18.05.2006
Proteste gegen Studiengebühren
Proteste gegen Studiengebühren
Foto: dpa

Hochschulen

Bildung auf Raten

von Henning Baethge

Trotz Gebühren muss niemand auf die Uni verzichten: Neue Studienkredite könnten sogar die Akademikerzahl steigern. Ein exklusiver Vergleich des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) bewertet erstmals alle Angebote.

Das CHE hat 41 Studienkredite in Deutschland geprüft und anhand von 15 Indikatoren bewertet. Die Methodik der Untersuchung finden Sie  hier.
Die detaillierten Ergebnisse können Sie als PDF  herunterladen.
Weitere Informationen zum Studienkredit-Test des CHE finden Sie  hier.

Der Mai begann an Deutschlands größter Uni turbulent. In Köln besetzten Studenten das Rektorat, sprengten eine Senatssitzung und bedrängten Rektor Axel Freimuth und einige Professoren so heftig, dass eine Hundertschaft der Polizei als Geleitschutz anrücken musste. Auch an den Unis in Bonn, Bochum und Bielefeld gab es in den vergangenen Wochen Tumulte. Der Grund war immer derselbe: Nordrhein-Westfalens Hochschulen können ab Herbst Studiengebühren erheben, die Protestler wollen das ver hindern. In Köln nannte ein „Stefan Wiesner“ - seinen richtigen Namen woll te er lieber nicht gedruckt sehen - das zentrale Gegenargument der Rektoratsbesetzer: „Künftig kann sich nur noch eine reiche Elite das Studium leisten.“

Das ist ein populärer Irrtum. Tatsächlich muss in Zukunft niemand wegen Geld mangels auf die Universität verzichten - zur Not gibt es die Gebühren von der Bank. Mittlerweile bieten viele Kreditinstitute neuartige, zinsgünstige Darlehen für Studenten an. Die ermöglichen es oft nicht nur, die Gebühren vorzufinanzieren, sondern auch den Lebensunterhalt zu bestreiten. Mit der Rückzahlung muss frühestens ein Jahr nach Studienende begonnen werden, die Höhe der Raten ist meist sehr flexibel aushandelbar. „Es gibt inzwischen eine erstaunliche Breite und Vielfalt an interessanten Kreditmodellen - darum glaube ich nicht, dass die Zahl der Studienanfänger wegen der Gebühren sinken wird“, konstatiert Professor Detlef Müller- Böling, Leiter des renommierten Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh.

Überblick. Er muss es wissen: Die Forscher des CHE, einer Gemeinschaftseinrichtung von Bertelsmann-Stiftung und Hochschulrektorenkonferenz (HRK), haben in Kooperation mit Capital erstmals eine umfassende Übersicht über die Studien kredite in Deutschland zu sam mengestellt und im Hinblick auf fünf Kernkriterien geprüft und bewertet. Das Resultat: Mehr als 40 Banken haben mittlerweile spezielle Angebote für angehende Akademiker. Darunter sind viele Institute, die sich nur an die Kunden am Ort wenden - etwa einige bayerische Volks- und Raiffeisenbanken, die das Rahmenkonzept ihres Dachverbands nutzen. Neun Anbieter sind landesweit tätig, sechs richten sich an alle Studenten in Deutschland.

Bei den Kreditmodellen existieren drei unterschiedliche Typen:

- Kredite zur Abdeckung der Studiengebühren von meist 500 Euro pro Semester: Solche Angebote gibt es von den staatlichen Förderbanken in den Bezahlländern Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Hamburg. Das Geld aus den Darlehen fließt gar nicht erst auf die Konten der Studenten, sondern direkt an die Unis. Vorteil: Für Bafög-Empfänger - immerhin ein Viertel aller Studenten - mindern viele Banken das Schuldenrisiko dadurch, dass sie eine Rückzahlungshöchstgrenze einziehen.

- Kredite zur Finanzierung der Lebenshaltung: Die Angebote von Deutscher, Dresdner und KfW-Förderbank mit monatlichen Auszahlungs raten von 600 bis 800 Euro rei chen ungefähr für das durchschnittlich 700 Euro teure Studentenleben. Vorteil: Schulabgänger können unabhängig von ihren Eltern studieren - und ohne nebenher arbeiten zu müssen. Bisher sind neun von zehn Studenten auf Geld von zu Hause angewiesen, zwei Drittel auf einen Nebenjob. Der Kredit kann sich auch finanziell lohnen: Wer ein Semester früher Examen macht, weil er ein Jahr lang nicht jobben musste, braucht im neuen Beruf in den ersten sechs Monaten insgesamt nur rund 10 000 Euro zu verdienen und hat den Kredit plus Zinsen schon erwirtschaftet.

– Bildungsfonds: Beim Geschäftsmodell von Careerconcept handelt es sich nicht um einen klassischen Kredit, sondern um einen Fonds. Interessenten durchlaufen ein Auswahlverfahren und erhalten bei Erfolg bis zu 1000 Euro pro Monat plus Studiengebühren aus dem Fonds. Vorteil: Das Risiko ist überschaubar, weil die Höhe der Rückzahlung vom Verdienst nach dem Studium abhängt. Als Betrag wird ein fester Prozentsatz des späteren Einkommens vereinbart, der auf mehrere Jahre gestreckt wird. Bei einem geringen Gehalt zahlt ein Absolvent also auch nur eine geringe Summe.

Daneben gibt es noch Studienkredite, die nur für einzelne, oft private Hochschulen gelten und helfen sollen, die dort viel höhere Gebührenlast zu tragen. Sie sind im CHE-Vergleich nicht enthalten.

Welches der untersuchten Angebote das beste ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Je nach Lebenssituation und Präferenz des Studenten bieten sich unterschiedliche Finanzierungsvarianten an (siehe:  „Tipps für alle Fälle“). Deshalb hat das CHE auch darauf verzichtet, aus der Bewertung der fünf Kernkriterien ein Gesamturteil zu ermitteln. „Jedes Angebot hat Vorteile und Nachteile“, sagt Projektleiter Markus Langer. „Der Einzelne kann am besten selbst entscheiden, ob ihm zum Beispiel niedrige Kosten wichtiger sind oder eine wirksame Risikobegrenzung.“

Schuldenrisiko. So hilfreich die neuen Kredite sein können, so besonnen sollten Studenten sie nutzen. Sonst droht die Gefahr, nach dem Examen mit unerwartet hohen Verbindlichkeiten dazustehen. Zwar sind die Horrorzahlen unrealistisch, mit denen ge bühren kritische Studentenvertreter und Sozialdemokraten etwa das Kreditmodell der bundeseigenen KfWBank von Anfang an zu diskreditieren versuchten: Bis zu 97500 Euro Schulden müsse ein Absolvent nach Studienende zurückzahlen, warnte die SPD-Fraktion. Doch auch die tatsächlichen knapp 60000 Euro Schulden, die bei Inanspruchnahme des KfW-Höchstbetrags von monatlich 650 Euro nach fünf Jahren Studium über zehn Jahre zurückzuzahlen wären, sind viel Geld für frisch gebackene Akademiker. Hinzu kommt eine weitere Unsicherheit: Der Zinssatz der Darlehen ist häufi g variabel - auch nach oben. Hochschulrektorenpräsidentin Margret Winter mantel rät daher zu Augen maß: „Man muss den Rahmen ja nicht komplett ausschöpfen. Oft hilft es schon, einen Kredit nur ergänzend zu anderen Geldquellen oder nur für eine bestimmte Studienphase aufzunehmen.“

Mit dem  Studentenkreditrechner der Finanzberatung FMH ermitteln Sie individuell Ihre Rückzahlungssumme.

Ihr Tipp wird schon jetzt be herzigt: Von den mehreren Tausend An trägen, die etwa seit dem offi ziellen Start des KfW-Studienkredits Anfang April ausgefüllt wurden, liegen nach Angaben der Bank viele unter dem Maximalbetrag. „Die Studenten verhalten sich sehr rational und risikobewusst“, berichtet KfWSprecher Alexander Mohanty.

Lückenschluss. Ein ohnehin geringes Schuldenrisiko trägt derjenige, der den Studienkredit nur für die 500 Euro Gebühren braucht: Die Tilgungssumme beträgt für ein fünfjähriges Studium inklusive Zinsen rund 7500 Euro. „Es geht um einen Kredit von einem relativ kleinen Betrag mit niedrigen Zinsen und flexibler Rückzahlung“, sagt Wintermantel. „Damit sind die Gebühren ausreichend sozial abgefedert.“

Auch CHE-Chef Müller-Böling fürchtet nicht, dass die Kredite abschreckende Wirkung haben. Im Gegenteil: In Deutschland könnte sogar die im internationalen Vergleich niedrige Akademikerquote von derzeit 20 Prozent eines Jahrgangs steigen. Denn weil die neuen Darlehen ohne sonst übli che Sicherheiten gewährt werden, sind nun auch diejenigen in der Lage, ein Studium zu finanzieren, die zwar kein Bafög bekommen, ihren Eltern aber trotzdem nicht auf der Tasche liegen wollen. „Hier gab es eine Lücke, die jetzt geschlossen ist“, analysiert der Experte.

Den Protest gegen Studiengebühren wegen angeblicher sozialer Ungerechtigkeit hat Müller-Böling noch nie verstanden: „Sozial ungerecht ist es doch vielmehr, wenn die gesamte Gesellschaft die Hochschulausbildung für eine kleine Minderheit bezahlt, die dann später auch noch überdurchschnittlich verdient.“

Zweckentfremdung. Kritik übt er allerdings an der Verwendung der Gebühren. Ein Teil kommt nämlich gar nicht den Hochschulen zugute, sondern fließt in Sicherungsfonds der Länder – in Nordrhein- Westfalen zum Beispiel gleich 23 Prozent der Einnahmen. Mit dem Geld werden die Rückzahlungsbegrenzungen für Bafög-Empfänger und Kreditausfälle finanziert. „Besser wäre es, die Länder würden selbst als Ausfallbürgen in die Bresche springen“, fordert Müller-Böling. Doch die halten sich angesichts leerer Kassen bisher überall zurück.

Das kann man vom Kölner Studenten Michael Knippel nicht sagen. Während seine Kommilitonen noch demonstrieren, hat der 22-Jährige die neue Chance der Studiendarlehen genutzt: Er ist einer der ersten, die einen Kredit bei der KfWBank aufgenommen haben. Von der bekommt er jetzt monatlich 300 Euro und muss daher nicht mehr so viel jobben. Gegen Studiengebühren hat Knippel nichts einzuwenden: „Ich bin bereit, für eine bessere Bildung Geld auszugeben.“


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