20.03.2006

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Motivation

Die Stimmungsmacher

von Ute Göggelmann

Wenn Kollegen derzeit mit mehr Elan arbeiten, könnte das an der Belohnung liegen: WM-Tickets. Kluge Strategen nutzen das Fußballfest zur Mitarbeitermotivation.

Matthias Malessa ist Personalchef von Adidas. Das hört sich erst einmal nach Akten, Meetings und Mitarbeitergesprächen an - wenn nicht gerade die Fußballweltmeisterschaft vor der Tür steht. Derzeit ist er eher in der Rolle des unternehmenseigenen Motivationsgurus. "Ich will die Adidas-Belegschaft an den 100 Standorten auf den Mega-Event einschwören", sagt er. Wie? Mit vielen WM-Tickets für die Mitarbeiter und mit Fußballpartys für all jene, die er nicht ins Stadion bringen kann. Sein Engagement ist kein Selbstzweck: Der Sportartikelhersteller will mit Hilfe der WM-Euphorie Umsatz, Ertrag und Marktanteil dies Jahr deutlich steigern.

Das Fußballfieber wird in den kommenden Monaten viele Menschen packen - kein Arbeitgeber wird es aus Forschungslabors, Büros und Konferenzzimmern aussperren können. Warum also nicht das Fußballturnier zur Mitarbeitermotivation nutzen?

Anreiz. Capital hat bei großen deutschen und internationalen Unternehmen nachgefragt, und siehe da: Nur in wenigen Fällen schreibt die Unternehmensführung Dienst nach Vorschrift während der Meisterschaft vor. Viele Entscheider zeigen sich noch großzügiger: Sie lassen die begehrten Turniertickets im Unternehmen verlosen, organisieren interne Fußballturniere und gemeinsame Fußballfernsehabende. Andere Entscheider nutzen die Meisterschaft, um gezielt die Leistung von Einzelnen zu belohnen. Und schließlich gibt es noch exotischere Aktionen, etwa wenn aus ganz normalen Mitarbeitern plötzlich WM-Reporter werden.

Die Wundertüten sind also gefüllt. Und die Verantwortlichen starten derzeit damit, die Stimmung in ihren Unternehmen langsam anzuheizen. Joachim Strunk etwa, Sprecher der Postbank und dort Projektleiter WM 2006, ist so ein Einpeitscher. Er hat ein Kontingent von 3700 Tickets zu verteilen: 100 davon bekommen die Führungskräfte, ein Drittel der verbleibenden Karten geht per Gewinnaktion an die Mitarbeiter und zwei Drittel werden als Belohnung ausgelobt. "Unsere Aktionen sind auf eine ansteigende Dramaturgie hin ausgelegt", sagt Strunk. Den Startschuss für den Run auf Tickets rief der Vorstandsvorsitzende Wulf von Schimmelmann auf einer Führungskräftekonferenz aus. Sie hatte die Integration des Bauspar- und Vorsorgespezialisten BHW und der 850 Filialen der Deutschen Post zum Ziel, die die Postbank vor Kurzem übernahm. Beide Einheiten sollen schnellstmöglich mit den bestehenden Strukturen der Bank zusammenwachsen. Mitarbeiter, die sich in den elf Projektteams rund um Vertrieb, Produkte oder IT besonders hervortun, dürfen ins Stadion. Die Integration sei viel Arbeit, dafür hätten sich die engagierten Mitarbeiter ein Dankeschön verdient, so Strunk.

Bei der Hamburg-Mannheimer fiebern alle den letzten Apriltagen entgegen. Dann verteilen die Direktoren des Versicherungsunternehmens Tickets an ihre Vertriebsmitarbeiter. Wer eine Karte für das Halbfinale oder sogar für das Finale in die Hand gedrückt bekommt, ist ein "Super-Goal-Typ". So heißen versicherungsintern die besten Policenverkäufer. Vertriebsprofis, die es mindestens bis zum "Goal-Typ" schaffen, bekommen immerhin Karten für ein Gruppenspiel. Der Rest muss sein Glück im 18-Meter-Raum in der Hamburger Zentrale versuchen. In dem mit Fußballdekoration und Fernseher versehenen Raum steht eine Glückslosbox für Teilnahmekarten der Mitarbeiter.

Bei Philips gehören Glück, Sammelleidenschaft und Kampfgeist dazu, um Eintrittskarten zu ergattern. "Wir haben ein Panini-Sammelalbum mit Klebebildern rund um das WM-Sponsoring herstellen lassen", sagt Michael Zerrath, Projektmanager Woldcup beim Unterhaltungskonzern. Im September 2005 lag es der Mitarbeiterzeitung bei. "Die Zeitungsständer in der Kantine wurden regelrecht geplündert", erinnert sich der Hamburger. Seitdem gibt es in jeder neuen Ausgabe ein Päckchen mit Sammelbildern. "Jetzt beginnen in den Büros die Tauschaktionen", so Zerrath. Unter den ersten 50, die das Album komplett beklebt haben, verlost Philips vier Tickets sowie Trikot, Kappe und Sporttasche. "Man spürt, dass die Mitarbeiter stolz sind auf ihren Arbeitgeber und den Beitrag des Unternehmens als Sponsor und Technologieausstatter in den WM-Stadien", so Zerrath. "Diese Euphorie geben unsere 18 000 Mitarbeiter natürlich auch an die Kunden weiter."

Andere Häuser, andere Sitten. Bei der Baumarktkette Obi hat sich die Idee Ticket gegen Leistung durchgesetzt. Das Wermelskirchner Unternehmen vergibt eine kleine Anzahl Eintrittskarten via Mitarbeiter- und Marktwettbewerbe. Die Obi-Zentrale vergleicht die einzelnen Märkte beispielsweise anhand von Kriterien wie Umsatzstärke, Kundenfreundlichkeit oder Erfolg von lokalen Werbekampagnen. Die Leiter der Siegermärkte bekommen dann die Tickets, die sie an ihre Leistungsträger weitergeben.

Mannschaftsgeist. Traurige Mienen sind dabei programmiert - weshalb so mancher WM-Projektmanager und Personalchef statt Einzelerfolgen lieber das Teamgefühl fördern möchte. Bertelsmann spendiert den Mitarbeitern und der Stadt Gütersloh, dem Firmenhauptsitz, eine 40-Quadratmeter-Bildwand. Darauf werden alle Spiele ab dem Viertelfinale zu sehen sein. Für die restlichen Spiele gibt es Fernseher in den Kantinen des Unternehmens. Wer seine Arbeit grundsätzlich nicht vernachlässige, dürfe auch den ein oder anderen Spielzug während der Arbeitszeit schauen, heißt es aus dem Medienkonzern - beispielsweise die Vorrundenpartie Deutschland gegen Ecuador, die an einem Nachmittag stattfinden wird.

Auch beim Automobilzulieferer Continental steht das Kollektiverlebnis im Vordergrund. Nach der angekündigten Schließung und Verlagerung eines profitablen deutschen Reifenwerks ins Ausland soll am Heimatstandort wieder Unternehmensfrieden einkehren. "Im Stadtbad in Hannover errichten wir eine Conti-Arena", sagt der WM-Projektleiter des Reifenherstellers, Alexander Lührs. "An jedem Spieltag werden jeweils andere Mitarbeiter und deren Familienangehörige in der Arena ein Spiel ansehen, inklusive Verköstigung und Partystimmung." Zusätzlich soll noch die Mitarbeiterweltmeisterschaft für das nötige Wir-Gefühl sorgen. 75 Herrenmannschaften und 10 Damenteams, bestehend aus Kollegen aus 26 Ländern, kicken derzeit um die Ehre und Endspieltickets. "Wir spüren dabei die Begeisterung der Belegschaft", sagt Conti-Personalvorstand Thomas Sattelberger. "Weltweit wächst die Identifikation mit dem Unternehmen Continental."

Auch bei der Telekom wird zusammengerückt und an mehreren großen Standorten auf Großbildschirmen Fußball geschaut. Denn bei dem Konzern kommen auf weltweit 250 000 Mitarbeiter 8000 zu vergebende Tickets, so viel zweigt das Management für die Belegschaft von dem Sponsorenkontingent ab, das 25 000 Tickets umfasst.

Einzelne Kollegen konnten sich bei dem Telekommunikationsunternehmen auf ungewöhnliche Weise ihren Platz im Stadion sichern - mit einem internen Interviewwettbewerb. Vor eineinhalb Jahren riefen die WM-Projektleiter im Intranet die Kollegen dazu auf, sich für ein Interview mit Christian Ramota, einem Handball-Nationalspieler, zu bewerben. Sandra Kauffner, eine 31-jährige Telekom-Mitarbeiterin aus dem Unternehmensbereich Audiotext, nutzte die Chance, meldete sich an und kam, wie zwölf weitere Kollegen, zum Zug. "Unsere Beiträge wurden ins Intranet gestellt und unsere Kollegen stimmten ab, welches Interview ihnen am besten gefällt", so Kauffner. Es folgte Schritt zwei: Die vier Sieger traten zu einem Casting vor der Kamera gegeneinander an, Kauffner sowie ein Kollege überzeugten und wurden offiziell zu Telekom-WM-Reportern benannt. "Ich habe mich unglaublich gefreut. Meine Vorgesetzten und Kollegen gönnen mir die Chance, einmal etwas ganz anderes zu machen", so die Anhängerin von Hannover 96.

Rollentausch. Diesen Rückhalt braucht sie, denn die WM-Reporterin zieht einmal im Monat für zwei bis drei Tage mit einem professionellen Kamerateam los, um kurze Filmbeiträge zu drehen. Ihre eigentliche Arbeit müssen dann die Kollegen für sie übernehmen. "Beim Confederations Cup habe ich beispielsweise rund um das Kölner Stadion die Stimmung der Fans eingefangen und in Zürich Fifa-Offizielle interviewt", sagt Kauffner. Auch Ex-Fußballnationalspieler wie Olaf Thon und Marco Bode bekam sie schon vor ihr Mikrofon. Bis zum Anpfiff der Weltmeisterschaft will sie aber in jedem Fall noch die Jagd auf aktuelle Nationalspieler aufnehmen.

Die Adidas-Mitarbeiter in Herzogenaurach haben zumindest die Chance, die argentinische Nationalmannschaft aus der Nähe zu sehen. Die Lateinamerikaner trainieren während der Meisterschaft auf dem Gelände des Sportartikelherstellers. Das ist für Personalchef Malessa nur ein Nebeneffekt in seinem Anfeuerungsplan. Mit zwei Kollegen vor Ort und 50 fußballbegeisterten Kollegen rund um den Globus will er das Phänomen Fußball in den Köpfen aller Mitarbeiter verankern. "Wir wollen der führende Sportartikelhersteller der Welt werden. Dafür müssen wir auch der attraktivste Arbeitgeber in der Branche sein", sagt Malessa. "All unsere Aktionen sollen ein Dankeschön und eine Wertschätzung an die Mitarbeiter sein." Dafür hat er sich einiges ausgedacht. Beispiele: die eigene Mitarbeitersportkollektion, mit schicken Poloshirts und Kappen, die nicht im Handel erhältlich sind. Auch der Wettbewerb um die besten Fußballwitze kommt gut an.

Am begehrtesten aber waren auch hier die WM-Tickets. Zwar müssen die 4000 verfügbaren Karten von den Mitarbeitern bezahlt werden, dies allerdings zu Sponsorenpreisen, also Selbstkosten. Das erste Kontingent von 2000 Stück wurde im Januar verteilt. "Weitere 2000 Tickets verkaufen wir in einer zweiten Runde", so der Personalchef. Da Adidas weder Übernachtungs- noch Fahrtkosten zu den Fußballspielen bezahlt, hat Malessa das Familiengastprogramm erdacht: "Kollegen etwa aus Frankreich oder Großbritannien geben an, zu welchem Spiel sie nach Deutschland kommen, und die Kollegen hier zu Lande melden sich als Gastgeber an", erklärt er. 50 Party- und Schlafstätten wurden so bereits vermittelt.

Vielleicht machen Malessas Vorgesetzte noch Geld für ein weiteres Kontingent an Mitarbeitertickets locker - damit alle im Konzern auch wirklich bis zum Anpfiff "Feuer und Flamme für ihr Unternehmen sind".


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