Träume brauchen Sicherheit“, wirbt die Aachenmünchener Versicherung. In den eigenen Reihen sorgt derweil der Chef des Mutterkonzerns AMB Generali, Walter Thießen, für ein böses Erwachen. Für viele der 17000 Mitarbeiter im Konzern – bei Aachenmünchener, Volksfürsorge, Generali, Badenia, Cosmos, Central, Dialog und Advocard – hat Thießen schlechte Nachrichten. Konkret präsentiert er Details zu Personalabbau und Filialschließungen. „Es geht dabei nicht um Schönheitsreparaturen, sondern um eine Neujustierung unserer unternehmerischen Fundamente“, verkündet Thießen im aktuellen Mitarbeitermagazin. Hauptleidtragende des bevorstehenden Sparprogramms wird die Volksfürsorge mit derzeit 5300 Beschäftigten sein.
Thießens Konzept, bislang nur in groben Umrissen bekannt, dürfte eine Protestflut auslösen. Die Gewerkschaft Verdi plant bereits eine Demonstration für den 14. September in Hamburg. An diesem Tag wird auf der Betriebsversammlung der Volksfürsorge die Bombe platzen, mutmaßen die Gewerkschafter. Deshalb sollen AMB-Beschäftigte gemeinsam mit Mitarbeitern anderer gerupfter Gesellschaften auf die Straße gehen: der Allianz, dem Gerling-Ableger Aspecta und der Hamburg-Mannheimer.
Die AMB wird damit zu einem weiteren Brandherd der Versicherungsbranche. Seitdem die Allianz im September vergangenen Jahres erste Umrisse ihres drastischen Umbauplans verkündet hatte – sie will deutschlandweit 7500 Stellen streichen –, zogen Konkurrenten reihenweise nach. Zentralisieren, rationalisieren, Personal reduzieren; damit wollen sie Gewinnsprünge erreichen. „In Deutschland haben die Versicherer einen Abbau von fast 30000 Stellen für die kommenden Jahre fest eingeplant“, sagt Richard Sommer, im Verdi-Bundesvorstand für Versicherungen zuständig.
Strategieschwenk. In einem internen Brief schlägt AMB-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Monika Hendricks jetzt Alarm: „Der gesamte Konzern steht vor einer gewaltigen Umstrukturierung.“ Bekannt war bisher das konzernweite Projekt „Move“, nach dem 1000 Stellen wegfallen und die Kosten bis zum Jahr 2008 um 100 Millionen Euro sinken müssen. Jetzt allerdings schwenkt Thießen um. Im Move-Plan steht nur noch ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag, der durch ein ausgegliedertes Rechnungswesen in Aachen und eine konzernweite Verwaltung für Großschäden – voraussichtlich in Köln – eingespart werden soll. Stattdessen müssen nun die einzelnen Töchter in Eigenregie die Kosten kappen. Das wird mehr Jobs kosten als bisher angenommen, fürchtet ein Betriebsrat: „Die neuen Kürzungen haben eine weit größere Dimension als der alte Plan.“
Allein die Tochter Volksfürsorge muss demnach mindestens 80 Millionen Euro einsparen – also fast so viel, wie das erste Rationalisierungsprojekt für den gesamten AMB-Konzern vorsah. Der neue Vorstandschef Jörn Stapelfeld muss angeblich einen Rückstand bei Rationalisierungen aufholen und sich gegen eine drohende Zerschlagung des Unternehmens rüsten. Das dürfte Hunderte Stellen kosten. Verdi hält vor allem die 14 Schadenzentren für gefährdet. Die Betriebsvereinbarung zu übertariflichen Sozialleistungen hat Stapelfeld zum Jahresende bereits gekündigt. In der traditionell gewerkschaftsnahen Volksfürsorge wird es dann kein 14. Monatsgehalt mehr geben.
Vor Einschnitten sind auch die meisten Schwestern nicht sicher: So muss der Kölner Krankenversicherer Central etwa 15 Millionen Euro einsparen. Bei der Aachenmünchener hängen die Kürzungen von der Geschäftsentwicklung ab. Nach Informationen aus Betriebsratskreisen dürften mittelfristig von fünf Kundenservicedirektionen mit jeweils rund 200 Mitarbeitern nur zwei übrig bleiben: Köln und Karlsruhe. Stuttgart, Hamburg und Nürnberg werden demnach wohl dicht gemacht.
Auch die ausgegliederte Informationstechnik muss Federn lassen. Sie konzentriert sich künftig auf Aachen und Hamburg, die Standorte Köln und München stehen auf der Streichliste. Dagegen bleibt der Direktversicherer Cosmos ungeschoren. Die Saarbrücker setzen mit Beitragseinahmen von mehr als einer Milliarde Euro und Kostenquoten von 1,4 Prozent im Lebensversicherungsbereich schon jetzt Maßstäbe für die italienischen und französischen Versicherer der Gruppe, die ebenfalls ohne Außendienst arbeiten.
Unter Druck geraten demgegenüber die unternehmenseigenen Vertriebsleute – und zwar bei allen AMB-Ablegern: Sie sollen mehr Produkte der jeweiligen Schwestern verkaufen. Zudem nimmt die Geduld mit unrentablen Agenturen deutlich ab. Leuchtendes Vorbild für Produktivität ist die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), die bei der größten AMB-Tochter Aachenmünchener bis zu 80 Prozent des Geschäfts einfährt.
Trotz der energischen Gangart ist AMB-Chef Thießen längst nicht am Ziel – ihm sitzt die italienische Mutter Generali im Nacken. Europaweit Nummer drei hinter Allianz und Axa, zieht Generali die Kostenschrauben an. In der Heimat, in Österreich und in Deutschland heißt die Devise: „Fokus auf Profitabilität“. Denn der Triester Konzern mit dem geflügelten Löwen im Logo setzt zur Aufholjagd an. Mit 60 Milliarden Euro Beitragsvolumen erzielte Generali im Jahr 2005 einen Überschuss von 1,9 Milliarden Euro. Marktführer Allianz erwirtschaftete dagegen allein in der ersten Hälfte 2006 einen operativen Gewinn von 2,9 Milliarden Euro.
Zweikampf. Den alles überragenden Münchner Riesen würden die Triester zu gern auch in dessen Stammland übertrumpfen – zumindest auf einigen Feldern. Thießen schwört seine Mannschaften ein. „Wir wollen die Nummer eins im Ertrag und in der Vertriebskraft im deutschen Privatkunden- und Gewerbegeschäft werden.“ Bei Riester-Policen, Risikolebensversicherungen und Fondspolicen stellt er bereits die Marktführer. Allerdings haben diese Produkte noch einen mäßigen Anteil am Gesamtgeschäft.
Die Zielvorgaben, denen sich Thießen stellen muss, gleichen haargenau denen der Allianz: zehn Prozent mehr Gewinn pro Jahr. „Das heißt, dass wir 2008 etwa 410 Millionen Euro verdienen wollen“, präzisierte AMB-Finanzchef Dietmar Meister im Frühjahr. Ein ambitioniertes Ziel. Denn 2005 blieben erst 314 Millionen Euro Überschuss in der Kasse.
Die Allianz-Parallelen reichen bis zu den Pannen in der Kommunikation: Wie die Manager beim deutschen Allianz-Ableger, der Allianz Deutschland AG (ADAG), hatte auch die AMB Generali die Aufklärung der Mitarbeiter über seine Umbaupläne immer wieder aufgeschoben: Am 22. Juni, just als ADAG-Chef Gerhard Rupprecht die Kürzungen verkündete, wollte Thießen seine Führungskräfte in Berlin informieren. Unter PR-Gesichtspunkten ein geschickter Plan: Im Windschatten des öffentlichen Aufschreis über die Allianz-Kürzungen wären die AMB-Ankündigungen kaum beachtet worden. Doch Volksfürsorge-Chef Stapelfeld musste die anberaumte Mitarbeiterinformation abblasen, „weil die Machbarkeitsstudien aus den Projekten noch nicht den erforderlichen Reifegrad haben“, so ein internes Schreiben. Auch der nächste Termin, am 31. August, fiel kurzfristig ins Wasser. Seitdem rumort es immer lauter in den Tochtergesellschaften der AMB, die Mitarbeiter sind zunehmend verunsichert.
Selbst die Aktionäre wissen nicht recht, woran sie sind – 15 Prozent der AMB-Papiere sind in Streubesitz. Im Frühjahr lobte Generali 1,5 Milliarden Euro aus, um die Anteilseigner – damals hielten sie insgesamt knapp 30 Prozent – mit 98 Euro je Papier auszuzahlen. DieHälfte der Aktionäre winkte aber bis Fristende im April ab und setzte auf Nachbesserung. Doch nun ist Generali-CEO Sergio Balbinot mit 85 Prozent an der AMB zufrieden. Die 750 Millionen Euro, die im Auszahlungstopf verblieben sind, schießt er dem 2,2 Milliarden Euro teuren Einstieg beim italienischen Versicherer Toro zu.
Thießen wird die Strategie der Italiener weiter in die verzweigten Strukturen der AMB tragen. Zwischen 2003 und 2005 verschwanden bereits 1750 Stellen von den Lohnlisten. Die Töchter arbeiten heute längst nicht mehr so autonom wie vor seinem Amtsantritt 2002. Zwar gibt es noch die traditionellen Marken mit eigenen Zielgruppen und Vertriebstruppen. Aber viele Aufgaben sind bereits zentralisiert. Die AMB Generali Informatik etwa versorgt die gesamte Gruppe. „Damit sind wir der Allianz um zehn Jahre voraus“, schätzt ein Manager.
Sparsamkeit lebt Mathematiker Thießen auch selbst vor. Die Holding steuern nur er und Finanzchef Meister. 992000 Euro Festgehalt plus Erfolgsboni in Höhe von 1,5 Millionen Euro haben sie dafür 2005 zusammen verdient. 1999 hatte der damals fünfköpfige AMB-Vorstand noch 4,3 Millionen Euro eingestrichen.
Dividendenziel. Der Hunger des italienischen Löwen wächst – nicht nur, um der Allianz näherzukommen, sondern auch, weil er fürchtet, von der Pariser Axa geschluckt zu werden. Bis 2008 soll sich die Generali-Dividende verdoppeln. Der Appetit stellt Thießen mehr als Generali-Manager in anderen Ländern vor Probleme: Der hohe Lebensversicherungsanteil im Konzern wirkt wie eine Gewinnbremse. Die deutschen Lebensversicherer dürfen nur zehn Prozent ihres Nettoertrags für Aktionäre abzweigen, der Rest gehört den Kunden. Italienische Unternehmen dagegen können ihre Anteilseigner mit 20 Prozent bedienen.
Ein weiteres Manko der Deutschen: AMB galt bisher als in Triest schwach verdrahtet. Erst im März durfte ihr Chef in den Generali-Vorstand einziehen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter soll nun Lorenzo Kravina aufpäppeln – seit April ist der fließend deutsch sprechende Generali-Manager Generalbevollmächtigter für Deutschland.
Von 2008 an könnte der Umzug der Holdingspitze nach Köln die Bindung weiter vertiefen: Das flughafenfreie Aachen reizte die Italiener nicht gerade zum Austausch. Vielleicht kam Kravina auf Thießens Wunsch. Das klingt plausibel: Ein Verbündeter mehr, der in Triest für deutsche Anliegen wirbt. Skeptiker legen die Verbindung jedoch anders aus. Sie befürchten, dass die italienische Leine für AMB kürzer wird und der Druck auf deren Ableger zunimmt.
Der Frustpegel hier zu Lande steigt. Nicht nur bei Mitarbeitern an der Basis – sondern auch im Management.
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