, Chef des Softwareanbieters Komdat, zum geschäftlichen Erfolg. Vor fünf Jahren setzte Aurich sich spontan ins Flugzeug, um neue Kontakte in Übersee zu suchen. Er verhandelte mit Google, eine gewinnbringende Kooperation entstand. Im Auftrag des US-Partners vermarktet Komdat seitdem Anzeigen für die Google-Internetseiten in Deutschland. Zusätzlich tüfteln seine Mitarbeiter an Werbestrategien für Kunden wie O2, Neckermann oder Tui. Der Erfolg gibt Aurich recht: Komdat hat keine Schulden und schreibt seit Jahren Gewinne. Der Umsatz liegt zurzeit bei 28 Millionen Euro – im Fünf-Jahres-Vergleich ein Plus von 28000 Prozent. Um weiter zu wachsen, holte der 32-jährige Aurich vor einem Jahr den zehn Jahre älteren Martin Stoehr als Mitinhaber in das Unternehmen. Stoehr, ein langjähriger Berater von Roland Berger, baut nun vorrangig das Marketing aus.

Tatsächlich werden nicht zuletzt ausgefeilte Werbeideen und ein kurzer Draht zum Kunden auch im Hightech-Business immer wichtiger. Dies bestätigt die Erfolgsgeschichte von Hotel.de.

Der Reisevermittler steigerte seinen Umsatz vor allem dadurch, dass die Führungsmannschaft um Vorstandschef Heinz Raufer die Reise- und Hotelunternehmer in langwierigen Einzelgesprächen von ihrem Angebot überzeugten. Vielen anderen Onlineagenturen war das zu mühsam. Als sich vor allem kleinere Herbergen entschieden, ihre Kontingente im Internet zu vermarkten, hatte Raufer große Teile des Marktes für sich. Davon profitiert der Bettenbroker, der vergangene Woche an die Börse ging, noch immer: Das Unternehmen vermittelt Übernachtungsmöglichkeiten selbst in ganz kleinen Orten, in denen die Konkurrenz nichts zu bieten hat.

Im Großkundengeschäft brachten dagegen ungewöhnliche IT-Kooperationen die gewünschten Erfolge. Raufers Computer sind enger als die anderer Herbergsvermittler mit den Rechnern internationaler Hotelketten verknüpft. „Gerade bei Messen schaffen wir so tolle Vermittlungserfolge“, erklärt der 42-Jährige sein Rezept. Jetzt will er sein Modell auf das Ausland übertragen, plant Niederlassungen in Paris und London, um das Geschäft mit Großkunden auszubauen.

Eine andere spannende Marktnische entdeckte Ralf Däinghaus, Gründer und Chef von Europas größter Versandapotheke DocMorris. Als Vertriebskanal für seine Arzneimittel nutzt er das Internet. Manche Apotheker nervt das, einige ziehen sogar vor Gericht. Däinghaus kann die Streitlust seiner Konkurrenten freilich gut verkraften. Bislang gewann er fast jeden Prozess – und jede Menge Popularität. Auf seinem Schreibtisch liegt ein 30 Zentimeter hoher Stapel mit Zeitungsartikeln. „Das ist das Medienecho der vergangenen Wochen“, sagt Däinghaus. Eine bessere Werbung sei für ihn „schwer vorstellbar“.

Die Internetapotheke verdankt ihren Erfolg vor allem einer geschickten Vermarktung. Weil der Versand von verschreibungspflichtigen Medikamenten in Deutschland verboten ist, liegt der Firmensitz zehn Kilometer von Aachen entfernt in Holland. Imagepflege betreibt Däinghaus durch enge Kooperationen mit Selbsthilfegruppen und Verbänden: Das schaffe Vertrauen bei Zehntausenden von Patienten.

Ein weiteres Konzept teilt sich DocMorris mit anderen schnell wachsenden Unternehmen: Neueste am Markt verfügbare Technik, die dem Kunden nutzt, wird in den betrieblichen Arbeitsablauf integriert. So überprüft zum Beispiel ein Spezialscanner alle eingehenden Rezepte automatisch auf Echtheit. Die Folge: Wenn Ärzte einem Patienten miteinander unverträgliche Mittel verschreiben, rebelliert der Computer. Nutznießer ist der Patient. Er bekommt telefonisch einen anderen Vorschlag für die Zusammenstellung seiner Medikamente.

Auch andere Unternehmen, die es ins Fast-50-Ranking schafften, verdanken ihren Erfolg einer ausgeklügelten Technik, die eine Alleinstellung im Wettbewerb verspricht. So gelang dem Internetspezialisten Freenet die Entwicklung eines neuartigen Modems, das den schnellen DSL-Standard besonders gut mit der klassischen Telefonie verbindet. Die Hamburger profitieren davon: Hunderttausende Neukunden trieben den Umsatz auf inzwischen 715 Millionen Euro. Der Wachstumskurs wird von Deloitte ebenso wie bei Funkwerk mit dem Sonderpreis „Sustained Exzellence“ prämiert.

Erfolg durch geschicktes Marketing und modernste Technik – das bleibt auch die Devise beim Fast-50-Sieger Q-Cells: Weit mehr als zehn Prozent des Umsatzes investiert das Unternehmen in die Fortentwicklung seiner Produkte. Die Fertigungskosten sanken innerhalb von fünf Jahren um fast 60 Prozent. Gleichzeitig wurde die Leistungsfähigkeit der Solarzellen annähernd verdoppelt, Umsätze sprudeln. Damit gibt sich Q-Cells-Chef Milner aber nicht zufrieden: „Das Zeitalter der Solarenergie hat doch erst angefangen.“ Da müsse es möglich sein, in einigen Jahren „gut über eine Milliarde Umsatz“ zu schaffen.

Dieses Ziel will er erreichen. Und das, wie immer, schnell.


Was die Leser sagen

Simone Brundiek
02.11.2006 | 10:32
Artikel "Von den Siegern lernen" / Beispiel Versandapotheke

Guten Tag,
leider enthält der Artikel eine massive Fehlinformation. Der Versand von Arzneimitteln (auch von verschreibungspflichtigen) ist in Deutschland bereits seit schon fast drei Jahren (Januar 2004) erlaubt und nicht, wie Sie schreiben, verboten. Rund 1250 deutsche Apotheken haben derzeit eine Versandhandelserlaubnis. Man schätzt, dass 15-20 Apotheken Versandhandel im größeren Rahmen betreiben, dass heißt, als so genannte industrielle Apotheke mehr als 1.000 Arzneimittellieferungen täglich aussenden. Marktführer ist die niedernächsische Sanicare-Versandapotheke, die pro Tag über 5.000 Pakete versendet.

(Kommentare 1-1 von 1)

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